Tor UlvenAlles ist Sprache, tiefdunkle Sprache

Das Buch hat den Preis der unabhängigen Verlage gewonnen: Tor Ulvens "Dunkelheit am Ende des Tunnels" treibt uns sämtliche Illusionen aus. Von Christoph Schröder von 

© Droschl

Manche Kunstwerke lassen sich nur vom Ende, von der Seite des Todes betrachten. Wie beispielsweise könnte man The End von den Doors noch hören, ohne dabei an Jim Morrisons Pariser Tod zu denken? Noch drastischer: Joy Divisions letztes Album Closer, das zwei Monate nach dem Selbstmord von Sänger Ian Curtis in die Läden kam und fatalerweise auf dem Cover einen aufgebahrten Toten zeigte. Ähnlich verhält es sich mit Tor Ulvens Buch Dunkelheit am Ende des Tunnels , für das der Verlag die Gattungsbezeichnung "Geschichten" gefunden hat. Sie ist nicht ganz zutreffend, wenn man von Geschichten im konventionellen Sinne erwartet, dass einem eine Form von nachvollziehbarer Handlung, von Plot vermittelt wird.

Dunkelheit am Ende des Tunnels erhielt während der Frankfurter Buchmesse den Preis der Hotlist. Dieser Preis wurde von den Independent-Verlagen als Reaktion auf den Deutschen Buchpreis ins Leben gerufen, um die Konzentration des Lesepublikums auch auf Neuerscheinungen jenseits des Mainstreams zu richten. Bemerkenswert ist in diesem Jahr allerdings zweierlei.

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Erstens: Der Deutsche Buchpreis für Ursula Krechels Roman Landgericht ging an den Verlag Jung und Jung, der eindeutig zu den kleineren, auf hohem literarischen Niveau arbeitenden unabhängigen Verlagen zu zählen ist; ebenso wie auch der Droschl Verlag, der Tor Ulvens Buch publiziert hat (und sich zudem seit 1978 mit seinem Engagement für Autoren verdient macht; Ilma Rakusa oder Iris Hanika seien nur aus den vergangenen Jahren genannt). Zweitens: Bei beiden Verlagen handelt es sich um österreichische Unternehmen.

Jünger, wilder, unangepasster wollen die Independent-Verlage sein. Darum wird der Preis der Hotlist auch im Rahmen einer großen Party im Frankfurter Literaturhaus verliehen; ein Umstand, der sich allerdings nicht dahingehend ausgewirkt hat, dass die Jury ein besonders partykombatibles Buch ausgezeichnet hätte – im Gegenteil: Dunkelheit am Ende des Tunnels ist keine leicht konsumierbare Literatur .

Die Welt bleibt draußen

Es ist nicht nur die erste deutsche Übersetzung Ulvens; es ist gleichzeitig auch das letzte Werk, das er veröffentlicht hat: Im Mai 1995 beging Ulven im Alter von 41 Jahren Selbstmord. Vor diesem Hintergrund liest sich der letzte Text dieses durch und durch dunklen Buches wie ein poetologisches Autodafé: Ungeschrieben , so ist das Stück betitelt, das mit dem Satz endet: "Demnach ist es also leichter, ganz einfach zu sagen, dass ich nie existiert habe, nicht existiere und nie existieren werde."

Ulven, geboren 1953, begann seine Laufbahn in den siebziger Jahren als surrealistischer Künstler und veröffentlichte 1977 seinen ersten Lyrikband. Dann kamen die Krise und ein nervöser Zusammenbruch, nach dem Ulven seine Osloer Wohnung so gut wie gar nicht mehr verließ. Verschlossen ist auch Tor Ulvens Sprache, beinahe abgeriegelt gegen jegliche Form von Welt, die sich außerhalb der Enge des eigenen Zimmers, des eigenen Kopfes abspielt.

Leserkommentare
  1. Eine einminütige Wikipedia-Recherche hätte dem Autor gezeigt, dass Closer nicht "wenige Tage", sondern genau zwei Monate nach Curtis Tod erschien. Griffige Einleitung: gerne. Mit falschen Fakten: nein.

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich hätte nun gewettet, vor vielen Jahren in einer Joy Division-Biografie etwas Anderes gelesen zu haben. Wikipedia ist ja auch nicht unfehlbar. In diesem Fall allerdings stimmen die Angaben wohl. Aber, lieber besorgter Mitbürger, finden Sie nicht, dass das eine Petitesse ist und dass es im Bezug auf Tor Ulvens Buch (und darum geht es ja) keinen Unterschied macht, ob es wenige Tage oder zwei Monate nach Ian Curtis' Tod war, als das Album erschien?

    Redaktion

    Lieber bersorgter_mitbuerger,

    wir haben es geändert. Danke für den Hinweis.

    Mit freundlichem Gruß´
    D. Hugendick

  2. Ich hätte nun gewettet, vor vielen Jahren in einer Joy Division-Biografie etwas Anderes gelesen zu haben. Wikipedia ist ja auch nicht unfehlbar. In diesem Fall allerdings stimmen die Angaben wohl. Aber, lieber besorgter Mitbürger, finden Sie nicht, dass das eine Petitesse ist und dass es im Bezug auf Tor Ulvens Buch (und darum geht es ja) keinen Unterschied macht, ob es wenige Tage oder zwei Monate nach Ian Curtis' Tod war, als das Album erschien?

    Antwort auf "Schade: "
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    ...mag eine "Petitesse" sein, doch steht sie exemplarisch für den Verfall des deutschen Qualitätsjournalismus. Bei SPON oder Perlentaucher hätte es mich nicht gewundert, wenn falsche Fakten im Artikel stehen. Gewiss, niemand ist unfehlbar und als Freier Autor, kann man sich durchaus den einen oder anderen kontrafaktischen Fehltritt erlauben. Doch wenigstens in der Redaktion hätte man den Artikel entsprechend prüfen können, schließlich hat sie die Aufgabe, mögliche Fehler der Freien zu korrigieren!
    Wer kann mir garantieren, dass die weiteren Informationen stimmen, wenn bereits in der Einleitung ein grober Schnitzer vorkommt?

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

  3. Redaktion

    Lieber bersorgter_mitbuerger,

    wir haben es geändert. Danke für den Hinweis.

    Mit freundlichem Gruß´
    D. Hugendick

    Antwort auf "Schade: "
  4. 4. Es...

    ...mag eine "Petitesse" sein, doch steht sie exemplarisch für den Verfall des deutschen Qualitätsjournalismus. Bei SPON oder Perlentaucher hätte es mich nicht gewundert, wenn falsche Fakten im Artikel stehen. Gewiss, niemand ist unfehlbar und als Freier Autor, kann man sich durchaus den einen oder anderen kontrafaktischen Fehltritt erlauben. Doch wenigstens in der Redaktion hätte man den Artikel entsprechend prüfen können, schließlich hat sie die Aufgabe, mögliche Fehler der Freien zu korrigieren!
    Wer kann mir garantieren, dass die weiteren Informationen stimmen, wenn bereits in der Einleitung ein grober Schnitzer vorkommt?

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

    Antwort auf "Hmmm...."

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