Schriftsteller Alexis JenniSchonungslose Diagnose der Grande Nation

Alexis Jenni rührt mit seinem Debüt-Roman "Die französische Kunst des Krieges" an Tabus – von der Résistance über Indochina und Algerien bis heute. von Jan Schulz-Ojala

Alexis Jenni, Gewinner des Prix Goncourt, 2011 in Lyon

Alexis Jenni, Gewinner des Prix Goncourt, 2011 in Lyon  |  © Jean-Philippe Ksiazek/AFP/Getty Images

Und dieser große Wurf soll ein Romandebüt sein? Patrick Rambaud, Schriftsteller und Mitglied der Jury für den Prix Goncourt, war zunächst äußerst misstrauisch – nach allerhand schlechten Erfahrungen mit Pseudonymen. In seiner Le Monde-Rezension über L’art français de la guerre vom August letzten Jahres fand er zunächst, sogar der Name des Autors töne verdächtig. Und dann, eines Tages, die Erleichterung über Alexis Jennis Stimme im Radio: "Er existiert, er ist 48, er lebt in Lyon, er ist Biologielehrer, er zeichnet auch." Und: "Dieser erste Roman haut einen um."

Genau vor einem Jahr, Anfang November, gewann Alexis Jenni dann eben jenen Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, und das Staunen ist noch immer ganz seinerseits. Nun stellte er die frisch erschienene Übersetzung seines kolossalen 768-Seiten-Werks im Berliner Literarischen Colloquium vor und nannte sich bescheiden einen "Sonntagsschriftsteller, so wie es Sonntagsmaler oder auch Sonntagsangler gibt". Gewiss, in den vergangenen 20 Jahren habe er "vier, fünf, sechs Romane" an Verlage gesandt, ohne Erfolg, weshalb er die Rumschickerei eigentlich leid gewesen sei, sagt der elegant gekleidete Mann mit dem grauen Sechstagebart. Aber dann, eines Morgens, sei ihm die Charakterskizze einer literarischen Figur eingefallen, und sie habe, mit Bleistift gekritzelt, auf ein Post-it gepasst. Und los ging es doch noch mal, fünf Jahre später, mit einem fertigen Roman an die Verlage, und wieder ganz altmodisch: per Post.

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Man darf sich Alexis Jenni also als besonders glücklichen Menschen vorstellen. Aus einer provinziellen Gymnasiallehrerwelt, in der er im Fach "Sciences naturelles" Biologie, Geologie und Ökologie gleichermaßen vermittelt, ist er in den Olymp der französischen Literatur aufgerückt, in die Nachbarschaft etwa von Marguerite Duras oder Pascal Quignard, und zuletzt Marie NDiaye und Michel Houellebecq. In seinem Roman hingegen beschäftigt er sich vehement mit zwei düsteren Jahrzehnten, in denen Frankreich ununterbrochen Kriege geführt – und verloren – hat. Erst die Besetzung des Landes im Zweiten Weltkrieg und die Résistance, dann von 1946 bis 1954 der Indochinakrieg und schließlich das Gemetzel in Algerien, das erst 1962 mit der Unabhängigkeit des nordafrikanischen Landes endete. Und die Zwischenräume zwischen den Kriegen? "Gerade so lange", sagt Jenni, "wie es dauert, Soldaten per Schiff von einem Schauplatz zum nächsten zu bringen."

Der Held, dessen "physische Intelligenz, Entscheidungskraft und moralische Unkompliziertheit" Jenni auf das Zettelchen am Nachttisch notiert hatte, heißt Victorien Salagnon. Ein Krieger par excellence und nur insofern, wie sein Vorname suggeriert, ein siegreicher Teilnehmer dieses zwanzigjährigen Kriegs, als er alle Feldzüge überlebt hat. Als der Ich-Erzähler – ein vergleichsweise junger Taugenichts, der seinen Job ebenso klaglos drangibt wie seine Ehe und sein Leben mit dem Verteilen von Werbeprospekten fristet – ihn kennenlernt, ist Salagnon ein Veteran in Voracieux-les-Bredins, einer Fantasie-Banlieue von Lyon. Hier lebt er in einem hässlichen Einfamilienhaus mit seiner Frau Euridice Kaloyannis, einer jüdischen Algerienfranzösin, die er – seine letzte Kriegstat – vor bald 50 Jahren aus dem brennenden Algier gerettet hat. Von einem biografischen Abendfrieden allerdings kann keine Rede sein.

Nicht, dass dieses Ich ihn rücksichtslos konfrontierte; es erkundigt sich bloß, und dieser moralische Schwebezustand ist eine der Stärken des Romans. Zunächst neugierig wird der Erzähler auf Salagnon, als sich herausstellt, dass diese eigentlich unnahbare Bistro-Bekanntschaft ihr Leben lang gezeichnet hat – angefangen mit zahllosen Skizzen auf Patronen-Verpackungspapier. So kommt es zu einer Art faustischem Pakt: Du bringst mir das Zeichnen bei, ich erzähle dafür dein Leben. Nur dass die kühle, präzise Beichte einer mörderischen Biografie nicht etwa den Erzähler selber mephistophelischer werden lässt, sondern den Täter in aller Ruhe immer tiefer mit sich selber konfrontiert. Es ist eine ausschließlich dem Militär geweihte Lebensstrecke, die mit dem feurigen Widerstand eines jugendlichen Maquisards gegen die Nazis beginnt und mit der brutalen Unterdrückerrolle in Algerien endet. Und als der Erzähler die naheliegende Frage stellt, ob Salagnon dort, wie so viele französische Soldaten, auch gefoltert hat, ist es Zeit für die bitterstmögliche Bilanz.

"Wir haben uns an der Menschheit versündigt. Wir haben sie geteilt, obwohl es keinen Grund dazu gab. Wir haben eine Welt geschaffen, in der jemand, je nachdem welche Form sein Gesicht hatte, wie er einen Namen aussprach, wie er unsere gemeinsame Sprache modulierte, Untertan oder Bürger war", sagt Salagnon. "Wir haben uns darauf eingelassen, diese Welt zu verteidigen, und haben alle erdenklichen Sauereien begangen, um sie aufrechtzuerhalten." Und: "Wir haben uns alle wie Schlachter aufgeführt, wir alle."

Leserkommentare
  1. ich habe den Roman schon vor ca. einem Jahr im Original gelesen, wie auch übrigens "Les Bienveillantes". Der Vergleich fällt deutlich zuugunsten von Alexis Jenni aus. Ich fand den Roman zäh zu lesen: Die gute Absicht (hier:gegen den Krieg) allein reicht m. E. nicht um einen wirklich interessanten Stoff auch für den Leser packend zu gestalten.

  2. des letzten Jahrhunderts "Wohlgesinnte" gab - und wenn ja, ob es die französischen oder britischen Imperialisten waren - ist ja bis heute ungeklärt und ein solcher Roman deshalb sehr zu begrüßen. Unterschiede der imperialen Strategien gab es durchaus, exemplarisch abzulesen von der Fast-Kriegs-Situation der Faschodakrise 1898: da übergab ein schwarzer Sergeant in französischer Uniform die diplomatische Note an den britischen General Kitchener, der seinerseits vorgab, im Dienst des ägyptischen Khediven zu handeln und deshalb eine ägyptische Uniform trug

    • Shlumpf
    • 06. November 2012 17:03 Uhr

    Könnte man den Begriff "Grande nation" mal beiseite lassen? Dieser Begriff wird nur in Deutschland benutzt und auch nur dann, wenn es darum geht die Franzosen in einem schlechten Licht darzustellen.
    Sowas wäre von der BILD zu erwarten, aber nicht von der ZEIT

    • xpol
    • 06. November 2012 18:15 Uhr

    ... Franzosen und ihr Militarismus.

    Seit ihnen vor 200 Jahren die Raubzüge nach Deutschland endgültig verleidet wurden, ist ihnen militärisch nichts mehr gelungen.

    Zeit, daraus die Konsequenzen zu ziehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    in WK I haben sie sich ganz gut geschlagen, auch wenn sie den Krieg nicht wirklich gewonnen, sondern lediglich "nicht verloren" haben.

  3. 5. Na ja,

    in WK I haben sie sich ganz gut geschlagen, auch wenn sie den Krieg nicht wirklich gewonnen, sondern lediglich "nicht verloren" haben.

    Antwort auf "Ach die ..."
  4. Sie können es sich einfach nicht verkneifen. Jeder drittklassige Provinzjournalist versucht es krampfhaft irgendwie in seinen Artikel zu bringen, und wenn einem eben gar nichts besseres einfällt, muss es eben in den Titel. Immer, wenn ich diese beiden Worte - "Grande Nation" - lese, d.h. in praktisch jedem Artikel über Frankreich, stößt es mir innerlich auf. Hinter diesen Worten verbirgt eine so unglaublich dumpfe, spießige Ignoranz. Man gibt sich ja sonst so gerne post-national, multi-kulti, Weltbürger, oder was weiß ich was. Aber da mieft es dann plötzlich nur so nach deutsch-national gefärbtem Stammtisch-Provinzialismus.
    Ehrlich gesagt, mir ist bis heute nicht klar, wie sich so etwas in einer an sich anspruchsvollen Zeitschrift wie der ZEIT bis heute halten konnte. Das hat einfach nur noch BILD-Niveau. Wenn überhaupt.

    • dacapo
    • 18. November 2012 13:19 Uhr

    Wie auch immer man über diesen Begriff denken mag, Frankreich (mit den Franzosen)fühlt sich als die "Grande Nation", ohne wenn und aber und nach wie vor.

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