Platon also. Keinen Kronzeugen würden wir weniger an diesem Ort erwarten. Für einen Moment müssen wir innehalten und erklären, was der Großphilosoph des Abendlands, Platon, mit einer Schmuddelkneipe in Hamburgs berühmtem Puffviertel zu tun haben könnte.
Platon hat in der Antike keine Essays geschrieben, sondern lebendige Dialoge zwischen Menschen, in denen die Figur des Sokrates eine wichtige Rolle spielt. Es ist historisch belegt, dass dieser Sokrates existierte, jedoch nicht, ob er jene geistigen Abenteurer, die Platon ihm in seinen Texten unterstellt, tatsächlich durchlebte. In einem dieser Dialoge jedenfalls, er heißt »Symposion« und ist einigermaßen berühmt, spricht der bärtige, barfüßige Weise vor seinen Freunden über den Eros, die begehrliche Liebe. Sokrates sagt sinngemäß: „Der rechte Weg der Liebe ist jener, auf dem man dem Schönen folgt. Zuerst, indem man einen bestimmten schönen Körper liebt und begehrt. Dann, indem man über diesen Einzelkörper hinaus das Schöne in allen Körpern sieht. Zuletzt, indem man das Schöne in den Handlungen sieht, die diese Körper vollbringen und das Schöne in der Erkenntnis sieht, die einem diese Stufenleiter der Liebe ermöglicht.“
Auf eben jene Szene aus Platons »Symposion« bezieht sich der Begriff der »platonischen Liebe«, von der gemeinhin angenommen wird, sie komme ohne das Körperliche, ohne Brüste und Scham, ohne Rundungen und Anzüglichkeit aus. Das ist, allen Philosophiegelehrten zufolge, falsch. Nie hat Platon gemeint, die Liebe komme ohne die Berührung der Körper aus, im Gegenteil.

Frage: Bei Platon beginnt die Liebe immer im Körperlichen.

Willemsen: Richtig. Anders als das, was viele Menschen im Umgangssprachlichen unter »platonischer Liebe« verstehen.

Frage: Würden Sie sich Platon anschließen?

Willemsen: Nicht mehr. Ich kenne eine Liebe, die erst fühlt und anschließend jeden Körper als Trägermedium für diese Liebe akzeptierte. Der Dichter Lenau ist im 19. Jahrhundert einmal an einer Büste von Platon vorbeigegangen und sagte: »Das ist der Mann, der die dumme Liebe erfunden hat.« Er meinte damit die rein geistige Liebe, die fand er dumm. Bei Platon beginnt aber alles auf der Ebene des Stofflichen und wird dann allmählich zur geistigen Idee. Das ist wie der Lehmklumpen als Grundlage für die Skulptur.

Frage: Das Körperliche ist also der Grundstoff, aus dem Liebe ist?

Willemsen: Das Begehren ist ein ebenso leiblicher wie seelischer Grundstoff, und meist übersetzt er sich in etwas Stoffliches. Die Liebe in ihrer Grenzenlosigkeit gemeindet sich deshalb unter Umständen sogar das Vulgäre, das Ordinäre ein.

Frage: Zum Beispiel?

Willemsen: Man gibt sich Tiernamen, spielt mit Befehl und Gehorsam, Dominanz und Unterwerfung. Bei de Sade streut jemand Oblaten auf den nackten Körper einer Frau, lässt Ratten in sie hineinlaufen. Dieser Phantast war der Meinung, man steigere die Lust, indem man die mit ihm verbundene Idee des Bösen steigere.

Frage: Das klingt zumindest ungewöhnlich.

Willemsen: Wohlgemerkt geht es nicht um das Praktizieren, es geht um den phantastischen Raum der Liebe, um Vorstellungen, in denen ein Mensch – Mann oder Frau, bei de Sade gibt es beides – souverän werden kann. Es geht um das Bild, das auf andere Weise die Lust stimuliert, als der Körper es tun kann. Das ist die Stufenleiter der Erotik, von der Platon spricht. Die Liebe emanzipiert sich vom Körperlichen allmählich zur Idee.

Frage: Bis der Sex nur noch im Kopf stattfindet?

Willemsen: Der Chinese kennt die Distanzorgie. Dabei gucken sich die Teilnehmer nur an und entblößen sich durch Zeichen und Bewegungen. An sich ist das eine sehr platonische Idee. Selbst in der buddhistischen Kultur heißt es, das größte Geschlechtsteil sei der Kopf.

Frage: Dann wundert es nicht, Roger Willemsen, den Kopfmenschen, manchmal in der »Ritze« auf der Reeperbahn zu treffen.

Willemsen: Ich habe hier schon viele schöne Abende verbracht. Der Dichter Wolf Wondratschek war der Liebhaber von Domenica, der berühmten Kiez-Hure. Er war deshalb öfters hier.

Frage: Haben Sie auch Kontakte ins Milieu?

Willemsen: Nein. Aber ein Bekannter führte mich mal in den Keller eines Hauses hier gegenüber, in dem die Halbwelt zusammensaß. Es war eine Katakombe mit niedrigen Decken, in der es eine Sauna gab und ein Becken mit wenig Wasser. Da saßen die Jungs mit den Prostituierten und amüsierten sich. Ein skurriles Milieu.

Frage: Wenn Sie davon erzählen, wirkt die »Ritze« wie ein Intellektuellentreff.

Willemsen: Das ist vielleicht zu viel gesagt. Aber es gab hier lange diese Heiner-Lauterbach-Welt, wie ich sie nennen möchte, die mit einer gewissen Romantisierung der Halbwelt einhergeht.

Frage:Sokrates hat einmal gesagt: „Begehren kann man nur das, woran es einem selbst mangelt.“ Zieht es Kopfmenschen deshalb in die Niederungen des Rotlichtmilieus?

Willemsen: Sagen wir es mal so: Der Kopfmensch kennt die Bühnenbilder der Liebe und der Triebabfuhr sehr gut. Aber eben nur als dekadente Fantasie. Ein Raum wie dieser ist dann der Ernstfall.

Frage: Also ein Ort, an dem der Bildungsbürger sich seine platonische Stofflichkeit holt?

Willemsen: Ja, dieses Milieu konterkariert seine Welt, alles hier. Die Schlägerei, die Begegnung mit dem Milieu, eine Vaginalakrobatin, die sich auf der Theke räkelt.

Frage: Kann die Realität halten, was der Traum verspricht?

Willemsen: Selten. Einmal fuhr ich mit einem Glücksspieler aus Las Vegas durch die Wüste von Nevada. Das war für einen ARTE-Themenabend über Bordelle der Welt. Und in der Limousine erzählt mir dieser Mann, dass er gleich eine Prostituierte durchnehmen will. Aussehen soll sie wie Cher. Und solche Brüste haben. Wir kommen im Bordell an, es ist kaum größer als vier Wohnwagen. Eine kleine Prostituierte mit Überbiss, Cellulite und einem missmutigen Blick sagt: »Gib mir das Geld und setz dich. Ich schau dich gleich an. Wenn ich irgendwas an dir entdecke, kannst du gleich wieder gehen.« Er sitzt auf der Bettkante und merkt: Er bekommt nichts von dem, was er sich gewünscht hat.