Buch "Glauben Sie noch an die Liebe?""Die Liebe hat immer etwas Vulgäres"
Seite 3/3:

"Es gibt eine Liebe in der Überwindung des Sex"

Frage: Nach diesem Gespräch mit Ihnen muss man eigentlich annehmen: Liebe ist erst mal und vor allem eines – Sex.

Willemsen: Oh nein, es gibt sogar eine Liebe in der Überwindung des Sex. Jetzt muss ich zur großen Ehrenrettung der Liebe ausholen. Es gibt eine Liebe in meinem Leben, die körperlos bleibt. Die aus symbolischen Akten besteht, aus Fürsorge, aus der Frage: Wie geht es dir? Aus der karitativen Handlung.

Anzeige

Frage: Wen lieben Sie so?

Willemsen: Das sage ich nicht.

Frage: Und welche Form der Liebe steht für Sie höher, der körperliche oder der symbolische Akt?

Willemsen: Ich lebe mit Letzterem dauerhafter. Meine Liebesgeschichten anderer Art sind befristet. Meist bin ich ebenso froh, in sie hineinzukommen, wie wieder aus ihnen hinaus. Häufig überwiegt Letzteres.

Während Roger Willemsen spricht, werden wir nachdenklich. Ist er, der bekennende Bordellgaffer, der Ritzengast, am Ende doch ein Romantiker? Ein rein-geistig Liebender? Sind die Anekdoten von Puffbesuchen in Nevada, seine Fernsehreportage über Bordelle und seine Gummislip-Geschichten von Bonner Prostituierten am Ende nur eine Chinesische Distanzorgie, der Flirt eines Bildungsbürgers mit dem Extremen, eine rebellische Pose gegen das Spießbürgertum? Willemsen ist im Redefluss, er öffnet sich für die Fragen nach seinem Privatleben. Um ihn herum füllt sich langsam das Lokal. Männer kommen herein und bestellen Bier.

Frage: Wann beenden Sie eine Liebschaft?

Willemsen: Wenn sich Langeweile einstellt, weniger Appetit aufeinander oder kaum Wiedersehensfreude da ist. Manchmal ist es grausam, die Ausbreitung der Lieblosigkeit zu verfolgen. In ihr möchte man nicht leben, auch nicht in der eigenen.

Frage: Grausam für die Person, der Sie Lieblosigkeit unterstellen?

Willemsen: Vielleicht. Neulich ist eine Geschichte mit einer Frau mitten in der Straßenbahn zu Ende gegangen. Eigentlich hatten wir einen schönen Abend, wir waren auf dem Heimweg. Aber ich spürte, dass sich etwas geändert hatte. "Du fragst nicht mehr, wie es mir geht oder was ich tue", sagte ich zu ihr. "Du fragst überhaupt nicht mehr." Sie stimmte mir zu. Wenn es dauerhaft passiert, ist die Tatsache aber, dass jemand nicht mehr fragt, schon ein Indiz dafür, dass er das große Allgemeine, die Liebe, auch gekündigt hat. Die Frau stieg an der nächsten Haltestelle aus.

Frage: Sie hätten ihr doch eine Chance geben können, mehr zu fragen
.
Willemsen: An dieses "An der Beziehung arbeiten" glaube ich nicht. Eine Beziehung muss sich von selbst verändern und erneuern. Diese Veränderung muss ursprünglich sein und darf nicht auf einen Befehl antworten.

Frage: Andererseits dauern Beziehungen wahrscheinlich nie lange, wenn man so perfektionistisch ist wie Sie.

Willemsen: Vielleicht habe ich nur ein hohes Ideal von einer Liebe, die sich dauernd aus sich selbst heraus erneuert, nicht ermüdet, nicht routiniert wird. Unreif? Bestimmt. Ich liebe Schöpfungsvorgänge. Die Liebe ist grandios, wenn zwei Menschen sie entdecken. Der erste Kuss. Das erste Mal nackt. In dem Moment, in dem dieser Prozess zu Ende ist, nach zwei Jahren oder drei Monaten, kommt man in eine Zone, die unproduktiv ist. Da wird es gefährlich.

Frage: Dann halten Sie die Ehe für ein sinnloses Konstrukt?

Willemsen: Sie soll schon mal funktioniert haben. Aber dem Sozialismus hat man definitiv weniger Chancen gegeben als der ehe. Von den glücklichsten Paaren, die ich kannte, existiert heute gerade noch eins.

Frage: Sie erinnern uns an Romeo in "Romeo und Julia".

Willemsen: Ach ja?

Frage: Bei Shakespeare ist Romeo am Anfang auch wie Sie. Er liebt den kurzen Reiz, den Flirt. Er liebt das Lieben, aber nicht die Frau. Dann trifft er Julia.

Willemsen: Wer wäre nicht lieber der Romeo vom Anfang? Aber täuschen Sie sich nicht: Ich liebe die Frau sehr wohl. Innig und beharrlich, aber eben nicht um jeden Preis, also nicht nur, weil ich es nicht aushalte, allein zu sein.

Frage: Wenn eine Beziehung wie ein Felsen ist, aus dem man eine Skulptur meißelt, dann tauschen Sie immer wieder den Felsen aus, anstatt an Ihrer Steinmetzkunst zu arbeiten.
 

Willemsen: Eine Beziehung ist aber nicht statisch wie ein Stein. Ich verändere mich in der Beziehung, die Frau verändert sich. Und wir driften. Das ist heikel und unter Umständen beglückend. Und was meinen Sie, wie viele nur meißeln, weil sie Angst haben vor dem Horror vacui des Alleinlebens? Daraus wird keine glückliche Ehe, und wenigstens belaste ich die Welt nicht mit einer unglücklichen.

Frage: Vielleicht verpassen Sie eine Form von Nähe, die sich erst nach zehn oder zwanzig Jahren einstellt.

Willemsen: Auf einer Weltreise habe ich mal ein Paar aus England getroffen. Wenn der Mann auf die Toilette ging, sagte die Frau: »Ist er nicht wunderbar?« Ging sie zur Toilette, sagte der Mann dasselbe über sie. Die hatten es begriffen. Die können das.

Frage: Und Sie?

Willemsen: Ich kann das nicht. 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Glauben Sie noch an die Liebe?" von Justus Bender und Jan Philipp Burgard, erschienen bei C. Bertelsmann.

 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • JLSorel
    • 21. November 2012 12:52 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren. Danke, die Redaktion/ls

  1. Diesen schulterklopfenden Pennälerschwulst hätte ich spontan auf ungefähr 1908 datiert - und das in einem von Albanern geführten und mit drogensüchtig gemachten Ukrainerinnen bestückten Etablissement von heute... einfach nur unterirdisch

    • mnrtst
    • 21. November 2012 13:55 Uhr

    Herr Willemsen' Leben bestimmt durch das Weck-Trauma und der Provinz Duisdorf. Roger out! Schau nach den Sternen, hab acht auf die Gasse!!! Und schaffen Sie sich Kinder an, Herr Willemsen. Dr. W. Backes sucht Nachfahren berühmter Persönlichkeiten.
    Noch eine Frage: Wo gab es auf der Hardthöhe Bunker? Zu Ihrer Zeit stand da das BMVg.

    • JLSorel
    • 21. November 2012 14:09 Uhr
    4. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Die Richtlinien der Moderation entnehmen Sie bitte der NetiquetteDanke, die Redaktion/kvk

  2. Ich schätze Roger Willemsen sehr. Allerdings, was die weiblichkeit angeht, hat er, nett ausgedrückt, mit Sicherheit ein Problem. Selbst vor der Kamera hat er sich da selten in den Griff bekommen. Das Gute ist, wir alle werden älter. Er auch. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jp

  3. es gibt körperliches begehren

    und man kann einen menschen lieben für das was er ist

    es gibt ein sprichwort was eigentlich alles dahingehend erklärt, also warum es männer/frauen gibt für die die körperliche liebe die einzige ist die existiert:

    „Kinder, die man nicht liebt, werden Erwachsene, die nicht lieben.“

    erzählen erwachsene verworrenes hinsichtlich "man kann nicht nur einen menschen lieben/man kann nicht lange treu sein/ körperliche liebe bla bla".

    dann können sie davon ziemlich sicher davon ausgehen, dass hier das genannte zitat zutrifft.

  4. Seit wann hat phalluszentriertes Machtgehabe wieder eine Medienbühne verdient? Menschen, die sich Menschen kaufen zur Befriedigung ihres Geschlechtstriebes oder diese herabsetzen, die Strukturen fortsetzen und neue Diskurse bremsen, hätten kritischere Fragen von Seiten der Interviewer verdient.

    PS. Ich habe nicht den ganzen Artikel gelesen, sondern nur Seite 1., mehr Raum wollte ich diesem Menschen nicht geben. Nun werd ich weiterleben ohne die Weisheiten auf Seite 3, die es mit Sicherheit geben mag, schließlich ist das hier ZO!

  5. Das Phänomen Willemsen verkörpert die Projektion unserer Gier nach Karikaturen des Denkers: verklemmt, manieriert, selbstverliebt. Falls er diese perverse Figur nicht idealtypisch "gibt", na danke.

    Besonders gelungen: Roger kündigt einem Ding in der Bahn fristlos wegen stummer Teilnahmslosigkeit! Rogers Befinden als stoffliches Substrat für "das große Allgemeine, die Liebe" - fraglos eine Schuldige: "Aber ich spürte, dass sich etwas geändert hatte. "Du fragst nicht mehr, wie es mir geht oder was ich tue", sagte ich zu ihr. "Du fragst überhaupt nicht mehr." Sie stimmte mir zu." Oh, dieses lieblose Ding!

    Doch taugt er als Richtschnur, Halt bietend, uns Unkundigen als Navi auf dem Pfad lebendiger Liebe?

    Roger ist studiert und belesen, nun gut, aber zugleich auch reuloser Kleinganove mit Faible fürs Milieu; neben menschenverachtender Prostitution romantisiert er Alkohol, Drogen und jugendliche Diebstähle (www.zeit.de/campus/2008/0...). Andererseits ebenso Roger: "Es gibt eine Liebe in meinem Leben, die körperlos bleibt. Die aus symbolischen Akten besteht, aus Fürsorge, aus der Frage: Wie geht es dir? Aus der karitativen Handlung." Ja, der mildtätige Roger erfragt das Elend!

    Nach diesem Interview ist Liebe fragwürdig - Liebe zu Roger. Aber ich denke, er wäre schon mit vulgär-ordinär Stofflichem zufrieden, Hauptsache "man gibt sich Tiernamen, spielt mit Befehl und Gehorsam, Dominanz und Unterwerfung."

    Erschreckend: Rogers kühler Blick auf den Menschen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Buch | Roger Willemsen | Liebe | Bordell | Jorge Luis Borges | Körper
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service