Buch "Glauben Sie noch an die Liebe?""Die Liebe hat immer etwas Vulgäres"

Justus Bender und Jan Philipp Burgard haben 18 bekannte Deutsche gefragt, ob sie noch an die Liebe glauben. Lesen Sie hier ihr Gespräch mit dem Autor Roger Willemsen. von Justus Bender

Roger Willemsen

Roger Willemsen  |  © AFP/Getty Images/JOHANNES EISELE

Wir hätten Roger Willemsen an einem Ort treffen können, der eines Intellektuellen wie ihm würdig erscheint: ein literarischer Salon irgendwo in Berlin vielleicht, wo Stofflampen ein schmeichelndes Licht verbreiten und junge Poeten verkehren, um über den, sagen wir, magischen Realismus von Jorge Luis Borges zu diskutieren. Doch stattdessen laden wir Roger Willemsen, den Schöngeist, in eine Reeperbahn-Spelunke namens "Ritze" ein, vor deren Tür sich auf beiden Seiten je ein nacktes Frauenbein aus Plastik in die Höhe reckt – um der Türöffnung in der Mitte eine vulgäre, pubertäre Pointe zu verleihen.

Frage: Herr Willemsen , können Sie Menschen verstehen, die solche Orte meiden?

Roger Willemsen: Das ist der Spießbürger. Er lebt ein Leben, das so sehr von Ordnung bestimmt ist, dass er die Übertretung nicht kennt. Das mag verständlich sein, aber so verhält er sich auch im Bett, wie er küsst, wie er schläft.

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Frage: Haben Sie schon einmal ein Bordell besucht?

Willemsen: Mehrere!

Frage: Erzählen Sie uns von Ihrem allerersten Bordellbesuch!

Willemsen: Das war in Bonn . Ich sah Frauen wie in Pralinenschachteln sitzen, die Beleuchtung war dezent, alles war in rotes Licht getaucht. Wenn nicht die Fernseher in den Zimmern der Prostituierten gelaufen wären, hätte ich das Gefühl gehabt, ich befände mich in Babylon .

Frage: Wie alt waren Sie da?

Willemsen: Vielleicht siebzehn.

Frage: Und Sie waren dort, um was zu tun?

Willemsen: Um zu gaffen. Mehr ging nicht. Ich war völlig unterlegen, eingeschüchtert, untauglich. Man sieht die Abgebrühtheit in den Gesichtern der Frauen. Dieses lieblose Verhältnis erlaubt kein Begehren.

Frage: Was hat Ihnen damals im Bordell gefehlt?

Willemsen: Ich war dieser Lieblosigkeit nicht gewachsen. Ein Freund, auch ein deutscher Intellektueller, ging als Student zu einer Prostituierten. Die Dame sagte, er solle sich ausziehen. Dann krempelte sie den Ärmel hoch und sagte: »So, dann schauen wir mal!« Das war so unerotisch für ihn, dass er das Zimmer fluchtartig verließ.

Frage: Sie hatten also nie Sex mit einer Prostituierten?

Willemsen: Doch. Das ist eine ganz unheimliche Geschichte. Ich war immer noch siebzehn, kurz vor dem Abitur, und saß in Bonn in einem Café. Am Tisch gegenüber saßen zwei Frauen, eine davon war Statistin am Zimmertheater, wo auch ich arbeitete, also redete ich ein bisschen mit ihr. Die Frau neben ihr hatte wasserstoffblonde Haare, dicke Arme und einen Kopf wie ein Kalb. Ihre Frisur dünstete Haarspray aus. Ich fand sie hinreißend. Sie hatte so etwas Voluminöses.

Frage: Das meinen Sie jetzt nicht ernst!

Willemsen: Doch, ich meine das ernst! Es ging ja nicht um das Subtile, sondern um das Plakative an ihr. Ich verstand mich gut mit ihr und sagte, dass ich sie gerne wiedersehen würde.

Frage: Und sie?

Willemsen: Gab mir ihre Telefonnummer.

Frage: Wussten Sie da schon, dass sie eine Prostituierte war?

Willemsen: Natürlich nicht! Ich dachte, sie sei Schauspielerin.

Frage: Wo fand das Treffen statt?

Willemsen: Auf dem Grundstück meiner Eltern hatte ich ein eigenes kleines Häuschen. Ich vereinbarte mit ihr, dass ich sie an einem bestimmten Ort mit meinem Motorroller abholen würde. Mein Plan war, sie zu mir zu fahren. Zweimal hat sie mich versetzt.

Frage: Und beim dritten Mal?

Willemsen: Kam sie und hatte einen Weihnachtsbaum bei sich. So einen Tischbaum mit Lametta, in Zellophanfolie eingehüllt. Sie sagte, den habe ihr ein Bodybuilder mitgebracht, dem sie am Nachmittag einen runtergeholt hatte.

Frage: Da wussten Sie dann ...

Willemsen: ... ja. Ich wusste dann, dass sie anders war.

Frage: Und Sie sind mit Ihrem Motorroller weggefahren?

Willemsen: Nein, ich bin mit ihr im Bett gelandet. Und das Erstaunlichste war, dass sie eine Art Gummislip trug, den man im Schritt mit einem Druckknopf lösen konnte. Und dann hat sie im Bett alles kommentiert. Wie Waldemar Hartmann bei einem Fußballspiel. Es war grässlich.

Frage: Wie viel haben Sie bezahlt?

Willemsen: Nichts. Ich glaube, sie hat das aus Mitleid getan. Nach dem Motto: Jetzt habe ich ihn zweimal versetzt, jetzt hat er es sich verdient.

Frage: Haben Sie diese Frau geliebt?

Willemsen: Sie hatte speckige Handgelenke, und ihr Körperpuder hatte etwas Aphrodisierendes. Ich habe etwas in ihr gesehen. Ich habe sie begehrt. Aber nicht geliebt. Ich wusste danach, was platonische Liebe ist.

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    • Schlagworte Buch | Roger Willemsen | Liebe | Bordell | Jorge Luis Borges | Körper
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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