Roman "Kapital"Den Geizhälsen geht's an den Kragen
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Niemand kann sich retten

Ein Blender und Zocker, dessen gesamtes Sein und Fühlen längst ausschließlich um verschwendetes Geld kreist: 35.000 Pfund im Jahr verschlingt alleine das Kindermädchen, 75.000 der als Drittwagen genutzte Lexus S400, 100.000 die unterschiedlichen Aufwertungsarbeiten am edlen Reihenhaus im Süden Londons. Sein Leben an der Seite seiner luxussüchtigen, verschwenderischen Frau Arabella hat sich unter der Hand in ein gefräßiges, nimmersattes Monster verwandelt. Als sich die in Millionenhöhe erwartete Bonuszahlung am Tag X auf gerade mal läppische 30.000 Pfund beläuft, bricht Younts fragile Finanzkonstruktion auseinander.

Gekonnt versteht es Lanchester mit seinem Roman über Menschen und Zahlen, diese zueinander ins Verhältnis zu setzen, um jene individuellen Fallhöhen anzuzeigen, aus denen seine Figuren infolge der weltumspannenden Finanzkrise ins Bodenlose stürzen.

Lanchester, der neben Romanen wie Die Lust und ihr Preis , Hotel Empire oder Miss Phillips von 6 bis 7 auch Artikel für den New Yorker verfasste, nimmt uns mit auf seinem Spaziergang und gönnt uns dabei immer neue, verstörende Blicke hinter deren Fassaden und in die heftig ins Stottern geratenen Herzen ihrer Bewohner. So liest man seinen Roman, in dem die Angst vor dem Untergang bald wie mit Händen zu greifen ist, mit wachsender Betroffenheit. Niemand kann sich retten: Nicht die Kioskbetreiber Shahid und Ahmed Kamal, die es sich zwischen den mit ihren vor der Zeit getätigten Haus-und Wohnungskäufen unversehens in die Oberschicht aufgestiegenen einstigen Mittelschichterlern einigermaßen kommod gemacht haben. Und auch nicht Smitty, Petunia Howes als Performance-und Aktionskünstler reüssierender Enkel, der sein Geld mit schrägen Aktionen scheffelt: Sie alle weht plötzlich der eisige Atem des Untergangs an.

John Lanchester hat eindrucksvolle Bilder für jene tiefgreifenden Umwälzungen im Herzen Londons gefunden. So finden sich seine Figuren am Ende auf jenes ominöse "Los" zurückversetzt, das beim Monopoly den bitteren Neuanfang markiert, den Startplatz für die nächste Runde. Denn das Rattenrennen geht weiter. So oder so.

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Leserkommentare
  1. "Das Kapital"? Gibts doch schon. War so ein Thriller von diesem Grisham, glaube ich.

  2. ist ideal, jede ist kritikwürdig.
    Ich meine, Aufgabe des Schriftstellers ist, diese Schwach-
    stellen aufzudecken, zu analysieren und, wenn möglich, zu
    verbessern.
    Persönliche oder Familienprobleme wie "Rote Rosen" sollten
    ernsthaft nicht seine Sache sein!

    • LaSilas
    • 20. November 2012 18:45 Uhr

    "Die Kaufkraft der Massen hat die galoppierende Schwindsucht. In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden. In Frankreich jammern die Weinbauern, daß die Ernte zu gut gerät. Stellen Sie sich das vor! Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und andere haben nichts zu essen."

    "Abwarten und Tee trinken, denkt man, und so schreitet die öffentliche Gehirnerweichung fort, daß es eine Freude ist."

    "Der Blutkreislauf ist vergiftet. Und wir begnügen uns damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der sich die Entzündungen zeigen, ein Pflaster zu kleben. Kann man eine Blutvergiftung so heilen? Man kann es nicht. Der Patient geht eines Tages, über und über mit Pflastern bepflastert kaputt."

    Zitate aus Erich Kästners Buch
    "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"
    Der Verlag lehnte Kästners Titel ab: "Der Gang vor die Hunde". Das Buch wurde von den Nazis später verbrannt.

    Interessant auch: eine Kulturgeschichte des Geizes, der nicht immer geil war. Es gab immer wieder Zins- und Wucherverbote. Auszug:

    "...dass Eliten nie freiwillig ihre Macht abtreten, sondern höchstens kleine Teile davon abgeben, um ihre Herrschaft durch diese scheinbare Großzügigkeit zu stärken. Die Gier nach Einfluss und Reichtum aber ist unersättlich."

    "Mein Geld! Meine Seele!: Die größten Geizhälse und ihre Geschichten" von Volker Reinhardt

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