Roman "Kapital"Den Geizhälsen geht's an den Kragen

Der Untergang der Zocker und Blender: Der Brite John Lanchester hat in "Kapital" einen knapp 700-seitigen, grandiosen Roman zur Finanzkrise vorgelegt. von Peter Henning

© Klett-Cotta

Ein Mann läuft mit seiner Kamera durch einen Stadtteil Londons, genauer: durch die fiktive Pepys Road, bleibt hier und da stehen, nimmt eine Haustür, eine Fensterfront, einen Zeitungsladen oder einen Vorgarten ins Visier seines Suchers und drückt ab. Später wird er Postkarten aus den Abzügen seiner Fotos anfertigen und sie jenen zusenden, die hinter den Türen oder Fensterfronten ihr mehr oder weniger behagliches Leben führen – ergänzt durch die unmissverständliche Botschaft: "Wir wollen, was ihr habt!"

Soweit die Exposition zu John Lanchesters Epos Kapital . Ein Roman, über dessen Erzählschleifen die Kampfansage jener gesichtslosen Habenichtse thront, die nicht länger reglos mitansehen wollen, wie eine kleine Zahl Wohlhabender ihrem Luxus frönt, während sie selbst tagtäglich ums finanzielle Überleben kämpfen.

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Lanchester, 1967 in Hamburg geboren, ehe es ihn mit seiner Familie zunächst in den Fernen Osten und später nach London verschlug, hat mit Kapital den Roman zur Krise vorgelegt. Der heimliche Protagonist ist das Jahr 2008, das Jahr der Lehmann-Pleite, das Jahr des Desasters. Und so schickt Lanchester ein gutes Dutzend Figuren ins Rennen, an dessen Ende die Erhaltung ihres einst errungenen Wohlstands steht oder aber eben dessen Verlust und der individuelle Niedergang. Dabei setzt Lanchester erzählerisch auf das Episodische, rückt – in alternierenden Auftritten –  Figuren ins Bild, denen wir immer lustvoller dabei zusehen, wie sie in den Fokus der Postkartenschreiber geraten. Wie sie sich bedroht zu fühlen beginnen. Wie sie Angst bekommen.

Alles kreist ums Geld

Da ist die betagte Petunia Howe, "der älteste Mensch, der in der Pepys Road lebte", die nach dem Tod ihres Mannes Albert, einem ausgemachten Geizhals, ein Dasein in selbstgewählter Zurückgezogenheit führt. Von rätselhaften Blackouts und kleineren Ohnmachtsanfällen geplagt, hat sich ihr Radius längst auf das Beobachten der Mitbewohner der Pepys Road verengt – und die Postkarte, die sie eines Tages aus ihrem Briefkasten zieht, ringt ihr zunächst nicht mehr als ein müdes, verständnisloses Kopfschütteln ab. "Da stand: 'WIR WOLLEN WAS IHR HABT' Darüber musste Petunia lächeln. Warum in aller Welt sollte jemand das haben wollen, was sie hatte?"

Und da ist der Banker Roger Yount, der zum Zeitpunkt, da Lanchester ihn im grellen Leitstrahl seines Erzählens bannt, an nichts anderes mehr denken kann, als an den millionenschweren Jahresbonus, der sein Luxus-Leben retten soll. Denn alles andere, und daran lassen Younts bald wild wuchernde Ahnungen keinen Zweifel, käme einem Desaster gleich: "Denn man hatte das Gefühl, dass das Geld jedes Mal, wenn man irgendwo hinging oder irgendetwas tat, nur so aus einem herausschmolz. Das alles machte Roger nichts aus, er war durchaus bereit, das Spiel mitzuspielen. Es bedeutete jedoch, dass er, wenn er dieses Jahr nicht einen Bonus von einer Million Pfund bekam, durchaus in Gefahr geriet, bankrott zu gehen."

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