ZEIT ONLINE: Mr. Smith, sind Sie geruchsempfindlich?

Roger Smith:(lacht) Gerüche sind starke, vielleicht sogar die stärksten Auslöser von Erinnerungen. Südafrika ist ein Land mit beißenden Gerüchen. Man riecht die Blumen, aber auch Angst und Furcht.

ZEIT ONLINE: 1994, vor achtzehn Jahren, wurde die Apartheid aufgehoben. Manche sehen die soziale Ungleichheit als neue Apartheid an. Wie beurteilen Sie die Lage?

Smith: Obwohl auf gesetzlicher Ebene die Apartheid beendet wurde, ist sie immer noch eine ökonomische Realität. Es ist traurig und eine Schande für Südafrika, dass es den Schwarzen und mixed races , die am meisten unter der Apartheid gelitten haben, immer noch am schlechtesten geht. Nur sehr wenige haben von den Veränderungen der letzten zwanzig Jahre profitieren können. Einige Dinge haben sich sogar verschlechtert. Südafrika ist eines der schönsten Länder der Welt. Ich würde nirgendwo anders leben wollen. Die Zeit nach der Befreiung 1994 war wundervoll. Auch für mich. Ich war immer ein Linker. Aber nach Mandela kamen Politiker an die Macht, die weniger heroisch und "normaler" waren. Sie konzentrierten sich auf ihre eigenen engen Interessen und nicht auf die Verbesserung der Lebenslage der Massen.

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Roman Stiller Tod spielt zu großen Teilen in den sogenannten Cape Flats . Was macht diese Gegend zu einem so interessanten Schauplatz?

Smith:Kapstadt ist die einzige Stadt in Südafrika , in der die Mehrheit der Bevölkerung nicht schwarz ist, sondern multiethnischer Herkunft. Von den etwa sieben Millionen Menschen im Großraum Kapstadt sind vier Millionen mixed , rund zwei Millionen weiß und der Rest schwarz. Ich bin in Johannesburg aufgewachsen und kenne Soweto und andere Townships. So übel auch die Apartheid war, in diesen schwarzen Siedlungen war die Stimmung immer optimistisch.

ZEIT ONLINE: Beobachten Sie neue Formen von Rassismus , beispielsweise seitens des ANC ?

Smith: Den gibt es zweifellos in einigen Fraktionen, aber vor allem eine große Wut. Das Versöhnungskomitee war eine fantastische Einrichtung, um Täter und Opfer miteinander ins Gespräch zu bringen, aber es gab doch viele Menschen, die sich nach einer härteren Bestrafung der Schuldigen sehnten.

ZEIT ONLINE: Eine Hauptfigur in Stiller Tod ist der Polizist Vernon, auch "Vermin" ( Ungeziefer, Anm. der Redaktion ) genannt. Er mordet, wenn es ihm passt, prügelt und erpresst. Kann er als repräsentativ für die südafrikanische Polizei angesehen werden?

Smith: Die traurige Wahrheit ist, dass die Polizeimaschine nicht funktioniert. Das hat mehrere Gründe. Während des Apartheid-Regimes diente sie den Herrschenden als Wachhund. Die Macht hatten weiße, brutale Rassisten. Jetzt sind schwarze Polizisten am Ruder, aber sie sind nicht gut ausgebildet. Die versierten, unpolitischen Kriminalermittler der alten Zeit haben meist die Polizei verlassen, oft aus ideologischen Gründen, auch weil sie nicht befördert wurden.

ZEIT ONLINE: Und wie steht es um die Polizei heute?

Smith: Polizisten werden so schlecht bezahlt, dass sie sich Nebeneinkünfte verschaffen müssen. Polizeiarbeit ist wahnsinnig gefährlich. Eine Patrouille in den Townships wird schon mal beschossen, weil sie mit Blaulicht unterwegs ist. Da passiert es leicht, dass ein junger idealistischer Polizist bei den Gangs landet. Die Statistiken sagen: Es sind 80 bis 90 Prozent, die auf die eine oder andere Weise mit den Gangs in den Cape Flats verbandelt sind. Die Polizei ist korrupt und ineffektiv. Leider ist das so.

Vor zwei Jahren wurde der nationale Polizeichef wegen Bandenverbrechen zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Vor vier Monaten musste sein Nachfolger gehen, wegen Korruption. Und das sind die Spitzencops! Was soll man da über einen Korporal in den Flats sagen. Daher war es niemals meine Vorstellung, police procedurals zu schreiben wie die Schweden : Ein paar gute Cops und einige wenige schlechte agieren in einem funktionierenden Rechtssystem.

ZEIT ONLINE: In Stiller Tod verfolgt der junge Detective Erasmus Vernon wegen Korruption. Als er aber die Gelegenheit bekommt, einen weißen reichen Softwareentwickler unter Druck zu setzen, scheint er selbst in Vernons Fußstapfen zu treten.