Smith: Nein, er versucht nur, den Weißen auszutricksen. Erasmus hält sich für einen ehrlichen Polizisten, und er ist es auch, nach südafrikanischen Maßstäben. Für mich ist er die Stimme des Polizei-Establishments, wenn er diesen Ausländer dingfest zu machen sucht.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Smith: Dazu erzähle ich Ihnen eine wahre Geschichte. Vor zwei Jahren kam ein indisches Ehepaar aus Großbritannien auf Hochzeitsreise nach Kapstadt . Der Ehemann wollte hier die Frau umbringen. Er dachte, das ist ein geeignetes Pflaster für sein Vorhaben. Er sprach buchstäblich den ersten Taxifahrer an, den er am Flughafen traf, und fragte ihn, ob er zwei Killer organisieren könnte, um seine Frau zu töten. Der Taxifahrer sagte ja und organisierte eine Fahrt durch die Townships, bei der die Frau entführt und ermordet wurde. Der Taxifahrer und die beiden Entführer wurden geschnappt und in drei Tagen verurteilt. Interessant ist, dass der Polizeichef anschließend erklärte: "Das ist nicht das wahre Südafrika! Hier sieht man es doch: Die Ausländer kommen hierher, und stiften unsere Leute an, ihre Verbrechen zu begehen. Ohne sie wäre Südafrika wesentlich friedlicher." Das ist natürlich Quatsch.

ZEIT ONLINE: Ein schrecklicher und besonders widerwärtiger Aspekt der Armut und Verwahrlosung in den Cape Flats ist der Kindesmissbrauch. In Stiller Tod erzählen Sie unter anderem davon, dass tagelang ein Baby vergewaltigt wird.

Smith: Gewalt gegen Kinder ist eine Epidemie in den Flats. Es ist empörend, wie viele Kinder vergewaltigt und getötet werden. Diese Gewalt wird von Generation zu Generation weitergegeben. Oft bringen Väter ihren Söhnen bei, wie man Kinder missbraucht. Besonders schlimm ist es, dass nur wenige darüber sprechen. Meine Frau ist in den Flats aufgewachsen. Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, wurden ausgegrenzt. Niemand wollte mit ihnen spielen. Es ist immer noch das größte Tabu. Dabei hat jedes Krankenhaus in den Flats eine Spezialabteilung für missbrauchte Kinder.

ZEIT ONLINE: Rührt sich denn kein Widerstand?

Smith: Allmählich wird das Schweigen gebrochen. Die Opfer reden, es kommt an die Oberfläche. Oft sind es auch ganz einfache Leute, die die Kinder bei sich aufnehmen und sich um sie kümmern.

ZEIT ONLINE: Gibt es Erklärungen für diese Epidemie?

Smith: Ich bin kein Psychologe, aber für mich hat das viel mit Identität und Selbstbewusstsein zu tun. Wenn Sie eine fragile Identität haben und sich verachten, weil Sie sich während der Apartheid angepasst haben, dann werden Sie destruktiv und zerstören, was Ihnen gehört, was schwächer ist: die Kinder. Wenn Sie erniedrigt wurden, halten Sie Ausschau nach den noch Schwächeren.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben diese Grausamkeiten sehr explizit.

Smith: Wenn ich sie beschönigen würde, wäre ich nicht mehr authentisch. Wie ich sagte: Südafrika ist nicht Schweden.

ZEIT ONLINE: Was sagen denn die Leute in den Flats selbst zu Ihren Büchern? Ich könnte mir vorstellen, dass dort nicht viel gelesen wird.

Smith: Ich bin oft in den Flats, etwa bei Verwandten und Bekannten meiner Frau. Dann sagt man mir, dass ich die Verhältnisse ziemlich korrekt beschreibe. Manchmal findet man allerdings, ich sei noch zu soft.