LiteraturbloggerBits über Bücher

Bloggen über Literatur – das macht hierzulande fast nur die Britin Katy Derbyshire, in englischer Sprache. Nun soll die Szene beim Open-Mike-Wettlesen belebt werden. von Johannes Schneider

Die in Berlin lebende Literaturübersetzerin Katy Derbyshire schreibt im Netz auf Englisch über deutsche Bücher.

Die in Berlin lebende Literaturübersetzerin Katy Derbyshire schreibt im Netz auf Englisch über deutsche Bücher.  |  © Doris Spiekermann-Klaas

Man liest das wirklich gern: wie die Bloggerin mit wenigen lakonischen Worten – "Ich möchte gar nicht so viel über den Plot erzählen" – die Handlung des neuen Romans Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters von Bachmannpreisgewinner Tilman Rammstedt zusammenfasst; wie sie von Partys auf der Frankfurter Buchmesse berichtet; wie sie bei alledem, gnadenlos subjektiv, Autoren und Texten der deutschen Gegenwartsliteratur mal richtige Rezensionen, mal nur wenige dürre Worte widmet. Wie da dem von der Kritik hochgelobten Clemens J. Setz und seiner Schreibe in einem Text über Jenny Erpenbecks Aller Tage Abend etwa nur am Rande das Verdikt "ein kleines bisschen schrullig" zuteil wird – wer zugleich Literatur und ein gewisses Maß an Respektlosigkeit mag, fühlt sich in solchen Halbsätzen gut aufgehoben. Im Originalton heißt es übrigens "a wee bit wacky". Denn geschrieben wird hier in englischer Sprache.

An einem Mittwochabend im November sitzt Katy Derbyshire in der "Bibliothek" des Kreuzberger Gasthauses "Max und Moritz". Die Regale dieses Hinterzimmers stehen voll unsortierter antiquarischer Ramschware – Doderers Strudlhofstiege steht neben dem Werther und Siegfried Lenz . Derbyshire mag den Ort und mag die Bücher. Sie organisiert hier ein monatliches Treffen englischer Übersetzer deutscher Literatur. Dass sie in ihrem Blog love german books seit 2008 vor allem über Bücher schreibt, die viel zu neu sind, um hier aufzutauchen, hat ganz pragmatische Gründe: Zum einen liest Derbyshire als Übersetzerin – über ihre Arbeit an Helene Hegemanns Axolotl Roadkill berichtete der Tagesspiegel im Jahr 2010 – vor allem die Neuerscheinungen. Zudem kommt für sie, die in England Deutsch studierte und sich danach in den Neunzigern als Übersetzerin in Berlin niederließ, die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal. "Leute, die sich mit den deutschen Klassikern auskennen, gibt es im englischsprachigen Raum genug. Aber über deutschsprachige Gegenwartsliteratur weiß ich mehr als fast alle Engländer." Dass sich ihre Leserschaft dabei mittlerweile zu gleichen Teilen aus englisch- und deutschsprachigen Literaturjunkies zusammensetzt, macht sie stolz. Zudem sieht sie darin aber auch ein Problem der deutschen Blogosphäre: "In Großbritannien gibt es eine sehr diskussionsfreudige Szene, die gerade das, was für explizite Hochliteratur gehalten wird, sehr pflegt." In Deutschland dagegen seien es vor allem die Fans von Genreliteratur, die einander im Netz Inhaltsangaben und Kaufempfehlungen schrieben, vor allem aus den Bereichen Fantasy oder "Frauenliteratur". "Chick Lit", wie Derbyshire das nennt. "Die Nische, in der ich mich hier bewege, ist sehr klein."

Anzeige

Doch warum ist das so? Stefan Mesch, Autor und Blogger, der für den Großessay Futter für die Bestie über das Empfehlen von Literatur jüngst den Dietrich-Oppenberg-Preis der Stiftung Lesen erhielt, kann es sich auch nicht recht erklären: "Ich frage mich, warum nicht viel mehr Menschen über Literatur bloggen. Die Technik ist da. Das Publikum auch. Und eine Art Sehnsucht." Mesch weiß aus eigener Erfahrung: "Leute wollen persönliche Empfehlungen, und Netz-,Freunde‘, denen sie vertrauen können. Wenn 2.000 Leute auf meinem Blog landen, die ,Romane 2012 Empfehlungen‘ gegoogelt haben, weiß ich: Da ist ein Publikum." Dass Blogger dabei anders verfahren als Literaturkritiker in Zeitungen – für Mesch und Derbyshire ist das selbstverständlich. "Ein Blogger erzählt in der Ichform, ist frei zu schreiben, was er will, aber natürlich auch erst einmal deutlich weniger vertrauenswürdig", fasst die Engländerin die Schreibhaltung zusammen. Mesch, der auch für den Tagesspiegel und ZEIT ONLINE schreibt, sieht derweil vor allem die Vorteile des Bloggens für den Autor: "Zeitungsrezensionen zielen auf das größte, flüchtigste Publikum. Blogger können ausgiebig linken, sammeln, Kontexte bauen."

Embedded Blogging beim Open Mike

Langsam scheint sich die Szene nun zu beleben: Der an diesem Wochenende in Berlin stattfindende Literaturwettbewerb Open Mike , neben dem Klagenfurter Bachmann-Preis eine der wichtigsten Adressen für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur, wird in seinem 20. Jahr erstmals von einem Blog begleitet. Einer der Blogger ist Stefan Mesch, der kurioserweise auch als Autor im Wettbewerb vertreten ist. Der Teilnehmer als Chronist? Mesch nennt das "Embedded Blogging". Was journalistisch verpönt ist, wird hier zu einer spielerischen Erzählfigur.

Geht es nach Koordinator Patrick Hutsch, soll das aber nur ein Anfang sein: "Wir wollen auch nach dem Wettbewerb kontinuierlich weiterberichten – darüber, was ehemalige Open-Mike-Autoren gerade machen, auch grundsätzlich über Tendenzen in der jungen Gegenwartsliteratur." Das Ziel: "Ein Knotenpunkt für einen lebendigen Austausch rund um die Literatur." Eine Konkurrenz für die etablierte Literaturkritik in Zeitungen und Rundfunk sieht Hutsch darin nicht: "Es soll eine Ergänzung sein, eine Einladung, sich mit einer Bandbreite an Sichtweisen auseinanderzusetzen." Aber: "Der Standard des Schreibens soll journalistischen Anforderungen genügen."

Die Frage für den Leser bleibt derweil, ob er das wirklich muss. Denn manchmal scheinen es gerade die persönlichen Zugänge zu sein, die Mehrwert bieten. So erzählt etwa Katy Derbyshire über Tilman Rammstedts Buch vor allem, indem sie von einem Treffen mit dem Schriftsteller berichtet. Dort habe er exakt so gehetzt gewirkt wie der Erzähler seines Buches – ein Autor, der, gequält von einer Schreibblockade und einem drängelnden Verlag, schließlich Actionheld Bruce Willis um Hilfe bittet. So wenig diese Anekdote mit Literaturkritik zu tun hat, so sehr unterstreicht sie die Dringlichkeit, mit der der Autor laut Derbyshire in seinem Buch erzählt, so sehr verstärkt sie auch den Witz, den Derbyshire Rammstedt schließlich attestiert. Eine Empfehlung, charmant begründet. Was will Leser mehr?

Für Stefan Mesch ist es genau das, worum es geht: "Gute Literaturblogger? Das sind Schreiber, Leser und Kuratoren, die mit Leidenschaft, Schärfe und Expertise sammeln, empfehlen, gewichten – und gerne auch mal verdammen." Für Katy Derbyshire ist die Sache sowieso ganz einfach: "Es macht Spaß. Ich muss damit kein Geld verdienen. Und ich habe Einblicke, die andere nicht haben." Ihr Ziel ist so klar wie einleuchtend: "dass die Menschen deutschsprachige Bücher lesen – und zwar die richtigen."

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... die sich an "gehobener" Literatur versuchen, wobei es natürlich durchaus sein kann, dass nicht alle immer den genannten Ansprüchen genügen. Aber es wird auf jeden Fall probiert, in etwa hier:

    http://felgersonblau.tumb... ,

    da geht's auch mal um Hamsun oder Andersch. Der Tonfall ist dennoch eher typisch für einen Blogger und gerne auch mal flappsig.

  2. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. Ja, jetzt wäre ein sauber recherchierter Artikel, wie Gesine von Prittwitz ihn anmahnt, angebracht. Ich selbst blogge erst seit einem halben Jahr und wusste vorher auch nicht, wie viele interessante Litblogs es gibt. Und auch wenn ich selbst einen weiten Bogen um Horror-, Fantasy- und sogenannte Chitlit mache und mir der ein oder andere Blog zu gefühlig-tagebuchmäßig daherkommt, gibt es immer noch genügend "anspruchsvolle" Blogs. Ich schaffe es schon zeitlich gar nicht immer, da alle interessanten Blogs im Auge zu behalten. Also, es gibt sie, keine Frage.
    In der Anerkennung solcher Blogs sind die englischsprachigen Länder allerdings schon viel weiter, der Guardian beispielsweise empfiehlt sogar seine Lieblingsblogs und die British Library baut ein Webarchiv auf, in dem sie behaltenswerte Blogs archiviert. Man sollte da vielleicht ohnehin ein bisschen internationaler denken, es gibt diverse englischsprachige Blogs, in denen auch deutsche Lit. besprochen wird. Auch die Angst einiger etablierter Kritiker (siehe Sir Peter Stothard, der durch Literaturblogs schon beinahe den kulturellen Untergang des Abendlandes eingeläutet sieht) wäre sicherlich ein interessanter Aspekt.

  4. Der Vollständigkeit halber möchte ich auf die auf unserem Blog geführte Diskussion um diesen Artikel von Herrn Schneider und darüber, dass es angeblich kaum ("gute") Literaturblogs in DE gibt, hinweisen: http://writeaboutsomethin...

    Explizit betonen möchte ich, dass es keineswegs der Fall ist, dass überwiegend Genreliteratur oder Fantasy besprochen wird. Es gibt zahlreiche "anspruchsvolle" Blogs, die keinesfalls den sogenannten "Chick-Lits" entsprechen!
    Daher schließe ich mich dem Vorschlag von Gesine von Prittwitz an und heiße einen ergänzenden Artikel über die sehr lebendige literaturaffine Bloggerszene in DE willkommen.

  5. Ich kann den Impuls und das Anliegen von Gesine von Prittwitz nur unterstützen, dass es nun an der Zeit wäre, dass ein gut recherchierter Artikel über uns Literaturblogger an der Zeit wäre. Überhaupt kann ich mich meinen Vorschreibern nur anschließen: es gibt uns! Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an anspruchsvollen literarischen Bloggern, was vor allem auch die Interviewreihe, die von Gesine von Prittwitz initiiert wurde, illustriert.
    Interessant finde ich, dass im englischsprachigen Raum, literarische Blogs viel besser miteinander vernetzt sind, aber auch von Printmedien ganz anders gewürdigt und wahrgenommen werden. Es wäre wünscheswert, wenn wir auch hier in Deutschland eine ähnliche Entwicklung anstoßen könnten.

  6. Ich erinnere mich noch gut daran, daß es eine Zeitlang von Seiten des Feuilleton heftig Kritik an Literaturblogs gab, da deren Qualität den professionellen Ansprüchen nicht genügen würde, sie zu subjektiv seien etc pp... Jetzt wird sogar die Existenz der diverser zahlreicher Bücherblogs in toto geleugnet... da muss aber einer viel Angst haben, daß wir ihm das Wasser abgraben mit unseren Buchvorstellungen... peinlich natürlich für eine Redaktion, die einen gewissen Qualitätsstandard für sich beansprucht, sich so in die Nesseln eines schlampig recherchierten Berichts zu setzen... eine Berichtigung mittels eines sauber recherchierten Berichts über die deutsche Literatur- und Buchblogszene wäre jetzt schon ein netter Zug und würde anscheinend wohl auch den Horizont der Redaktion erweitern....

  7. Natürlich, es ist gut, wenn etablierte Zeitungen wie "Die Zeit" sich dem Thema "Blog" annehmen. Aber wie hier schon mehrfach kommentiert - man muss sich einfach wundern: Wie kann man als Redaktor zur Annahme kommen, dass es keine Literaturblogs geben soll und wieso wird nicht recherchiert? Wieso soll das nicht funktionieren was bspw. im Bereich Fashion, Design, IT mit hunderten von Blogs akut ist? Interessant wäre also nicht die Frage nach dem "ob", sondern nach dem "wie" und vor allem nach der Wirkung von Literaturblogs? Welche Bedeutung haben sie für Verlage? Welche Wirkung haben Sie im Vergleich zu den (immer kleiner werdenden) Feuilletons der Zeitungen? Und welche Leser sprechen sie an? Oder: Oder wie unterscheiden sie sich gegenüber dem Feuilletons in der Sprache, in der Aufmachung? Sind sie gar wirkungsvoller als die etablierten Tageszeitungen? Und vor allem: erleben wir gerade eine ganz neue Art von Diskussion über Literatur? So, liebe Redaktion, dies ein kurzer, spontaner Input aus der Schweiz. Ich freue mich auf Antworten!

    Martin Otzenberger / http://www.rubikon.ch

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Autor | Blog | Blogger | Blogosphäre | Bruce Willis | Fantasy
Service