Der Autor Mark Bowden während der Veranstaltung "Krieg im Film" 2003 in New York. © Evan Agostini/Getty Images

Die Bedeutung des "Situation Rooms" bei der Beseitigung Osama bin Ladens ist bekannt: In dem Kellerraum unter dem Weißen Haus verfolgte US-Präsident Barack Obama mit seinen Vertrauten per Liveschaltung die Kommandoaktion, die seine Spezialkräfte 11.000 Kilometer östlich in Pakistan ausführten. Bisher sträflich vernachlässigt: die Rolle des "Treaty Rooms" drei Stockwerke höher. Hier wandelte Obama einige Abende zuvor, es war der 28. April 2011, ganz allein und ruhelos zwischen Sitzgruppe und Schreibtisch umher. Die First Lady lag seit zehn Uhr im Bett, der Präsident konnte nicht schlafen. An der nordöstlichen Wand des Treaty Rooms hing ein Ölgemälde, das sein Vorbild Abraham Lincoln zeigt, wie der über den Ausgang des Sezessionskriegs nachdachte. Auch Obama musste bis zum Morgen eine Entscheidung treffen: Sollte er das verdächtige Anwesen, das seine Geheimdienste im pakistanischen Abbottabad entdeckt hatten, bombardieren lassen oder besser die Navy Seals schicken? Oder sollte er, wozu sein Vize Joe Biden riet, vorläufig gar nichts unternehmen?

Vieles ist geschrieben worden über die Jagd auf Osama bin Laden, zuletzt das vermeintliche Enthüllungsbuch No Easy Day eines am Einsatz beteiligten Elitesoldaten, das zumindest im deutschsprachigen Raum kurzzeitig als Sensation gehandelt wurde – als nämlich aufgrund einer missverständlichen Übersetzung aus dem Englischen das Gerücht aufkam, bin Laden sei gar nicht erschossen worden, sondern habe Selbstmord begangen.

Passend zur Wahl am Dienstag will nun Mark Bowdens Killing Osama die Erfolgsgeschichte noch einmal, und zwar erstmals aus der Perspektive des Präsidenten, erzählen. Der Veröffentlichungstermin dürfte Obama sehr genehm gewesen sein. Schon kurz nach Bekanntgabe der Tötung hieß es, diese Jagd werde Obama womöglich seine Wiederwahl sichern – vorausgesetzt, es gelänge ihm, eine ausreichende eigene Beteiligung und Initiative nachzuweisen. Kein Wunder, dass der Präsident Bowden ein ausführliches Interview gab, in dem er präsidiale Zwänge, Handlungsoptionen und auch Gefühlslagen schilderte. Obamas Schilderung hat Bowden in die einzelnen Kapitel eingeflochten – stets versehen mit dem Hinweis, dass diese Sätze nicht etwa aus Pressekonferenzen stammen, sondern ihm im Exklusivinterview gegeben wurden.

Leider sind die meisten banal und wurden vom Präsidenten so oder ähnlich bereits bei anderer Gelegenheit geäußert. Einer der wenigen erhellenden Stellen ist Obamas Antwort auf die Frage, ob die Liquidierung des Terrorführers von Anfang an einziges Ziel der Operation war oder ob bin Laden – wie offiziell behauptet – sich auch hätte festnehmen lassen können. Obama sagt, dass die Seals im Haus mit Sprengstoffvorrichtungen rechnen und also an ihre eigene Sicherheit denken mussten: "Deshalb war wohl die Grundhaltung der Leute: Wenn er sich ergeben will, sollte er schon mindestens nackt sein und auf dem Boden liegen." Ansonsten betont Bowden vielfach, wie energisch Obama seit seiner Amtsübernahme die Jagd vorangetrieben habe, dass die Drohneneinsätze und neue Computertechnik den Kampf gegen al Qaida erleichtert hätten. Dabei bleibt er vage. Typischer Satz: "Jede noch so kleine Information über Al-Kaida und mit ihr verbundene Gruppierungen wurde von den überaus aktiven Militär- und Geheimdiensten gesammelt."

Die spannendsten Szenen des Werks finden sich allesamt, nur detaillierter, in Peter L. Bergens Die Jagd auf Osama Bin Laden, das Bowden, wie er anmerkt, mehrfach "zu Rate gezogen" habe. Immer wenn es konkret wird – wenn Bowden etwa von bin Ladens letzten Briefen, seinem Fernsehkonsum oder auch Haarfärbemitteln berichtet, fühlt man sich an Bergen erinnert. Immerhin: Eine Wahlkampfschrift ist es dann doch nicht geworden. Im Schlusskapitel mit dem Titel Blendwerk zählt Bowden auf, wie Obamas Spin-Doktoren gleich nach dem Coup versuchten, die Geschichte durch Übertreibungen und kleine Verdrehungen umzuschreiben, den Präsidenten in noch strahlenderem Licht dastehen zu lassen: Dass Vorgänger Bush die Suche längst aufgegeben hatte, dass erst Obama einen neuen Anlauf genommen habe und dass ohne seine Anweisungen bin Laden heute noch lebte. Vizepräsident Biden verbreitete, die von Obama gegen alle Widerstände durchgesetzte Operation sei nichts weniger als "der tollkühnste Plan der letzten 500 Jahre". Anders als Biden behauptet, riet keineswegs die Mehrheit der Vertrauten von dem Vorhaben ab, sondern lediglich Biden selbst – weil er sich um Obamas Wiederwahl sorgte.

Erschienen im Tagesspiegel