Roman "Wodka und Oliven"Ich bin ein Inferno

So einsam in den Straßen: Der Autor Adrian Kasnitz inszeniert in seinem Debütroman die erschütternde Geschichte eines gebrochenen jungen Mannes. von 

Adrian Kasnitz ist kein unbeschriebenes Blatt mehr. Vor allem als Lyriker ist der 1974 im Ermland geborene Autor, der heute in Köln lebt, bisher in Erscheinung getreten, wenn man von solch einer Erscheinung überhaupt reden kann. Denn es gibt Hunderte von Lyrikern und fast halb so viele Kleinverlage, in denen diese unermüdlichen Talente nahezu pausenlos publizieren, ohne dass eine größere Öffentlichkeit davon Kenntnis nehmen würde. Ob zu Recht oder zu Unrecht, muss wohl im Einzelfall geklärt werden.

Köln verpflichtet! Hier entstand in den sechziger Jahren die von Dieter Wellershoff , Lektor bei Kiepenheuer & Witsch, ins Leben gerufene "Kölner Schule", der auch Rolf Dieter Brinkmann sozusagen beitrat. Die Germanistik-Studenten unter den Lesern werden sich vielleicht erinnern. Alle anderen seien darauf hingewiesen, dass sich die "Kölner Schule" allgemein und Rolf Dieter Brinkmann im Besonderen durch einen penetrant detailreichen Sekundenstil auszeichnete, mit dem die Bedrückung und der Spieß und Muff jener Ära adäquat eingefangen werden sollte.

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Liest man das Prosadebüt von Adrian Kasnitz, der nicht von ungefähr unter anderem mit einem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium ausgezeichnet wurde, fühlt man sich sofort an das große Vorbild erinnert: den ersten deutschen Pop-Poeten überhaupt, den Erzwüterich Brinkmann aus Vechta , der an seinem Zorn auf den Literaturbetrieb, auf Deutschland, auf die Welt, vor allem aber wohl am wütenden Selbsthass zugrunde ging.

Der Held von Wodka und Oliven , dies der Titel des Romans von Adrian Kasnitz, scheint eine Art Bruder im Geiste der Pop-Ikone zu sein. Auch er, Moritz mit Namen, ist verletzt und verwirrt, darüber erschrocken und deswegen unberechenbar. In einer solchen Stimmung treibt er, frisch im Berlin Mitte/Ende der neunziger Jahre angekommen, durch die neue alte Hauptstadt. Was er während seiner Spaziergänge durch die Stadt sieht, vor allem das bedrückend aufgeregte und aufregende Stadtbild, nimmt er penibel genau wahr, auch seine Empfindungen dabei. Wie jeder Depressive hat er große Obacht auf dieses Zusammenspiel von außen und innen, das die subjektive Welt darstellt.

Deutsche rumorende Vergangenheit

Um den Kummer über die seelische Unbehaustheit zu bekämpfen, schüttet er außerdem stets kräftig Alkohol nach. Dies besänftigt und befeuert gleichermaßen den Erinnerungsfuror, den Moritz ebenfalls unterhält. An ein Haus, eine Heimat in der westfälischen Provinz, die er einstmals hatte, wird sich da erinnert. Auch die Bewohner jenes immer wieder von Reflexionen umgarnten Hauses werden thematisiert. Wozu? "Das weiß der Himmel. Ich muss einfach. Es ist in mir drin. Aber niemand hat eine Ahnung davon. Ich bin der Einzige, der es weiß. Wenn ich es nicht tue, wer dann?"

Gleichzeitig führt der ständige Aufenthalt in Schenken praktischerweise dazu, dass der einsame und zunächst nur leicht verwahrloste Held in Kontakt kommt mit einer Kellnerin, der er vor allem seine drängenden und beklemmenden Erinnerungen zutragen kann. Offenbar widerstandslos funktioniert dieses junge, für Liebe empfängliche Geschöpf namens Ella nun als Echo-Raum für noch tiefer und weiter reichende Erinnerungen, die die Herkunft des labilen Helden bis nach Polen und Griechenland zurückverfolgen. Bei Oliven und Wodka lässt sich gut erinnern.

Das alles, diese eindringliche Geschichte vom jungen Mann, der auszieht, die Welt zu erobern, und hierbei vor Kummer und Isolation erst mal nur die eigene Geschichte näher heranholt als jemals zuvor und auch näher, als vielleicht gesund ist, wird in einer launigen, durchgearbeiteten Sprache präsentiert, die den Leser beansprucht und bereichert. Gelegentlich fragt man sich allerdings, ob das wirklich alles relevant ist, was da erzählt wird. Wenn jeder die Geschichte von allen möglichen Verwandten und Menschen erzählen würde, die er jemals gekannt hat, wäre das nicht ein bisschen zu viel des Guten?

Zum Ende hin schafft es dieser Roman, der in der neugegründeten Reihe "neudeutsch" des Kunstbuch-Verlags Ch. Schroer erschienen ist – einer wagemutigen und vielversprechenden Reihe ausschließlich für Debüts – dann aber doch noch, voll zu überzeugen. Alles löst sich auf in einem Inferno, dem nur einer, nämlich Moritz, zu entkommen scheint – dies aber auch nur äußerlich. Am Ende liegen die Gründe für dieses manische Erinnern und Erzählen offen, die ganze innerlich gebrochene Figur wird plausibel, auch die durch die Handlung mäandernden Geschichten vereinen sich zu einem großen erschütternden Ganzen, das etwas über Deutschland und die rumorende Vergangenheit zu sagen hat. Und auch eine Liebe bleibt übrig, deren leichte Poesie den Leser anrührt und Hoffnung macht.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Rolf Dieter Brinkmann | Alkohol | Dieter Wellershoff | Geschichte | Liebe | Poesie
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