Traumland, Albtraumland, Grönland muss beides sein. So scheint es, wenn man den neuen, zweiten Roman der 1977 geborenen Autorin Anna Kim aus der Hand legt: Anatomie einer Nacht erzählt von elf Selbstmorden, die sich alle in einer Nacht, in einem Ort in Ostgrönland ereignen. Er erzählt aber auch von einer Landschaft, karg und doch faszinierend, nach der sich Kims Figuren sehnen, wenn sie fortgehen. Aber wenn sie wieder kommen, werden sie auch nicht glücklich.

Fragt man Anna Kim im Gespräch nach den Ursprüngen für ihr Interesse an diesem Land, so war es auch bei ihr das Bild einer "endlosen, weißen Weite", das sich in ihrem Kopf festsetzte, nachdem ihr älterer Bruder ihr aus Büchern über Grönland vorlas. "Ein wunderschönes Traumland, das ich unbedingt bereisen wollte", sagt sie. Als sich 2008 die Gelegenheit dazu bietet, erlebt sie die starke Ambivalenz, die sie im zwei Jahre später erschienenen Essay Invasionen des Privaten beschreibt und die auch im Roman eine so große Rolle spielt.

Anna Kim erinnert sich genau an das Haus, das sie für eine Abstellkammer hielt, "weil es so klein war, dass der Mensch darin gebückt stand". Die Armut sei weit verbreitet, vor allem im Osten Grönlands. Viele lebten von Sozialhilfe. Und ihr Thema, die Selbstmorde, liege nahe: Die Selbstmordrate in Grönland sei sehr hoch. In einer Zeitungsnotiz las sie dann, dass sechzehn Menschen sich in einer Nacht das Leben nahmen. Sie habe sich gefragt, "ob es Verbindungen gab, vielleicht so einen Selbstmordpakt, der übers Internet geschlossen wurde. Das war es aber nicht". Die Frage nach den Gründen für die Selbstmorde hat Anna Kim nicht mehr losgelassen. Im Roman macht sie sich auf die Suche nach möglichen Antworten.

Die Enge und Weite werden spürbar

Amarâq, so heißt der fiktive Ort, in dem sich elf Menschen in einer einzigen Nacht das Leben nehmen. Um 22 Uhr setzt die Erzählung ein, um 3 Uhr morgens endet sie – fünf Stunden, in denen Anna Kim die Lebensläufe dieser elf Menschen auffächert. Eine weitere Hauptfigur ist die Landschaft. In immer neuen Anläufen beschreibt die Autorin ihre Beschaffenheit, ihre Ausstrahlung, die Wirkung, die sie auf die Menschen hat, die in ihr leben. Sie gleicht einem Mysterium, das sich dem Zugriff entzieht und daher in immer neuen Worten nur zu umkreisen ist, sie prägt den Ort: "(…) aber sobald man Amarâq entziffern kann, wird man es lieben, dann wird man es nicht mehr verlassen können, man wird sich nach dieser bizarren Landschaft verzehren und jeden Tag von einer Sehnsucht heimgesucht werden, die alles andere überdecken wird. Doch die Rückkehr nach Amarâq wird eine Rückkehr in den Stillstand sein, und vergeblich wird man versuchen, sich mit diesem Ort zu arrangieren."

Wie die Autorin dieses Paradox atmosphärisch vermittelt, ist beeindruckend: Eine Weite, die Enge und Gefangensein spürbar werden lässt. Durch die realen Lebensumstände wird das begreifbar. Anna Kim erzählt auch von dem gesellschaftlichen Abseits, dem zu entkommen in Ostgrönland schwer ist. "Die politischen, sozialen Hintergründe und die grönländische Geschichte in den Roman hineinzuholen, war mir sehr wichtig", sagt Anna Kim. Die Kolonialisierung Grönlands durch Dänemark hat Spuren hinterlassen, die bis heute überall zu spüren sind.

Die Biografien der Figuren sind damit imprägniert. In Ostgrönland geboren zu sein, ist von vornherein ein Makel. Die sozialen Aufstiegschancen sind schlecht, die Arbeitslosigkeit hoch. Darum ist die 34-jährige Lehrerin Mikileraq nach der Schule zum Studieren nach Dänemark gegangen. Dort aber erfährt sie den tief sitzenden Rassismus gegenüber den "Wilden". Sie kehrt zurück und hat nun in Grönland das Stigma einer Fortgegangenen, was in den Augen der Dagebliebenen einem Verrat nahe kommt.