BuchbrancheGute Titel, schwere Zeiten

Drama bei Suhrkamp, Wechsel bei Hanser: Die Buchbranche erlebt gewaltige Veränderungen. Es geht dabei nicht nur ums Führungspersonal. von Gerrit Bartels

Es sind turbulente Wochen für den Literaturbetrieb und die Verlagsszene, und das vor Weihnachten, da Verlage und Buchhandel einen Großteil ihres Umsatzes machen und keine Störgeräusche brauchen können. Der seit 2010 in Berlin ansässige Suhrkamp Verlag steht wegen seines Gesellschafterstreites kurz vor dem Abgrund , und von seinen vielen guten Büchern ist im Moment keine Rede, nur von Gerichtsprozessen und Urteilsbegründungen. Beim Hanser Verlag in München geht es zwar ungleich ruhiger zu. Aber auch er sorgte vergangene Woche für eine Schlagzeile:  Hanser-Verleger Michael Krüger , der 2013 seinen 70. Geburtstag feiert, scheint nun nach langer Suche seine Nachfolge geregelt zu haben. Ihm soll Ende des kommenden Jahres der 44 Jahre alte Jo Lendle vom DuMont Verlag folgen, nicht zuletzt weil ihn "ein sicheres Gespür für literarische Autoren und außergewöhnliche Stoffe" auszeichne, so die Hanser-Meldung.

Suhrkamp und Hanser gehören zu den Leuchttürmen der Literaturbranche. Seit Jahrzehnten prägen sie das geistige und literarische Leben in Deutschland. Sie sind beide noch immer unabhängige, mittelständische Unternehmen. Und sie wurden zu dem, was sie sind, durch charismatische Verleger, die es aufs geschickteste vermochten, literarischen Anspruch und den Sinn fürs Geschäft auszubalancieren: Der 2002 verstorbene Siegfried Unseld bei Suhrkamp und eben Michael Krüger . Die Nachfolgeregelung bei Hanser und der Kampf bei Suhrkamp passen deshalb gut zusammen: Hier der Verlag, der seit dem Tod von Unseld und der Übernahme durch seine Witwe nicht zur Ruhe kommt; und dort der Verlag, der mit seinen vielen Nobelpreis- und Büchnerpreisträgern im letzten Jahrzehnt oft als der legitime Suhrkamp-Nachfolger bezeichnet wurde. Ein zweiter Michael Krüger war aber nie in Sicht.

Anzeige

Es ist nun nicht nur in der Buchbranche so, dass gewachsene Unternehmen nach dem Weggang oder Tod prägender Führungspersönlichkeiten in Schwierigkeiten geraten. Im Fall von Suhrkamp/Hanser fügt es sich jedoch, dass Verlagswesen und Buchmarkt so dramatischen Veränderungen wie lange nicht unterworfen sind. Dazu gehört natürlich die Digitalisierung, deren Folgen noch lange nicht abzusehen sind. Da gab es aber schon zuvor bereits eine zunehmende Konzentration in der Branche sowie ein verändertes, gern auf Bestseller zielendes Leseverhalten, und die Verlage versuchen, dem Rechnung zu tragen. Michael Krüger ist dabei stets umsichtig vorgegangen. Er hat entschlossen auf literarische Ansprüche gepocht, aber auch den Trend zum erzählenden Sachbuch mitgemacht. Und er hat erfolgreich Autoren wie Anna Gavalda, Alex Capus oder Alessandro Baricco verlegt, allesamt eher im Ressort gehobene Unterhaltungsliteratur zuhause.

Ulla Unseld-Berkéwicz dagegen hält sich gern und störrisch für das Bollwerk gegen die Trash- und Spaßgesellschaft. Entschlossen folgt sie den Vorgaben ihres verstorbenen Mannes, allerdings ohne dessen festen Blick auf die Finanzen, wie die in den vergangenen Jahren veröffentlichten Unseld-Briefwechsel mit Autoren wie Wolfgang Koeppen, Thomas Bernhard und Peter Handke offenbart haben. Unseld-Berkéwicz ist traditionsbewusst, aber auch offen für neue literarische Experimente; Suhrkamp ist ja nicht nur Heimat von Enzensberger , Handke , Mayröcker und Kluge , sondern auch vom Leanne Shapton , Sibylle Lewitscharoff , Teju Cole , Thomas Meinecke , Rafael Horzon und so weiter. Und doch fragt man sich seit Jahren bei Durchsicht der halbjährlich erscheinenden Suhrkamp-Verlagsprogramme stets aufs Neue: Wie kann der Verlag das alles finanzieren? Rentiert sich das? Die 2013er-Frühjahrvorschau von Suhrkamp zählt dreimal so viel Seiten wie die von Hanser und bestimmt doppelt so viele Neuerscheinungen. Verschlankung, Konzentration aufs Wesentliche, umsichtiges wirtschaftliches Arbeiten – all das geht anders. Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der Verlagsszene schon lange, dass der Suhrkamp Verlag , macht er so weiter wie bisher, eines Tages vor dem Ruin steht – für diese Kassandra-Rufe braucht es gar keinen Hans Barlach mit seiner Forderung nach wirtschaftlicherem Arbeiten.

Man muss kein Prophet sein, um sehen zu können, dass Suhrkamp, sollte es zu einer Lösung des Konflikts kommen, bald ein anderer, vom ökonomischen Vernunftdenken regierter Verlag sein wird, mit wem dann auch immer in der Geschäftsführung. Minderheitsgesellschafter Hans Barlach hat in dieser Frage ja sogar einmal Namen genannt: Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch, Alexander Fest von Rowohlt , Marcel Hartges von Piper . Das ist nicht besonders originell. Denn sollte man andere Verlegerpersönlichkeiten in Deutschland neben Michael Krüger aufzählen, fallen einem diese drei auf Anhieb ein. Was sie neben ihrer Leidenschaft für Bücher und Literatur auszeichnet: Sie bewähren sich in Großunternehmen, gehören doch KiWi und Rowohlt zu Holtzbrinck und Piper zur Bonnier-Gruppe. Der dritte Große in diesem Konzernbunde ist Bertelsmann .

Das heißt zwar, dass diese Verleger hin und wieder mehr Geld in die Hand nehmen können, um ein Buch zu kaufen oder einen bestimmten Autor zu verpflichten. Aber sie sind genauso dazu verpflichtet, ökonomisch zu haushalten und an Umsätze zu denken. Der Geist muss dann schon mal hintanstehen. Ein Alexander Fest mag da mit so genannten Schnelldrehern und leichten Büchern noch auf Rowohlt-Unterverlage wie Wunderlich oder Kindler ausweichen und sich bei Rowohlt aufs Literarische konzentrieren können. Bei KiWi beispielsweise verhält sich das schon anders: Hier stehen zwischen der anspruchsvolleren Literatur diverse Krimis, Cordula Stratmann s neuer Roman oder ein Erziehungsbuch von der RTL-Supernanny Katharina Saalfrank .

Ob Helge Malchows Herz höher schlägt bei der Lektüre diesen Bücher? Sicher nicht. Aber die Frage stellt sich ihm vermutlich gar nicht. Professionelles Verlegen mit Blick für den Markt ist da gefragt, Verlagsmanagement genauso wie die intensive Zusammenarbeit mit Autoren und das Gespür für literarische und "außergewöhnliche" Stoffe. Ulla Unseld–Berkéwicz’ Suhrkamp Verlag ist ein Auslaufmodell – und Jo Lendle wird Hanser anders führen als Michael Krüger. Das mag man bedauern, es gehorcht aber vor dem Hintergrund grundstürzender Veränderungen in der Branche einer strengen Logik.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Und das hat wenig mit SelfPublishing zu tun. Zum Einen gibt es kaum noch mittelständische Verlage, es gibt nur die großen Gesellschaften und die Nischenverleger. Zum Anderen haben die alle kein Profil mer. Trash bei Suhrkamp, Hochliteratur bei Bertelsmann und die spannenden Sachen kommen von den indi-Verlagen. Oder andersrum gefragt, wer guckt heute noch auf den Namen des Verlages, bevor er ein Buch kauft?

    • gast007
    • 25. Dezember 2012 14:40 Uhr

    ... die "Harry Potter" - Manuskripte angeboten erhielt, aber als nicht aussichtsreich abgelehnt hat. So etwas sitzt fest - beim Betrachter und beim Kassenwart des Verlages.

  2. Als Indie Authorin die bisher nur in Englisch publiziert, verfolge ich die Verlagssituation auf der anderen Seite des Teiches.
    Dort haben grosse Verlage eBook pipelines eingerichtet - Manuskripte können ohne Literaturagent direkt vom Autor eingereicht werden. Die besten werden als eBook publiziert. Gute Indie Autoren können mit Verlägen Verträge für die gedruckten Editionen abschliessen und dabei die Rechte für ihre eBooks behalten. In den letzten Monaten ist sehr viel im Englisch sprachigen Raum passiert. Amazon wird warscheinlich durch seinen Erfindungsreichtum Marktführer bleiben, jedoch verliert der Konzern auch immer mehr Marktsanteile an B&N, Apple, usw.
    Ich bin immer wieder erstaunt ob der Spannweite an Qualität (bzw Nichtvorhandensein jener welcher) sowohl bei den Indie Publikationen, als auch bei traditionellen Verlagen.
    Annelie Wendeberg
    "The Devil's Grin"
    http://www.amazon.de/gp/p...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Michael Krüger | Peter Handke | Siegfried Unseld | Hans Barlach | Jo Lendle | Piper Verlag
Service