LiteraturtippsGute Bücher für die Weihnachtstage

Untern Baum muss'n Buch! Autoren und Redakteure von ZEIT ONLINE empfehlen Romane, Kurzgeschichten und Sachbücher, die Sie in der Weihnachtszeit nicht verpassen sollten.

Rolf-Bernhard Essig: Holy Shit

Auch Fluchen will gelernt sein. Materazzis Antwort auf Zidanes Frage, ob er sein Trikot haben wolle, ist legendär: "Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte." Die Folgen sind bekannt: der Sturz eines quasimythischen Helden, Italien gewinnt das Endspiel der Weltmeisterschaft 2006. Diese und andere Geschichten aus der Geschichte der Beleidigungen und Flüche hat Rolf-Bernhard Essig in seinem herrlich-komischen Werk Holy Shit! zusammengetragen. Er erläutert die magischen Ursprünge ebenso wie die nationalen Unterschiede. Fantastisch illustriert vom zeitlosen Papan aus München-Haidhausen. (Martin Brinkmann)

Rolf-Bernhard Essig: Holy Shit! Alles übers Fluchen und Schimpfen. Mit Illustrationen von Papan. Rütten & Loening 2012, 14,99 Euro.

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47

Der Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Helmut Böttiger legt die erste umfassende Darstellung der Gruppe 47 vor. Der von Hans Werner Richter ins Leben gerufene Dichterklub hat nicht nur einzelne Stars wie Günter Grass, Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger groß gemacht; aus ihm ist vielmehr der gesamte bundesdeutsche Literaturbetrieb erwachsen. Böttiger gelingt es auf differenzierte, kluge Weise, von den atmosphärischen Voraussetzungen in den vierziger und fünfziger Jahren zu erzählen. Und zugleich die bereits zum Klischee gewordenen Annahmen über die Gruppe 47 und einzelner ihrer Mitglieder immer wieder anhand genauer Quellenstudien ins Wanken zu bringen. Eine meisterhafte Auseinandersetzung mit einer Epoche der deutschen Literaturgeschichte, die bis heute fortwirkt. (Ulrich Rüdenauer)

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Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. DVA. München 2012. 480 S., 24,99 Euro.

Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit

"Wer vom Geist der Revolution gepackt wurde, der bleibt ein ungebrochenes Lied", schrieb der 26-jährige Journalist Amer Matter aus dem Gefängnis an seinen Vater. Er ist einer von 19 syrischen und deutschen Autorinnen und Autoren, die in kurzen Essays berichten, wie die syrische Zivilgesellschaft ihr "verlorenes politisches Leben" wiederentdeckt hat. Eine Einladung an die deutschen Leser, mehr zu erfahren. Ein Brief, der um Aufmerksamkeit und Differenzierung bittet. Und ein Sammelband, durch den immer noch dieser Wunsch klingt: "Rasches Ende, geordneter Übergang." (Insa Wilke)

Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit, hrsg. v. Larissa Bender. Dietz, 201 S., 14,90 Euro.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Kaum zu glauben, dass Das Phantom des Alexander Wolf von Gaito Gasdanow erst jetzt auf Deutsch erschienen ist. In dem 1947 erschienen Roman erzählt ein russischer Emigrant, wie ihn immer wieder das Bild eines Reiters verfolgt, den er im russischen Bürgerkrieg erschossen hat. Dass er aus Notwehr handelte, dass Krieg war, hilft ihm nicht. Bis er eines Tages in "Begegnung in der Steppe" von Alexander Wolf alle Einzelheiten der damaligen Ereignisse wiederfindet. Einzelheiten, die nur dieser Reiter kennen kann. Ein fesselnder Roman über die großen Fragen des Lebens: über Liebe, Glück und Tod und ob man seinem Schicksal entkommen kann. (Fokke Joel)

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf. Hanser, München 2012, 133 S., 17,90 Euro.

Hans Magnus Enzensberger: Zwanzig Zehn-Minuten-Essays

Inzwischen gibt es ja fast alles: Schopenhauer für Gestresste, Kant für Kinder, das Wichtigste von Goethe, deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde. Unklar ist, wie Hans Magnus Enzensbergers neuer Textband gemeint ist: Zwanzig Zehn-Minuten-Essays – in zehn Minuten zu lesen oder, was vorstellbar und zugleich einschüchternd wäre, von Enzensberger gar in lässigen zehn Minuten geschrieben. Texte zur Fotografie, zum Modewort Transparenz, zu Sex und Fragen der Mikroökonomie. Undsoweiter! Wonach dem Autor gerade zu Mute war, ganz in Montaigne'scher Tradition. Es sind kleine, funkelnde, glasklare Texte zu großen Themen der Gegenwart. Für Zwischendurch, für immer wieder. (David Hugendick)

Hans Magnus Enzensberger: Zwanzig Zehn-Minuten-Essays. Suhrkamp, Berlin 2012. 139 S., 14 Euro.

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck

Die Mechanismen von Long- und Shortlists, Aufmerksamkeitskämpfen und Shades of Grey-Getöse haben dafür gesorgt, dass einer der besten deutschsprachigen Romane der vergangenen Jahre nicht den Zuspruch erhalten hat, den er verdient gehabt hätte: Christoph Peters erzählt die Internatsgeschichte des adoleszenten Carl Pacher, der in einem katholischen Eliteinstitut am Niederrhein eine Existenz zwischen jugendlichem Erwachen, Erschrecken über die Begehren des Körperlichen und aufkeimendem Zweifel an der kirchlichen Lehre führt. Peters’ Roman ist eben nicht eine wohlfeile Katholizismuskritik; er führt kein Gespräch über, sondern einen Dialog mit seinem Gegenstand. Die Enge, das Bedrückende – das sind nicht nur die Internatsmauern, das steckt auch in Carl Pacher selbst. Philosophisch durchgearbeitet, glänzend erzählt. Ein großer Wurf, an dessen Fortschreibung Christoph Peters bereits arbeitet. (Christoph Schröder)

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck. Luchterhand Verlag, München 2012, 512 S., 22,99 Euro.

Lily Brett: Lola Bensky

Ein Roman über eine junge australische Musikjournalistin, die bei Jimi Hendrix in der Garderobe sitzt und über ihre fetten Oberschenkel nachdenkt? Hätte ich mir nie gekauft. Die Geschichte einer Tochter von Holocaust-Überlebenden, die mit den Flashbacks ihrer Kindheit kämpft? Vermutlich auch nicht. Ein durch die Lebensjahrzehnte huschendes Buch, das federleicht zu lesen und trotzdem zutiefst schwermütig ist? Hm. Das Buch kam ungefragt als Geschenk. Drei viel zu kurze Nächte, dann hatte ich es durch. (Astrid Herbold)

Lily Brett: Lola Bensky. Suhrkamp, Berlin 2012. 302 S., 19,95 Euro.

Leserkommentare
    • hairy
    • 19. Dezember 2012 11:35 Uhr

    ich bin mal so frei...:

    Der dritte Polizist, von Flann O'Brien
    Cardinal Pölätüo, von Stefan Themerson
    Herzgewächse oder Der Fall Adams, von Hans Wollschläger

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Der dritte Polizist" gelesen haben???

    Wenn man Flann Oh Brien ein wenig recherschunkelt, landet man schnell bei Joyce. Da steht aber nix vom Neuen Joyce oder Besseren Joyce oder Wahren Joyce, nee, da steht was von Joyce III. Und da frage ich mich natürlich, warum sollte ich soetwas lesen!

    Denken wir an Napoleon und dann an Napoleon III. Hui! Ein Schattengewächs der III. An Friedrich und Friedrich III. Eine 99-Cent-Kopie! Und gar nicht auszumalen, wie welk die Welt doch wär, wenn es in Bälde einen George Bush III. gäbe.

    Nein, da spiel ich lieber "Vier gewinnt".

  1. "Gute" Bücher zu empfehlen ist wie "frische" Lebensmittel anzupreisen - unnötig! Nur, wenn Sie wirklich mal "schlechte" Bücher empfehlen würden, wäre das Adjektiv angebracht.

  2. Geschmack kann bekanntlich sehr verschieden sein, und bekanntlich lässt sich darüber auch nicht streiten. "Gute Bücher"..., das ist eine sehr individuelle, geschmackliche Sache. Es gibt keine "guten" oder "schlechten" Bücher per Definition. Nach solchen Empfehlungslisten "sein" Buch auszuwählen kann böse ins Auge gehen. Ich persönlich lasse mich davon auch nicht leiten, standen dort doch auch schon Bücher wie "Harry Potter" oder "Herr der Ringe" ganz oben. Der allerletzte Mist also - für meinen Geschmack.

  3. "Der dritte Polizist" gelesen haben???

    Antwort auf "Meine Empfehlungen"
  4. Bücher, die 2012 zu selten/oder gar nicht unterm schummerig-deutschen Weinachtsbaum liegen werden:
    -Christian Springer - Nazi, komm raus!, LangenMüller
    -Hauke Friedrichs - Bombengeschäfte, Residenz Verlag
    -Josef Foschepoth - Überwachtes Deutschland, Vandenhoeck & Ruprecht

  5. Wenn man Flann Oh Brien ein wenig recherschunkelt, landet man schnell bei Joyce. Da steht aber nix vom Neuen Joyce oder Besseren Joyce oder Wahren Joyce, nee, da steht was von Joyce III. Und da frage ich mich natürlich, warum sollte ich soetwas lesen!

    Denken wir an Napoleon und dann an Napoleon III. Hui! Ein Schattengewächs der III. An Friedrich und Friedrich III. Eine 99-Cent-Kopie! Und gar nicht auszumalen, wie welk die Welt doch wär, wenn es in Bälde einen George Bush III. gäbe.

    Nein, da spiel ich lieber "Vier gewinnt".

    Antwort auf "Meine Empfehlungen"
    • krister
    • 19. Dezember 2012 19:13 Uhr

    mein Buchtip:

    Slam von Akif Pirincci

  6. Die Ausgewanderten von W.G. Sebald fesselt mich jedes Mal - vor allem die erste Erz"ahlung! Ununterbrochenes Lesen w"unsche ich Allen!

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  • Schlagworte Hans Magnus Enzensberger | Alexander Wolf | Euro | Syrien | Berlin | München
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