M. AgejewKoks und Frauen und Nihilismus

In "Roman mit Kokain" erzählt der Schriftsteller M. Agejew aus dem Russland der Zwanziger. Ein verstörender Bildungsroman. von 

© Manesse

Der Schriftsteller Arnold Stadler sagte kürzlich, er erkenne einen Roman, der ihm etwas bedeute, daran, dass dieser Sätze enthalte, die er nicht nur gerne selbst geschrieben hätte, sondern die ihn zudem noch durch das ganze Leben begleiten könnten. Im Roman mit Kokain wäre er wahrscheinlich fündig geworden: "Für einen verliebten Mann sind alle Frauen einfach nur Frauen, mit Ausnahme der einen, in die er verliebt ist – sie ist für ihn ein Mensch." Oder: "Das Streben der Menschen, die seelische Schaukel hoch in Richtung Menschlichkeit fliegen zu lassen, worauf unvermeidlich der Schwung zurück in Richtung Bestialität folgt – dieses Streben zieht sich als wundersame und zugleich blutige Spur durch die Geschichte der Menschheit."

Man kann aus solchen Aussagen schon einiges herauslesen: Dass da jemand mit Selbstbewusstsein und einem Hang zum Apodiktischen spricht. Dass ihm Zynismus, Hochmut und auch Grausamkeit nicht fremd sind. Und dass er die Menschheit im Ganzen und vor allem im Unterschied zu sich selbst nicht sonderlich hoch schätzt.

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Derjenige, der sich so äußert, heißt Wadim Maslennikow. Er ist tot, gestorben im Alter von etwa 20 Jahren an einer Überdosis Kokain. Die Aufzeichnungen, mit denen wir es hier zu tun haben, hat der Arzt bei der Obduktion in Maslennikows Jackentasche gefunden. Ein kurzes, abgeschlossenes, zerrissenes Leben, angeblich erzählt von einem Schriftsteller namens M. Agejew. Den hat es nie gegeben. Schon die Editionsgeschichte des Romans, der nun erstmals in einer Übersetzung, der das russische Original zugrunde liegt, auf Deutsch erscheint, ist eine Abenteuergeschichte: Hinter dem Pseudonym M. Agejew verbirgt sich der 1898 geborene und 1973 in Armenien gestorbene Jude Mark Levi.

Hart, klar, erschreckend

Lange Zeit wurde geraunt, möglicherweise könnte Vladimir Nabokov der Autor des Romans sein, was dessen Witwe vehement abstritt, womit sie den Gerüchten erst recht Nahrung gab. Levi emigrierte in den zwanziger Jahren nach Deutschland, floh vor den Nationalsozialisten nach Istanbul , arbeitete dort für einen französischen Verlag und angeblich später auch für den sowjetischen Geheimdienst und lehrte schließlich an der Universität von Eriwan Deutsch. Neun Sprachen soll er gesprochen haben. Das Entstehungsdatum des Romans, des einzigen, den Levi je geschrieben hat, lässt sich zuverlässig auf die späten zwanziger Jahre datieren; bereits 1986 erschien eine deutsche Übersetzung, die sich allerdings auf den bereits ins Französische übertragenen Text stützte.

So verwirrend all das erscheinen mag, so ungewöhnlich klar, hart und erschreckend präsentiert sich diese Prosa gleich von der ersten Seite an. Es gibt Bücher, die umgehend in den paradox anmutenden Zustand einer produktiven Verstörung hineinführen. Produktiv deshalb, weil sie den Leser dazu zwingen, die eigenen Moral- und Weltvorstellungen zu überprüfen. Agejew alias Levi hat das geschrieben, was man einen nihilistischen Bildungsroman nennen könnte. Denn zwar beobachten wir Maslennikow über einen Zeitraum von etwa vier Jahren, angefangen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis hinein in jene Phase, in der die Bolschewisten nach der Oktoberrevolution von 1917 die Verhältnisse ihren Vorstellungen unterwerfen. Und wir erkennen auch eine Entwicklung, allerdings beileibe nicht zum Guten hin.

Der Maslennikow, der durch das Moskau der Vorrevolution streift, ist ein amoralischer Opportunist. Auf dem Gymnasium weiß er, wie er sich in die Clique der führenden Schüler hineinarbeitet, trotz seiner niedrigen und ärmlichen Herkunft, für die er sich in Grund und Boden schämt. Mitleid kennt er nicht, am allerwenigsten mit denjenigen, die ihm nahe stehen. Nicht mit der verhärmten Mutter, die er verleugnet, als sie ihm eines Tages das Schulgeld hinterher trägt; auch nicht mit jenem Mädchen, das er auf der Straße aufgabelt und in ein Hotel mitnimmt, wohlwissend, dass er es gleich mit der Geschlechtskrankheit anstecken wird, die ihn plagt.

Der Roman mit Kokain ist, bei aller Prägnanz der Sprachbilder, kein sonderlich elegant komponiertes Buch. Es zerfällt in drei Teile: Der erste erzählt von der Schulzeit (in der zugleich sämtliche theologischen und metaphysischen Orientierungen gesprengt werden); im zweiten Teil lernt der wie ein Nachtgespenst durch Moskau vagabundierende Maslennikow die verheiratete Sonja kennen Im dritten, recht kurzen Part verfällt er dem Kokain und dessen Rauschzuständen. Wadim ist ein getriebener Hedonist. Politik kommt in dieser doch politisch so eminent wichtigen Zeit nur am Rande vor; wenn überhaupt, dann indirekt, im Spiegel der Handlungen und Worte der Mitschüler beispielsweise.

Entscheidend ist das Maslennikow’sche Innenleben, das zwischen Gier, Skrupellosigkeit und stets viel zu spät einsetzender Scham wilde Ausschläge hervorbringt. Die Liebe zu Sonja scheitert tatsächlich daran, dass er in ihr nicht mehr die Frau, also das Niedrige, sondern nur noch den Menschen erblicken kann. Das Auseinanderklaffen von Geist und Sinnlichkeit, wie Wadim es nennt, lähmt ihn körperlich; er gerät in einen Zustand, der dafür sorgt, "dass meine Sinnlichkeit, so schmutzig sie auch war, meine Geistigkeit nicht beflecken konnte." Kurz gesagt: Er versagt beim Sex. Wadim Maslennikow ist eine Figur, die in der russischen Romantradition steht. Ein Charakter, der außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Deutungs- und Verhaltensmodelle angesiedelt ist. Gerade in seiner anarchischen Konsequenz wird er uns so unheimlich.

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Leserkommentare
  1. Schicker Artikel, werde mir das Buch gleich mal für mein Kindle holen, falls vorhanden. Kaputte Typen machen doch immer noch die besten Romane aus.

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  • Schlagworte Arnold Stadler | Gymnasium | Kokain | Obduktion | Roman | Vladimir Nabokov
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