M. AgejewKoks und Frauen und Nihilismus
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Gier und Skrupellosigkeit

Der Maslennikow, der durch das Moskau der Vorrevolution streift, ist ein amoralischer Opportunist. Auf dem Gymnasium weiß er, wie er sich in die Clique der führenden Schüler hineinarbeitet, trotz seiner niedrigen und ärmlichen Herkunft, für die er sich in Grund und Boden schämt. Mitleid kennt er nicht, am allerwenigsten mit denjenigen, die ihm nahe stehen. Nicht mit der verhärmten Mutter, die er verleugnet, als sie ihm eines Tages das Schulgeld hinterher trägt; auch nicht mit jenem Mädchen, das er auf der Straße aufgabelt und in ein Hotel mitnimmt, wohlwissend, dass er es gleich mit der Geschlechtskrankheit anstecken wird, die ihn plagt.

Der Roman mit Kokain ist, bei aller Prägnanz der Sprachbilder, kein sonderlich elegant komponiertes Buch. Es zerfällt in drei Teile: Der erste erzählt von der Schulzeit (in der zugleich sämtliche theologischen und metaphysischen Orientierungen gesprengt werden); im zweiten Teil lernt der wie ein Nachtgespenst durch Moskau vagabundierende Maslennikow die verheiratete Sonja kennen Im dritten, recht kurzen Part verfällt er dem Kokain und dessen Rauschzuständen. Wadim ist ein getriebener Hedonist. Politik kommt in dieser doch politisch so eminent wichtigen Zeit nur am Rande vor; wenn überhaupt, dann indirekt, im Spiegel der Handlungen und Worte der Mitschüler beispielsweise.

Entscheidend ist das Maslennikow’sche Innenleben, das zwischen Gier, Skrupellosigkeit und stets viel zu spät einsetzender Scham wilde Ausschläge hervorbringt. Die Liebe zu Sonja scheitert tatsächlich daran, dass er in ihr nicht mehr die Frau, also das Niedrige, sondern nur noch den Menschen erblicken kann. Das Auseinanderklaffen von Geist und Sinnlichkeit, wie Wadim es nennt, lähmt ihn körperlich; er gerät in einen Zustand, der dafür sorgt, "dass meine Sinnlichkeit, so schmutzig sie auch war, meine Geistigkeit nicht beflecken konnte." Kurz gesagt: Er versagt beim Sex. Wadim Maslennikow ist eine Figur, die in der russischen Romantradition steht. Ein Charakter, der außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Deutungs- und Verhaltensmodelle angesiedelt ist. Gerade in seiner anarchischen Konsequenz wird er uns so unheimlich.

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Leserkommentare
  1. Schicker Artikel, werde mir das Buch gleich mal für mein Kindle holen, falls vorhanden. Kaputte Typen machen doch immer noch die besten Romane aus.

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