Literaturnobelpreis für Mo YanTausende geschriebene Worte sagen mehr als ein gesprochener Satz

Mo Yan verdiene den Literaturnobelpreis nicht, weil er die Zensur in China verteidigt hat, heißt es. Seine Kritiker sollten ihn erst mal lesen, kommentiert Wolfgang Hirn. von Wolfgang Hirn

Literaturnobelpreisträger Mo Yan stellt sich Fragen bei einer Lesung in Stockholm am Sonntag.

Literaturnobelpreisträger Mo Yan stellt sich Fragen bei einer Lesung in Stockholm am Sonntag.  |  © Frederik Sandberg/AFP/GettyImages

Ja, er hat die politische Zensur mit der Kontrolle am Flughafen verglichen. Lästig sei sie, aber auch notwendig. Wegen dieses einen unglücklichen Satzes, den er vergangene Woche in Stockholm sagte, fallen sie jetzt über Mo Yan her. Von Herta Müller bis Salman Rushdie, von Ai Weiwei bis Liao Yiwu. Sie halten Mo Yan, der heute den Nobelpreis für Literatur erhält, nicht für preiswürdig, weil er das Sprachrohr Pekings sei oder eine Marionette, dessen Feder die Pekinger Führung führt.

Haben diese Kritiker nicht die Tausende von anderen Sätzen gelesen, die Mo Yan geschrieben hat? Haben die, die Mo Yan so heftig attackieren, jemals einen Blick in seine Bücher geworfen, zum Beispiel Die Knoblauchrevolte oder Die Schnapsstadt? Es ist zu bezweifeln. Denn sonst hätten sie dort lesen können, dass Mo Yan die alltägliche Korruption und Willkür der lokalen Kader geißelt. Und zwar nicht subtil und versteckt zwischen den Zeilen, sondern expressis verbis.

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Mo Yan ist stellvertretender Vorsitzender des staatlichen Schriftstellerverbandes. Deshalb ist er per se verdächtig. "Er ist ein Staatsdichter", sagt Liao Yiwu, der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Aber ist nur ein guter Kritiker des Systems derjenige, der wie Liao Yiwu im Exil lebt? Und hat innerhalb des Landes der begnadete Selbstdarsteller Ai Weiwei, der übrigens während der Olympischen Spiele 2008 auch mit dem Staat paktiert hat, ein Monopol auf Kritik?

Wolfgang Hirn

Wolfgang Hirn ist Reporter beim manager magazin. Er hat zwei Bücher über China (Herausforderung China und Angriff aus Asien) geschrieben. Im Frühjahr erscheint sein neues Buch über China und den Westen.

Mos Kritiker monieren auch, dass er nicht die Petition von mehr als 130 Nobelpreisträgern unterschrieben hat, die eine Freilassung des inhaftierten Regimegegners und Friedensnobelpreisträgers von 2010, Liu Xiaobo, fordern. Haben sie nicht zur Kenntnis genommen, dass Mo Yan unmittelbar nach der Bekanntgabe der Preisverleihung an Liu den unmissverständlichen Satz formuliert hat: "Ich hoffe, dass er (Liu Xiaobo) so bald wie möglich seine Freiheit bekommt."

Kritiker sehen nur Schwarz und Weiß

Nein, die Kritiker wollen nicht hören und nicht lesen, was Mo Yan sagt und schreibt. Ein Staatsdichter, der auch den Staat kritisiert – das passt nicht in ihr binäres Weltbild, in dem es nur ein Für oder Gegen das Regime gibt.

Der Umgang mit Mo Yan ist zudem typisch für die deutsche Auseinandersetzung mit China. Man malt entweder schwarz oder weiß. Die vielen Schattierungen dazwischen werden ignoriert. Wille und Zeit zur Differenzierung fehlen.

Doch das Riesenreich China ist zu groß und zu vielschichtig, als dass man mit einem Urteil die chinesische Realität nur annähernd abbilden könnte. Es gibt in China nicht die eine Realität, sondern viele Realitäten, die sich oft genug widersprechen und deshalb das Land so schwer verständlich machen.

Kritiker sollten Mo Yan lesen

Beispiel Umweltsch(m)utz: Wer behauptet, China sei der größte Umweltverschmutzer der Welt, hat zweifelsohne recht. Doch wer zugleich China als globalen Musterknaben beim Einsatz erneuerbarer Energien preist, hat ebenfalls recht. Beispiel Ein-Kind-Politik: Ja, es ist eine grausame Politik, die tief in die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen eingreift. Aber es war eine notwendige Politik, um China und Teile der Welt vor einer Hungersnot zu bewahren. Und ganz nebenbei: Die Geburtenrate ist in China dank vieler Ausnahmen bei der Ein-Kind-Politik inzwischen höher (1,6) als in Deutschland (1,4).

Aber wer kennt schon diese Fakten, oder wer will sie überhaupt wissen? Wir müssen aufhören, China nur mit Vorurteilen zu begegnen. Wir müssen unser eigenes Urteil bilden, was nur geht, wenn wir uns intensiver mit China beschäftigen. Die Lektüre eines Buches von Mo Yan wäre ein guter Anfang.

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Leserkommentare
    • mugu1
    • 10. Dezember 2012 15:07 Uhr

    Sorry dafür.
    Hier die wesentliche Korrektur: Der Literaturnobelpreis soll ihm richtigerweise zustehen...

    Und ich wede mir gleich mal eine neue Tastatur besorgen.
    :-)

    Antwort auf "@W.Hirn"
  1. einer der besten Artikel zum Thema "China und sein Medienbild", die ich in den letzten Jahren gelesen habe. China ist hoch komplex, wie letztlich alle Beschreibungen von Realität. Deutlich und klar entlarven sie den Dogmatismus von einigen Gegnern der chinesischen Regierung, die Mo Yan Regimetreue vorwerfen. Im Kampf um "Recht" und "Unrecht" oder um "richtig" und "falsch" haben Zwischennuancen keinen Platz. Dass sich hier die Regimegegner letztlich jemanden als Zielscheibe ihrer Kritik ausgesucht haben, der dermaßen offensichtlich nicht typisch für Konformität steht, führt ihre Argumenation ad absurdum. Wer gegen etwas kämpft, braucht einen Gegner. Mo Yan ist es nicht.

    • hladik
    • 10. Dezember 2012 15:10 Uhr

    sind diejenigen, die die Kritik am Regime innerhalb des vom Regime erlaubten Rahmens ueben. Weil sie die Illusion stuetzen, es gaebe in China freie Rede, obwohl sie sich selbst bei jeder Zeile fragen muessen: "Kann ich das jetzt noch schreiben? Oder falle ich dann in Ungnade? Muss ich um meine Reisen ins Ausland und den Praesidenten-Posten fuerchen?"

    Auch ihre sonstigen Argumente, Herr Hirn, sind verfaelschend und diffamierend gegenueber den Kritikern. Liao Yiwu ist nicht deshalb im Exil, weil's sich da so schoen bequem kritisieren laesst, sondern weil er mehrfach unter unmenschlichen und lebensgefaehrlichen Bedingungen inhaftiert war.

    Und diese windelweiche "Ich hoffe, dass Liu bald freikommt"-Aeusserung? Hoffen kann man vieles. Ich hoffe z.B., dass es in Bangladesh ab morgen fuer alle Menschen genug zu essen und eine kostenlose Gesundheitsversorgung gibt. Ihrer Argumentation folgend stellt mich das auf eine Stufe mit denen, die tatsaechlich etwas dagegen tun. Na prima!

    Und nein, ich werde Mo Yan sicher nicht lesen. Fuer angepasste Kritiker ist mir meine Zeit zu schade. Ich bleibe bei Liao Yiwu.

    In welchem Kontext ist uebrigens "nur ein dummer Satz" ein Argument? Bei Filbinger z.B. reicht mir ein einziger dummer Satz ("Was damals Recht war..."), um ihn als moralisch verdorben und dauerhaft diskreditiert zu betrachten. Wer Zensur, Unterdrueckung und Zwangsabtreibungen mit Sicherheitskontrollen auf eine Stufe stellt, faellt fuer mich in dieselbe Kategorie.

    • hladik
    • 10. Dezember 2012 15:15 Uhr

    ohne den Schoepfer zu ehren.

    Schliesslich erhaelt kein Buch den Nobelpreis, sondern ein Autor. Und wenn dieser Autor eben keine integre Persoenlichkeit ist, sondern eine Marionette des Regimes (die behauptet, sobald sie ueber ihre Faeden schreibt, waere sie frei), dann hat er eben den Preis nicht verdient.

    Aber was soll's? Nach Obama (und eigentlich schon nach Kissinger) ist der Nobelpreis eh nur noch was fuer die Klatschspalte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WolfHai
    • 10. Dezember 2012 16:30 Uhr

    "Und wenn dieser Autor eben keine integre Persoenlichkeit ist,... dann hat er eben den Preis nicht verdient." - Genau das meine ich mit "Gesinnungsurteil".

    Nur wer ungeheuer von sich überzeugt ist, weiß mit Gewissheit, was eine "integre" Person ist. In der DDR wurden z.B. genau die als interger bezeichnet (weil nur ihre Bemühungen zum "Weltfrieden" führen würden), die wir heute als üble Stasi-Leute bezeichnen. Wer heute ein integrer Unternehmer ist, wird vielleicht morgen als übler Ausbeuter verdammt. Wer heute ein Verräter ist, kann morgen ein Widerstandskämpfer sein.

    Im 20. Jahrhundert haben wir doch eigentlich genug von diesen äußerst schwankenden moralischen Urteilen gesehen, um zu wissen, wie relativ unsere Urteile sind. "Integer" wird da zum zweifelhaften Wort.

    entscheiden im Zweifelsfall Sie, hladik?

    Oder habe ich das jetzt falsch verstanden?

    • hladik
    • 10. Dezember 2012 15:18 Uhr

    Wie will man einen Autor, der die Schere im Kopf hat, unzensiert lesen?

    Antwort auf "Wo kriegt man den her?"
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    • Bommel
    • 10. Dezember 2012 15:27 Uhr

    wer hat denn nur die Schere im Kopf? Der, der ein Buch gar nicht erst lesen will, weil er eh schon eine Meinung hat, oder der, der sich informiert, liest und sich dann erst eine Meinung bildet?

  2. sollte es ihrem Kollegen gleich tun und ihre Energie für ihre Schriftstellerei aufheben, diese hätte es bitter nötig.

    • Bommel
    • 10. Dezember 2012 15:24 Uhr

    "systemrelevante Dings und sind ueberdies zumindest im original Chinesischem von poetischer und gleichsam metaphysischer Geziertheit und s" ?? ;))

    • Bommel
    • 10. Dezember 2012 15:27 Uhr

    wer hat denn nur die Schere im Kopf? Der, der ein Buch gar nicht erst lesen will, weil er eh schon eine Meinung hat, oder der, der sich informiert, liest und sich dann erst eine Meinung bildet?

    Antwort auf "Gar nicht."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Liu Xiaobo | China | Salman Rushdie | Buchhandel | Geburtenrate | Hungersnot
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