Schriftstellerin Anila Wilms"Albanien ist ein sehr grimmiges Land"

Die albanisch-deutsche Autorin Anila Willms hat den historischen Krimi "Albanisches Öl" geschrieben. Sie weiß, dass Gastfreundschaft und Blutrache dort bis heute gelten. von Thekla Dannenberg

Die Autorin und Publizistin Anila Wilms

Die Autorin und Publizistin Anila Wilms  |  © privat

ZEIT ONLINE: Ihr Roman spielt in Tirana Anfang der zwanziger Jahre. Das Bergland liegt in Blutfehde mit dem jungen Staat. In der Hauptstadt, die gerade noch ein staubiger Marktflecken war, wird um die Macht gekämpft. Amerikaner, Briten und Italiener drängen in das Land, um Zugang zu den gerade entdeckten Ölquellen zu bekommen. Viel Stoff für einen Krimi.

Anila Wilms: Das hängt mit meinem akademischen Hintergrund zusammen. Ich habe erst in Tirana Geschichte studiert, dann sechs Jahre lang an der FU in Berlin, und am Ende sollte ich meine Dissertation über die albanische Zwischenkriegszeit schreiben. Ich habe ewig zu dem Thema recherchiert, bin überall gewesen – in Tirana, London, Italien – und habe mir Akten aus den USA kommen lassen. Nur um schließlich festzustellen, dass ich nicht das richtige Temperament für eine Forscherin besitze.

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ZEIT ONLINE: Dann haben Sie statt Ihrer Doktorarbeit den Roman geschrieben?

Wilms: Ich wollte aus dem Material lieber ein universelleres Werk schaffen, in dem auch Menschen eine Rolle spielen können. Als Akademiker wird man an einer sehr kurzen Leine geführt. Emotionen und Subjektivität dürfen keine Rolle spielen. Doch die haben mir gefehlt, um die ganze Epoche wirklich zu verstehen. Es war eine schwierige Entscheidung, ich musste viele Menschen enttäuschen, aber am Ende war der Ruf der Literatur einfach stärker.

ZEIT ONLINE: Sie erzählen von einem der berühmtesten Verbrechen des Landes: Im Bergland, auf der Straße des Nordens, werden zwei Amerikaner umgebracht.

Wilms: Die Ermordung der beiden amerikanischen Touristen ist in der albanischen Geschichte ein sehr prominentes Ereignis. Man hört es immer wieder, in allen möglichen Zusammenhängen, ohne dass jemand genau wüsste: Was ist eigentlich geschehen? Und warum? Ich habe mir diese Fragen auch gestellt.

ZEIT ONLINE: Außer dem amerikanischen Botschafter zeigt im Roman niemand ein echtes Interesse an der Aufklärung des Mordes, denn Traditionalisten und Liberale führen mit ihren Machtkämpfen das Land gerade an den Rand des Bürgerkriegs.

Wilms: Als Albanien nach dem Ersten Weltkrieg wieder unabhängig wurde, machten sich die Leute daran, eine parlamentarische Demokratie nach europäischem Vorbild aufzubauen. Vier Jahre lang hat es ein Parlament gegeben. Der Roman beschreibt den Moment, an dem sich herausstellte, dass dieses Demokratie-Modell untauglich war für das Land und der Tod dieses demokratischen Experiments.

ZEIT ONLINE: Die demokratische Bewegung erscheint bei Ihnen als eine Bande von Hochstaplern, Glücksrittern und Taugenichtsen. Das ist bitter.

Wilms: Es war ein Kampf aller gegen alle, und sie waren einfach völlig unfähig zum Kompromiss. Nach 1924 hat niemand mehr versucht, in Albanien eine Demokratie zu etablieren. Bis 1992.

ZEIT ONLINE: An den Protagonisten Ihres Romans, dem Premier, dem Außenminister und dem Oppositionsführer lassen Sie kaum ein gutes Haar.

Wilms: Es sind alles Heroen der albanischen Geschichte und historisch sehr getreu gezeichnet. Sie besaßen durchaus faszinierende, wenn auch patriarchalische Persönlichkeiten, gerade die beiden großen Kontrahenten Herri und Dorotheus. Der dritte, Adnan Bey, hatte nicht den gleichen Rang.

ZEIT ONLINE: Sie selbst kommen aus dem osmanischen Militär- und Landadel, aus einer Familie "von Beys". Die kommt im Roman auch nicht gut weg.

Wilms: Meine Familie ist darüber nicht so glücklich. Die Onkel und Großonkel waren schon ein bisschen pikiert. Aber die Figur des Adnan Bey ist meinen Urgroßvätern und Urgroßonkeln sehr stark nachempfunden.

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    • Schlagworte Albanien | Dissertation | Doktorarbeit | Humor | Mord | Roman
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