Suhrkamp : Ritt über den Nikolassee

Drama um Suhrkamp: Das Berliner Landgericht beschert Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz eine herbe Niederlage. Als Geschäftsführerin ist sie abberufen. Jetzt geht der erbitterte Kampf um das Traditionshaus in die nächste Runde.

Es ist 12 Uhr mittags, das Wetter ist finster, und das Berliner Literaturfeuilleton mitsamt dem Schriftsteller Rainald Goetz trifft sich zur Abwechslung mal nicht in einem Literaturhaus oder einem Verlagsbüro, sondern im Landesgericht Mitte, in der Littenstraße hinter dem Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz. Grund dieser Zusammenkunft an einem eher unliterarischen Ort: die beiden Zivilprozesse, die der Minderheitengesellschafter Hans Barlach des Suhrkamp Verlags gegen die Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkéwicz und ihre Siegfried und Ulla Unseld Stiftung führt. An diesem Montagmittag werden die Urteile erwartet.

In dem einen Prozess geht es um eine Schadensersatzklage von Hans Barlach und seiner Medienholding AG gegen die dreiköpfige Geschäftsführung der Suhrkamp Verlagsleitung GmbH, namentlich Ulla Unseld-Berkéwicz, Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe. Und zwar im Zusammenhang mit der von Unseld-Berkéwicz und ihrer Familie erworbenen Villa in der Gerkrathstraße in Nikolassee und der gleichzeitigen Vermietung von Räumen der Villa an den Verlag. Gegenstand des zweiten Prozesses ist die Klage auf Abberufung eben jener Geschäftsführung.

Die Verblüffung ist groß, als in dem kleinen, schmucklosen Saal 3809 der Vorsitzende Richter Harmut Gieritz geschäftsmäßig und nur in Anwesenheit eines Anwalts der beklagten Mehrheitsgesellschafter die Urteile verliest. Und das nicht nur, weil die juristischen Formulierungen beim ersten Hören alles andere als klar verständlich sind. Sondern weil bei der Verlesung des sogenannten Entscheidungstenors im zweiten Urteil mehrmals von der Abberufung der Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz die Rede ist.

Tatsächlich hat die Zivilkammer 99 des Landgerichts Berlin zwei Urteile gefällt, die man nur als herbe Niederlage für die Suhrkamp-Verlagsleiterin und ihre beiden anderen Geschäftsführer bezeichnen kann. Zum einen muss die gegenwärtige Geschäftsführung unter Leitung von Unseld-Berkéwicz eine Schadensersatzzahlung von knapp über 282 500 Euro leisten, und zwar an den Suhrkamp Verlag. Ebenso wurde festgestellt, dass dem Verlag durch die Vermietung der Räume der Villa ein Schaden von 6.600 Euro monatlich entstanden ist, seit Anfang dieses Jahres. Will heißen: Das Gericht sieht bei der Vermietung der Räume durch die Familie von Unseld-Berkéwicz an den Verlag, aber eben auch bei der Ausstattung und den Veranstaltungs- und Bewirtungskosten eine unzulässige Vermischung zwischen dem privaten und dem geschäftlichen Bereich.

Zum anderen hat das Landgericht wegen dieses rechtswidrigen Vergehens auch dem Antrag auf die Abberufung der gegenwärtigen Geschäftsführung stattgegeben. Das heißt, dass Ulla Unseld-Berkéwicz nicht mehr unumschränkte Chefin im eigenen Verlagshaus ist, das aus verschiedenen, kompliziert miteinander verschachtelten Gesellschaften besteht. Man sei "schockiert" und "überrascht" von den Urteilen, so Verlagssprecherin Tanja Postpischil, allerdings sehe man auch "keinen akuten Handlungsbedarf", solange das Urteil nicht rechtskräftig sei. Suhrkamp-Anwalt Peter Raue sagte, bis dahin ändere sich nichts an der derzeitigen Geschäftsführung. Raue geht davon aus, dass die Verlagsspitze gegen die Entscheidung Berufung einlegt. Zunächst jedoch soll die Urteilsbegründung abgewartet werden.

Die erste Mitteilung der Geschäftsführung von Suhrkamp liest sich denn auch knapp und ernüchtert. Sie fasst die Urteile zusammen, stellt die Berufung in Aussicht und spielt auf Zeit: "Erfahrungsgemäß wird eine Entscheidung nicht vor Ende 2013 gefällt werden." Die "Zuversicht" und "Gelassenheit" auf Seiten der Mehrheitsgesellschafter, von der im Zusammenhang mit einem weiteren, in Frankfurt am 13. Februar zu verhandelnden Prozess die Rede war, in welchem Hans Barlach die Auflösung des Verlags beantragt hatte, ist jedenfalls dahin. Zumal die Berufung keinesfalls eine Erfolgsgarantie darstellt.

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Sachdienliche Hinweise

Das Gericht hat in der Causa Suhrkamp keine Vermischung von "Privatem und Geschäftlichen" moniert, das hat nur Barlach behauptet. Es geht vielmehr um den Betrag von 75k€ p. a. und pro Maßnahme, die die Geschäftsführerin ohne Rücksprache mit den Gesellschaftern ausgeben darf. Wenn sie diesen Betrag überschreitet, und das war der Fall bei 6600 € + NK pro Monat für die Anmietung ihrer Villa, hätte sie einen Beschluss fassen müssen und ihn mit ihren Stimmanteilen durchgewinken können. Sonst wäre der Verlag mit 140 Mitarbeitern und ca. 45 Millionen Umsatz überhaupt nicht zu führen, wäre nicht nach Berlin umgezogen und hätte sicher keinen Mietvertrag in der Pappelallee abschließen können. Sie hat das alles aber (vermutlich) ohne wirksamen Gesellschafterbeschluss gemacht - und jetzt ist das Kind tatsächlich im Brunnen. Ansonsten ist die Nutzung von Immobilien eines Gesellschafters zu marktüblichen Konditionen (550 qm einer Villa für 6600€ kalt ist OK) überhaupt nichts Anrüchiges, sondern in mittelständischen Unternehmen völlig üblich und legal. Dafür sind die allermeisten Geschäftsführer von § 181 BGB befreit, wodurch sie Verträge mit sich selbst schließen dürfen. Man darf aber eben nicht vergessen, einen wirksamen Beschluss dazu fassen zu lassen, wenn die Grenzen dieser Befugnis überschritten werden, in diesem Fall lag sie bei 75k€ p.a. Übrigens scheinen mir 80k€ p.a. für diese wichtige Marketing-Aktion ebenfalls völlig in Ordnung. In der ZEIT wäre das eine ganzseitige Anzeige.