WeihnachtsgeschichteWann singen sie endlich?

Warum jedes Jahr dieselbe Weihnachtsgeschichte lesen, wenn es eine tannennadelneue sein kann? Der Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt hat eine exklusiv für ZEIT ONLINE verfasst. von Tilman Rammstedt

Es wäre höchste Zeit zu singen, aber anscheinend wird nicht mehr gesungen. Alle sitzen bereits beim Essen. Die Geschenke sind längst ausgepackt, ich habe Rascheln und Reißen gehört, höfliche Dankeschöns, ein paar gemurmelte Erklärungen und dazwischen viel Schweigen. Jubelschreie fehlten diesmal, die sind ohnehin in den letzten Jahren seltener geworden, ich hörte auch kein enttäuschtes Weinen, wie sonst fast immer, und ganz sicher hörte ich kein Singen. Da muss es irgendwelche Absprachen gegeben haben, interne Beschlüsse im Vorfeld, und bestimmt waren es die Kinder, die sich dieses Jahr schlichtweg geweigert haben, die es endgültig zu peinlich fanden, zu schief, zu textunsicher, und jetzt lief stattdessen halt zweimal das Weihnachtsoratorium, und keiner hörte richtig zu, nicht einmal ich.

Dabei ist das Singen dringend notwendig. Ohne das Singen fängt alles endgültig an zu bröckeln, nur beim Singen waren wir immer alle wirklich vereint, waren wir wirklich Familie, diese vier, fünf Lieder lang, bei denen sich Jahr für Jahr höchstens die Reihenfolge änderte. Ich war immer der einzige, der alle Strophen auswendig konnte, ich war als einziger gut vorbereitet, aber das nützte wenig. Ich konnte ja nicht helfen, ich durfte ja nur leise mitsummen, bis auf die zweieinhalb Minuten von O du Fröhliche, wenn Karin und Jens ins Schmettern gerieten, und auch die Kinder endlich mal klar zu hören waren. Da sang ich dann fast aus voller Kehle, und das waren immer die schönsten zweieinhalb Minuten des Abends, das waren die schönsten zweieinhalb Minuten des Jahres. Da bekam ich tatsächlich eine Gänsehaut, aber mit der ist es nun wohl vorbei. Wie es aussieht, bröckelt auch die nun endgültig ab.

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Die Kinder trifft natürlich keine Schuld. So etwas ist normal in dem Alter. Johanna ist schon so gut wie ausgewachsen, Schuhgröße 36, mindestens, und Max’ Stimme überschlägt sich fristgemäß, wenn er überhaupt noch etwas sagt. Nächstes Jahr wird er sich wohl schon rasieren und kaum noch etwas mit dem kleinen Mäxchen zu tun haben, der hier in schlabberigen Strümpfen auf und ab hüpfte, wenn er Playmobilburgen oder ferngesteuerte Autos ausgepackt hatte, und ich ständig Angst haben musste, dass irgendetwas davon unters Sofa rollte, was ich dann unauffällig zurückschob, denn unterm Sofa lag schließlich ich. Seit neun Jahren liege ich hier Weihnachten für Weihnachten, stumm und reglos und feierlich. Ich kann mich an die vorherigen Sofas kaum noch erinnern, kaum noch an die vorherigen Familien, mir fehlen Namen, Stimmlagen, all das ist auch nicht mehr wichtig, denn das hier ist ja meine Familie, auch wenn sie anscheinend nicht mehr singt.

Tilman Rammstedt
Tilman Rammstedt

wurde 1975 in Bielefeld geboren. Seine Romane und Erzählungen sind mehrfach ausgezeichnet worden. Im Jahr 2008 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Zuletzt erschien sein Roman Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters (DuMont, 2012). Tilman Rammstedt lebt in Berlin.

Aber wir konnten uns immer auf einander verlassen, und dafür ist eine Familie schließlich das. Seit neun Jahren gehen Jens, Karin, Johanna und Max jeden Heilig Abend verlässlich um halb vier aus dem Haus. Ich weiß nicht, wohin. Auch in einer Familie darf man seine kleinen Geheimnisse haben. Vielleicht gehen sie in die Kirche, zu Freunden, vielleicht Spazieren, irgendein Ritual, das Karin oder Jens noch aus ihrer eigenen Kindheit eingeschleppt haben. Ich werde es nie herausfinden. Denn sobald die Luft rein ist, beginnen verlässlich meine eigenen Weihnachtsvorbereitungen. Ich hole den Notfallsschlüssel aus dem Versteck auf der Terrasse (unter dem vorletzten Blumentopf ganz rechts, bei all meinen Familien lag er unterm Blumentopf). Ich schließe die Tür auf, ich trete ein, und dann kann Weihnachten beginnen. Immer duftet es sofort nach Gänsebraten, selbst vorletztes Jahr, als Jens ausnahmsweise einmal einen Karpfen gemacht hatte. Auf den Duft konnte ich mich immer verlassen, und auch dieses Jahr duftete es, wenn auch etwas weniger intensiv. Ich schob das auf meine Erkältung, auch wenn ich gar keine hatte. Ich wollte nicht wahrhaben, dass es schon anfing zu bröckeln. Ich wollte darüber hinweg sehen, weil das einmal im Jahr doch möglich sei sollte.

Wie immer nahm ich mir ein Plätzchen aus der blauen Blechdose, und sah darüber hinweg, dass es diesmal nur zwei verschiedene Sorten gab. Ich sah über fehlenden Zuckerguss hinweg, über fehlende Streusel. Wie immer fotografierte den Tannenbaum für mein Album, und vielleicht war er ja auch gar nicht kleiner als in den Jahren zuvor, vielleicht bildete ich mir das nur ein. Ich achtete nicht auf Lichterketten, die im Fenster fehlten. Ich achtete nicht darauf, wie verändert das Haus wirkte, auch wenn ich beim Inspizieren nur auf einen neuen Kühlschrank in der Küche stieß, auf ein paar weitere von Karins Aquarellen im Treppenhaus, auf neue Bettwäsche im Elternschlafzimmer. Währenddessen verteilte ich meine Geschenke, nichts Großes natürlich, nichts Auffälliges.

Ich füllte Karins Parfum mit den Gratispröbchen auf, die ich das Jahr über gesammelt hatte, stellte für Jens ein Taschenbuch ins Regal, für die Kinder ließ ich seit einigen Jahren einfach etwas Geld in ihrem Zimmer liegen. Dann band ich mir meine Krawatte um, wie immer die rote mit den Sternen, ging sicherheitshalber noch einmal auf Toilette und begab mich auf meinen Platz unterm Sofa. Unter mir Polyamid, über mir Leinen, auch das war wie immer, und verlässlich setzte die Ruhe ein, die man nur Zuhause empfinden kann, und ich achtete nicht darauf, ob sie nicht früher größer gewesen war. Es sollte jetzt losgehen, es sollte sich jetzt wiederholen, es sollte jetzt endlich wieder Familie sein.

Wie immer lächelte ich, als ich hörte, wie die Tür aufging. Wie immer Getuschel, das Rascheln von Mänteln, und wie immer kam Jens als erstes ins Wohnzimmer, um die Kerzen anzuzünden. Er pfiff dabei nichts, aber darauf achtete ich nicht. Wie immer die Geschäftigkeit in den oberen Zimmern, wenn es auch schon seit Jahren nicht mehr das aufgeregte Getrippel gab, kein Geschrei mehr, keine Ungeduld, die durchs Haus zog wie der Duft von Gänsebraten. Jetzt wurde geschlurft, getrödelt, alles altersgerecht, ich hörte noch Verabschiedungen am Telefon, bis endlich alle versammelt waren, um mich herum standen, die Schuhe glänzten im Kerzenschein. Wahrscheinlich wurde gelächelt, und es klang sehr bemüht, aber das würde sich legen, so etwas legt sich in Familien. "Fröhliche Weihnachten", flüsterte ich, als es die anderen sich auch wünschten, und ich achtete nicht darauf, dass ich es etwas lauter flüsterte als sonst. Leises Gläserklirren, Räuspern, "Mensch, Max, das nervt", das würde sich legen, aber nichts legte sich, es raschelte, es riss, und dann es wirklich höchste Zeit zu singen, aber stattdessen Dankeschöns und zweimal Weihnachtsoratorium und noch nicht einmal Tränen.

Wie immer packe ich mein mitgebrachtes Stück Braten aus, während die anderen essen, ich höre "Herrlich" und Namen, die mir nichts sagen, ich höre "Komm, wenigstens Weihnachten mal ohne Handy", und vielleicht schmeckt mein Braten gar nicht zäher als sonst, vielleicht verwechsele ich da nur etwas, und als drüben der Nachttisch aufgetragen wird, kommt die Traurigkeit, da kommt sie immer, weil es dann immer bald schon zu Ende ist, weil ich dann bald wieder ein ganzes Jahr warten muss und mich auf nichts verlassen kann. Aber dieses Mal ist es eine andere Traurigkeit, es ist die Traurigkeit über das Fehlen von Traurigkeit, über die Lücke, die bleibt, wenn die Traurigkeit wegbröckelt. Ich versuche nicht darauf zu achten, aber das gelingt nicht.

Zum Schluss mache ich noch das Familienfoto, weil ich das schließlich immer mache und zumindest auf mich noch Verlass sein soll. Vier Paar Schuhe unterm Esstisch, wie immer, und wie immer halte ich dabei den Finger vors Objektiv, damit auch ich mit auf dem Foto bin. Ich drücke den Auslöser, und weiß auf einmal, dass es das letzte Foto sein wird, das ich hier mache. Das Album wird nicht voll werden. Auf einmal ist es auch sehr eng unterm Sofa, so eng, wie es unter Sofas sein sollte, auf einmal bekomme ich kaum Luft. Ich bin auf einmal sehr müde und sehr unwillig und sehr verzweifelt, und das Besteck klappert in weiter Ferne, ich höre Gesprächsfetzen, mit denen ich nichts zu tun habe, ich höre Schweigen, mit dem ich nichts zu tun habe, ich höre meinen Atem. Mit dem habe ich wohl zu tun, aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Ich schließe die Augen, und mache sie wieder auf, weil es ja weitergeht, zumindest darauf ist wohl leider Verlass. Es wird nächstes Jahr wieder ein Weihnachten geben, und ich will jetzt bitte nicht schon wieder eine neue Familie finden müssen. Ich will nicht wieder Wochen damit verbringen, mir eine auszusuchen, auf Notfallschlüssel unter Blumentöpfen zu hoffen und auf günstig gestellte Sofas. Ich will mich nicht gewöhnen, an neue Schuhe, neue Namen, neue Grundrisse, ich will mich bitte nicht wieder einlassen, bis alles anfängt zu bröckeln, weil es immer bröckelt. Ich will kein Bröckeln mehr, ich will nichts Allmähliches.

Draußen kein Schnee, ich höre Teller, die gestapelt werden, ich höre ein Gähnen. Dass man in einer Familie auch loslassen muss, denke ich, und dann höre ich das Singen. Zuerst noch ganz dünn, ganz leise, ich verstehe den Text kaum, Gnaden bringende Weihnachtszeit, und die Stimme wird kräftiger, schillernder, eine schöne Stimme ist das, meine Stimme ist das, und gleich werden die anderen einsetzen, ganz bestimmt, sie werden merken, wie dringend notwendig es ist, erst Karin und Jens, dankbar werden sie sein, dann bestimmt Max und schließlich Johanna, ganz bestimmt. Uns zu versühnen, gleich werden sie mitsingen, sie werden gar nicht anders können, Freue dich, O Christenheit, gleich geht es los, gleich geht es endlich wirklich los, ich höre sie schon Luft holen, gleich, jetzt.
 

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Leserkommentare
    • TDU
    • 24. Dezember 2012 12:46 Uhr

    Eine schöne Beschreibung, aber für Kontinuität und Beständigkeit steht eben das Original.

  1. Ich weigere mich hinzunehmen, dass es bröckelt. Deshalb singe ich noch Weihnachtslieder und spiele auf Akkordeon bzw. Mundharmonika.
    Weihnachten soll das Fest des Friedens, des Lichtes und der Freude bleiben.

    Frohe Weihnachten

    • noemi1
    • 27. Dezember 2012 20:09 Uhr

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  • Schlagworte Album | Duft | Erkältung
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