WeihnachtsgeschichteWann singen sie endlich?Seite 2/2

Wie immer lächelte ich, als ich hörte, wie die Tür aufging. Wie immer Getuschel, das Rascheln von Mänteln, und wie immer kam Jens als erstes ins Wohnzimmer, um die Kerzen anzuzünden. Er pfiff dabei nichts, aber darauf achtete ich nicht. Wie immer die Geschäftigkeit in den oberen Zimmern, wenn es auch schon seit Jahren nicht mehr das aufgeregte Getrippel gab, kein Geschrei mehr, keine Ungeduld, die durchs Haus zog wie der Duft von Gänsebraten. Jetzt wurde geschlurft, getrödelt, alles altersgerecht, ich hörte noch Verabschiedungen am Telefon, bis endlich alle versammelt waren, um mich herum standen, die Schuhe glänzten im Kerzenschein. Wahrscheinlich wurde gelächelt, und es klang sehr bemüht, aber das würde sich legen, so etwas legt sich in Familien. "Fröhliche Weihnachten", flüsterte ich, als es die anderen sich auch wünschten, und ich achtete nicht darauf, dass ich es etwas lauter flüsterte als sonst. Leises Gläserklirren, Räuspern, "Mensch, Max, das nervt", das würde sich legen, aber nichts legte sich, es raschelte, es riss, und dann es wirklich höchste Zeit zu singen, aber stattdessen Dankeschöns und zweimal Weihnachtsoratorium und noch nicht einmal Tränen.

Wie immer packe ich mein mitgebrachtes Stück Braten aus, während die anderen essen, ich höre "Herrlich" und Namen, die mir nichts sagen, ich höre "Komm, wenigstens Weihnachten mal ohne Handy", und vielleicht schmeckt mein Braten gar nicht zäher als sonst, vielleicht verwechsele ich da nur etwas, und als drüben der Nachttisch aufgetragen wird, kommt die Traurigkeit, da kommt sie immer, weil es dann immer bald schon zu Ende ist, weil ich dann bald wieder ein ganzes Jahr warten muss und mich auf nichts verlassen kann. Aber dieses Mal ist es eine andere Traurigkeit, es ist die Traurigkeit über das Fehlen von Traurigkeit, über die Lücke, die bleibt, wenn die Traurigkeit wegbröckelt. Ich versuche nicht darauf zu achten, aber das gelingt nicht.

Zum Schluss mache ich noch das Familienfoto, weil ich das schließlich immer mache und zumindest auf mich noch Verlass sein soll. Vier Paar Schuhe unterm Esstisch, wie immer, und wie immer halte ich dabei den Finger vors Objektiv, damit auch ich mit auf dem Foto bin. Ich drücke den Auslöser, und weiß auf einmal, dass es das letzte Foto sein wird, das ich hier mache. Das Album wird nicht voll werden. Auf einmal ist es auch sehr eng unterm Sofa, so eng, wie es unter Sofas sein sollte, auf einmal bekomme ich kaum Luft. Ich bin auf einmal sehr müde und sehr unwillig und sehr verzweifelt, und das Besteck klappert in weiter Ferne, ich höre Gesprächsfetzen, mit denen ich nichts zu tun habe, ich höre Schweigen, mit dem ich nichts zu tun habe, ich höre meinen Atem. Mit dem habe ich wohl zu tun, aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Ich schließe die Augen, und mache sie wieder auf, weil es ja weitergeht, zumindest darauf ist wohl leider Verlass. Es wird nächstes Jahr wieder ein Weihnachten geben, und ich will jetzt bitte nicht schon wieder eine neue Familie finden müssen. Ich will nicht wieder Wochen damit verbringen, mir eine auszusuchen, auf Notfallschlüssel unter Blumentöpfen zu hoffen und auf günstig gestellte Sofas. Ich will mich nicht gewöhnen, an neue Schuhe, neue Namen, neue Grundrisse, ich will mich bitte nicht wieder einlassen, bis alles anfängt zu bröckeln, weil es immer bröckelt. Ich will kein Bröckeln mehr, ich will nichts Allmähliches.

Draußen kein Schnee, ich höre Teller, die gestapelt werden, ich höre ein Gähnen. Dass man in einer Familie auch loslassen muss, denke ich, und dann höre ich das Singen. Zuerst noch ganz dünn, ganz leise, ich verstehe den Text kaum, Gnaden bringende Weihnachtszeit, und die Stimme wird kräftiger, schillernder, eine schöne Stimme ist das, meine Stimme ist das, und gleich werden die anderen einsetzen, ganz bestimmt, sie werden merken, wie dringend notwendig es ist, erst Karin und Jens, dankbar werden sie sein, dann bestimmt Max und schließlich Johanna, ganz bestimmt. Uns zu versühnen, gleich werden sie mitsingen, sie werden gar nicht anders können, Freue dich, O Christenheit, gleich geht es los, gleich geht es endlich wirklich los, ich höre sie schon Luft holen, gleich, jetzt.
 

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Leserkommentare
    • TDU
    • 24. Dezember 2012 12:46 Uhr

    Eine schöne Beschreibung, aber für Kontinuität und Beständigkeit steht eben das Original.

  1. Ich weigere mich hinzunehmen, dass es bröckelt. Deshalb singe ich noch Weihnachtslieder und spiele auf Akkordeon bzw. Mundharmonika.
    Weihnachten soll das Fest des Friedens, des Lichtes und der Freude bleiben.

    Frohe Weihnachten

    • noemi1
    • 27. Dezember 2012 20:09 Uhr

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  • Schlagworte Album | Duft | Erkältung
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