Roman "Jahrestag"Haitis einzige Hoffnung

Der Schriftsteller Lyonel Trouillot erzählt von der Ausweglosigkeit in Port-au-Prince. Sein Roman "Jahrestag" ist ein eindrucksvolles Porträt der haitianischen Gesellschaft. von 

Der Student wird sterben. Der Leser weiß das schon, wenn diese Erzählung aus Haiti beginnt. Der Student aber ist zu diesem Zeitpunkt noch voller Hoffnung: auf eine bessere Zukunft, eine gerechtere Heimat; darauf, dass sein Protest dem Land Frieden bringen wird. Doch am Ende werden seine eigenen Brüder ihn umbringen.

Lucien Saint-Hilaire heißt die Hauptperson dieser Geschichte, ein junger Mann aus einem Dorf auf Haitis Zentralplateau, "wo der Boden so trocken und weiß ist wie Knochenstaub." Mit seinem kleinen Bruder ist er in die Hauptstadt gezogen, um dort sein Glück zu machen. Und hat er es im Vergleich zu jenen, die er zurückließ, nicht zu etwas gebracht? Lucien studiert, um Lehrer zu werden, das ist ein unerhörtes Ziel für einen armen Dörfler wie ihn. Noch aber teilt er sich mit seinem Bruder ein winziges Zimmer in einem Slum von Port-au-Prince. Seine Existenz bestreitet Lucien durch Nachhilfestunden, die er Alfred erteilt, dem verwöhnten, etwas tumben Sohn eines wohlhabenden Schönheitschirurgen.

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Alfreds Zukunft ist schon durch seine Herkunft gesichert. Der kleine Bruder von Lucien aber, der sich nur noch Little Joe nennen lässt, hat die Schulbücher schon lange gegen Crack und eine Pistole eingetauscht: "Das ist eine Glock", erklärt er seinem Philosophenbruder. "Das ist mein Diplom von der École Normale."

Armut bedeutet Gewalt, das wird dem Leser gleich zu Beginn von Lyonel Trouillots Erzählung Jahrestag klar. Ganz egal, ob in den Slums der Hauptstadt oder auf dem Land. Auf dem Zentralplateau hackt man einander die Köpfe ab für ein paar Maiskolben oder tötet aus Aberglaube. In den Slums von Port-au-Prince prügeln die Verzweifelten aufeinander ein, ohne dass dabei klar würde, wer Täter und wer Opfer ist; oder sie schließen sich kriminellen Banden an, weil sie keinen anderen Ausweg aus ihrem Elend sehen.

© litradukt

So oder so: Ihre bleibt Lage aussichtslos. Für die Armen stand es schon immer am schlimmsten, schreibt Trouillot; und in seiner Geschichte wird sich daran auch nichts ändern. Der Romancier, Literaturdozent und Lyriker erzählt in einer sehr poetischen, präzisen Sprache von dieser Ausweglosigkeit. So beschreibt er, wie kleine Kinder im Slum sich prügeln, bis die Schreie des Schwächsten "den ausgemergelten Körper, die von der Armut gestraffte Haut und die ewig schlechte Laune seiner Mutter alarmierten". Statt der Prügelei ein Ende zu setzen, schlägt sie "mit folgenschweren Händen" ebenfalls drauflos, bis sich nicht mehr unterscheiden lässt, "wer Täter und wer Opfer ist". In der kurzen Szene wird dem Leser die ganze Tristesse des Elendsviertels klar.

Trouillot beschreibt nur die letzten Stunden im Leben des Studenten Lucien Saint-Hilaire, die aber betrachtet er wie unter einem Mikroskop. So gelingen ihm einfühlsame Porträts seiner Protagonisten. Gemeinsam bilden sie einen Querschnitt der haitianischen Gesellschaft: Da sind der wohlhabende Arzt, der seine Frau ebenso betrügt wie sie ihn. Seine schöne Frau, die ihre Tage mit Nutzlosigkeiten verbringt und ihren Frust am Personal auslässt, und der gemeinsame Sohn. Da ist die blinde Bäuerin vom Land, die alle Hoffnungen auf ihre Söhne in der Hauptstadt setzt; und da ist schließlich der Ladenbesitzer, der hinter dem Tresen "mit Phantomen tanzend" seine Tage mit Träumen von einer besseren Vergangenheit zubringt, an der Seite seiner Frau, die vor lauter Angst ganz in den Riten der Pfingstbewegung aufgeht.

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    • Schlagworte Roman | Jean Bertrand Aristide | Haiti | Aberglaube | Armut | Diplom
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