Comic "3 Sekunden"Ein virtuos zersplitterter Krimi

Die Comics von Marc-Antoine Mathieu sind auch Beschäftigungen mit dem Genre selbst. Sein atemberaubendes Buch "3 Sekunden" zerlegt sich selbst in seine Bausteine. von Waldemar Kesler

© Marc-Antoine Mathieu/Reprodukt

Marc-Antoine Mathieus Geschichten waren immer zugleich Reflexionen. In seiner genialen Serie um Julius Corentin Acquefacques werden Elemente der Bilderzählung zu Protagonisten: die Farben, die Dimension, die Tiefe oder gleich das Medium selbst. Kaum ein anderer Autor kreist beim Schreiben seiner Geschichten so sehr um die Frage, wie er sie erzählt. Sein Konzeptcomic 3 Sekunden besteht aus einer einzigen Zoomfahrt, die drei Sekunden lang einen Lichtstrahl verfolgt. Auf jeder Seite sehen wir seine Stationen auf drei Bildern à drei Zeilen. Man kann sich 3 Sekunden auch im Internet als Animationsfilm anschauen. Adresse und Passwort stehen im Buchumschlag der deutschen Ausgabe.

Auf dem letztjährigen Festival im französischen Angoulême, wo 3 Sekunden als bestes Album nominiert war, wurde Mathieu in einem Interview gefragt, ob der Band eine Reflexion über digitalisierte Comicbilder wäre. Er erwiderte, dass es ihm nie um theoretische Trockenübungen gehe, er wolle beim Erzählen Spaß haben und neue Spielfelder erkunden. Einige Minuten später zeigte er dem Publikum, was er unter schierer Fabulierlust versteht. Mathieu suchte zwei Seiten in seinem Buch, auf denen nur schwarze Kästen zu sehen sind, und sagte: "Das ist das reine Comicerlebnis. Man sieht das ganze Potenzial des Comics. Es stehen nur schwarze Quadrate nebeneinander, aber man schreitet in diesem Schwarz voran. Das Gehirn hat verstanden, dass es weitergeht, obwohl die Bilder nicht verraten, dass es weitergeht. Wenn man so eine Idee gehabt hat, ist man schon sehr zufrieden mit sich."

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Die schwarzen Quadrate erinnern an das von Malewitsch, der die Kunst vom "Gewicht der Dinge" befreien wollte, um beim Betrachter eine erhabene Empfindung der Leere hervorzurufen. Mathieus Quadrate stehen aber nicht für ein weltflüchtiges Kunstgefühl, sondern zeigen das, was ihn umtreibt: die reine Freude an den formalen Möglichkeiten der Bilderzählung. Der Impuls für 3 Sekunden war, dass er etwas rein Visuelles gestalten wollte, nachdem er in seinem Album Gott höchstselbst sehr stark mit dem Text gearbeitet hatte. Unvermittelt taucht darin bei einer Volkszählung Gott auf, wird anschließend zu einem Medienstar und schließlich entsorgt. Gott höchstselbst erstickte unter einem hochtrabenden Bombast philosophischer Sätze, hinter denen sich eine recht plumpe Zeitkritik verbirgt: Unsere Idiotien kriegen auch noch Gott klein.

Betrug, Attentate, Verrat

Die Philosophie hat Mathieu in 3 Sekunden auch untergebracht. Mathieu lässt uns auf spiegelnde Flächen zusteuern. In deren Reflexionen öffnen sich neue Räume, darin tauchen Gegenstände auf, auf denen sich die Spiegelbilder von dramatischen Ereignissen abzeichnen: In einer Pupille spiegelt sich ein Handy, dessen Kameralinse einen Mann zeigt, auf den jemand scheinbar von hinten eine Waffe richtet.

Wenn man will, kann man in diesem Spiegelkabinett einen Gegenentwurf zu Leibniz' Monadenlehre sehen. Statt wie die Monadenwesen die perfekte Harmonie der Welt abzubilden, zeigen Mathieus Außenspiegel Szenen aus einer Kriminalgeschichte: Wettbetrug, Attentate, Verrat. Man kann sich die philosophische Schnitzeljagd aber auch sparen und sich der anderen widmen und die einzelnen Hinweise auf einen Kriminalfall zu einem zusammenhängenden Ganzen zusammensetzen.

© Marc-Antoine Mathieu/Reprodukt

Diese Splitter einer Geschichte fesseln beim Lesen aber längst nicht so sehr wie Mathieus visuelle Kunstgriffe. Der Lichtstrahl verlässt die Erde und kehrt wieder zurück, nachdem ihn die Linse eines Satelliten reflektiert hat. In der Zwischenzeit hat im Himmel ein Anschlag auf ein Flugzeug stattgefunden und auf der Erde sind die entscheidenden Schüsse gefallen. Der Umweg ins All schlägt eine dramaturgische Brücke zum Höhepunkt der Ereignisse.

Leserkommentare
    • cmim
    • 08. Februar 2013 18:40 Uhr

    und das Ideal einer Zahl; zählt nciht nur beim Sehsinn.
    Im Hörfunk gilt die Empfehlung nicht längere Sätze als 18 Worte (Lesedauer etwa 3 Sekunden). Maximal 6 Nachrichten (etwa 30 Sekunden). Sozialer Stress bei Blickkontakt entsteht nach drrei Sekunden. Ein normaler Händedruck dauert etwa drei Sekunden. Die Augenbewegung während des Lesevorgangs erfasst in o,3 Sekunden etwa 15 Buchstaben.

    künstlerische Intuition?

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    Eine Leserempfehlung
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    • rosalix
    • 08. Februar 2013 20:17 Uhr

    ..denn direkt davor war die Vergangenheit und danach kommt die Zukunft!

    • rosalix
    • 08. Februar 2013 20:17 Uhr

    ..denn direkt davor war die Vergangenheit und danach kommt die Zukunft!

    • cmim
    • 08. Februar 2013 21:18 Uhr

    dauert eigentlich o,oo3 Sekunden, wenn ich mich recht erinnere, wird vom Hirn die Wahrnehmung in Sequenzen gebündelt, die exakt solange dauern. Und dann kann die Zukunft kommen.

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    • cmim
    • 08. Februar 2013 21:18 Uhr
    4. [...]

    Doppelpost. Danke, die Redaktion/mo.

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  • Schlagworte Album | Attentat | Comic | Wettbetrug | Kriminalroman
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