Vom gottesfürchtigen, folgsamen Knaben der viktorianischen Zeit bis zum rebellischen Mädchen der 68er-Pädagogik, das in einer feministischen Umschreibung des Froschkönigs auch ohne schönen Prinzen auskam: Stets folgen die Lektoren und Verleger den Bedürfnissen der Eltern, die für ihre Kleinen nur das Beste wollen. Und die sich nicht vor anderen Eltern am Spielplatz schämen wollen, wenn ihr Kleiner das bei der "Negerprinzessin" Pippi Langstrumpf aufgeschnappte Wort nachplappert: Ja, woher hat er das denn wohl?

Es existiert nicht nur ein moralischer, sondern auch ein ökonomischer Markt für diese Wunschvorstellung von einer wenn nicht schmutzigen Gedanken insgesamt, so doch zumindest sündigen Worten entsagenden Nachkommenschaft. Der kommerziell verwertbare Konsumentenwunsch nach neuen Kinderbuchversionen ist eine Folge der gut gemeinten, aber naiven Vorstellung, man könne Kindern fromme Gedanken pädagogisch wirksam einflößen wie Bachblütentropfen und damit den Krankheiten der Gesellschaft vorbeugen.

Die Realität auf den Schulhöfen dürfte eine andere sein. Kaum sind die Kinder unter ihresgleichen, wird das mit Kreischen bedachte Tabu und das lustvoll artikulierte Verbotene unüberhörbar. Mühsam aus dem alphabetisierten Kinderzimmer verbannte Massenmedien melden sich mit unzensierten Botschaften zurück, die mit Bedacht zum Glimmen gebrachten, bildungsbürgerlich edierten Märchenfantasien verlieren an Reiz. Krasse Smartphonevideos und derbe Witze aus dem Unterschichtenfernsehen machen stattdessen die Runde. Das gesellschaftlich verdrängte Verletzende kehrt im kindlichen Sadismus wieder: "Du Opfer!" ist der Schlachtruf zur Distinktion der groben Unterschiede in der Hackordnung der Kleinen, "schwul" und "Schwuchtel" ist – Homosexuellenehe hin oder her – die Markierung für schwächliches Außenseitertum schlechthin.

Zu Hause gibt es dann eventuell Erklärungsbedarf und elterliche Schamesröte. Einerseits soll das Kind vor allen materiellen wie immateriellen Schadstoffen geschützt werden. Andererseits ist es die Projektionsfläche des erwachsenen Autonomieideals. Nichts soll das Kind, trotz aller (über-)vorsichtigen Sorge um die Gefahren da draußen, an seiner Entwicklung zu einem freien, selbstbewussten Menschen hindern.

In diesem rousseauistischen Humus kann der kindliche Narzissmus prächtig gedeihen. Stampfend und trommelnd markiert er seinen Herrschaftsanspruch, während willfährige Eltern mit Bestechungsschokolade vor dem Tyrannen knien, der das Überziehen des Winteranoraks für den Rodelausflug verweigert.  Wenn die Kleinen sich dann endlich gegenseitig mit Schneebällen bewerfen, wäre die Zeit gekommen, um über mögliche eigene narzisstische Kränkungen nachzudenken. Warum fühlen sich so viele Erwachsene von neu edierten Kinderbüchern bevormundet? Was empört sie, wenn einzelne Worte ausgetauscht werden?

Stolze Individualisten fühlen sich geknechtet

Offensichtlich hegen viele der selbsternannten Tugendterroropfer den Verdacht, political correctness sei nichts anderes als eine groß angelegte Kinderbuchreform. Ständig sagen einem Lehrer und andere Besserwisser, wie man sich zu verhalten und wie man schönzusprechen hat. Nie mehr Schule!, heißt ein Falco-Hit für Erwachsene, und den Refrain findet jeder gut, der sich schon lange nichts mehr sagen lassen will – weder von Gott, dem Gesangsverein oder dem Tugendstaat.

Unter der angeblich erbarmungslosen Knute fühlen sich stolze Individualisten geknechtet: Man darf nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, man muss (in Frankreich) eine Cola-Steuer auf zuckrige Getränke zahlen; sogar den Triumph, eines Tages aus eigener Willen mit dem Rauchen aufzuhören, versagt einem die sukzessive Entwöhnung durch immer strengere Antirauchergesetze. Ja, was darf man denn noch? Zum Beispiel Schnitzel essen, die eben nicht mehr Zigeunerschnitzel heißen, aber so schmecken; zum Beispiel dank der Erfindungen des Getränkemarkts soviel picksüße Limonade trinken wie noch nie; zum Beispiel – wie früher im Schulhof – draußen rauchen und sich damit zum Widerstandskämpfer stilisieren.

Angst vor Entwertung der eigenen Kompetenz

Ständig schwappen neue Empörungswellen hoch, die schnell im Internet anwachsen können, in denen gegängelte Erwachsene endlich mal wieder ungezogene Rüpel sein dürfen. Die meisten Erregungen entstehen aber aus privaten Anlassfällen und nicht aus staatlichen Verordnungen. Diese sind auch Symptome für die Verwerfungen einer Gesellschaft, deren demokratisches Versprechen alle einlädt, ihre persönliche Achtung mit der Achtung der anderen abzugleichen – und dabei die undemokratische Wirklichkeit umso deutlicher zu empfinden.

Der Wunsch nach Kompensation nicht nur für reale Benachteiligungen, sondern auch für symbolische Kränkungen kann aber auch dazu führen, dass der Wunsch nach Kompensation narzisstisch überstrapaziert wird. Einem Spielzeugkonzern steht eine Klage wegen Volksverhetzung ins Haus, weil manche Science-Fiction-Figuren angeblich rassistische Stereotypen bedienen. Ein Turnschuh wird nach einem Internet-Shitstorm noch vor seiner Markteinführung wieder eingestampft, weil sein Design angeblich an die Sklaverei erinnert.

Wieder andere empfinden es als Bevormundung, dass gefühlte Opfer in Kinderspielzeug und Turnschuhen Schmähungen oder Diskriminierungen nicht nur zu erkennen glauben, sondern durch die Anerkennung dieser Interpretation auch Konsequenzen durchsetzen können. Beleidigt und herabgesetzt vom moralischen Zeigefinger fühlen sich vor allem jene, die sich bislang nicht durch andere beleidigt gefühlt haben. Also die vielzitierten weißen, westlichen Männer mit Geld und Status.

Liberalisierung der Sitten

Außerdem, stöhnen diese liberalen Zensurwarner, leiden wir unter der Unterschätzung unserer intellektuellen Fähigkeiten. Wir wissen nämlich selbst, dass in Sätzen über Politiker auch Politikerinnen impliziert sind, selbst wenn das Binnen-I fehlt. Wir haben längst bemerkt, dass sich das N-Wort für Weiße verbietet, während es auf der Straßen der USA eines der meistgebrauchten Slangwörter ist, mit dem Schwarze eine ganze semantische Palette zwischen Anerkennung und scherzhafter Diminuierung, Solidarität und Selbstpositionierung in einem weißen System ausdrücken.

Kurz gesagt: Die so heftig erregende Kränkung läuft auf den Vorwurf hinaus, dass der mündige, bildungsnahe Bürger zum unmündigen Kind degradiert wird. Das vertragen insbesondere Menschen schlecht, die über spezielle Kompetenzen verfügen. Alteingesessene Kulturwissenschaftler sehen sich von den Postcolonial Studies herausgefordert, leistungsorientierte Kunsthistoriker von quantifizierenden Frauenquoten. Und Literaturkritiker werden leicht dünnhäutig, wenn Debatten sich eher an der Reklamation opportuner Bezeichnungen und der Fahndung nach unzulässigen Stereotypen als an Stil und Erzählperspektive orientieren.

Die Angst vor der Entwertung eigener Kompetenzen äußert sich auch in der Warnung vor Zensur und vor dem Ende der Meinungsfreiheit. Die unterstellte Beschneidung der Redeweisen und Konsumgewohnheiten vergisst dabei aber zweierlei.

Zum einen ist das, was für den einen als Zensur erscheint, für den anderen das Gegenteil, nämlich Teilhabe und Sichtbarmachung einer bislang vergessenen oder unterdrückten Geschichte. Politische Korrektheit bedeutet auch, dass Menschen – und im Zuge der fortschreitenden Demokratisierung der Anerkennungsansprüche sogar Tiere – eine Stimme bekommen, die bislang keine hatten. Und eben nicht nur, dass Reden und Handlungen beschnitten werden. Diese Lesart des moralischen Reformismus lässt am Horizont der Geschichte gar einen Kommunismus der Selbstachtung aufleuchten, der jedem Individuum das Recht auf psychische und physische Integrität garantiert.

Zum anderen blendet die Klage über das in Schraubstöcke gepresste Leben aus, dass wir ein halbes Jahrhundert der Liberalisierung der Sitten hinter uns haben. In dieser Zeit der Individualisierung wurden historisch beispiellose gesellschaftliche Freiräume erst geschaffen – von der WG bis zum Swingerclub, vom Aussteigerbauernhof bis zum Börsenmonopoly, vom Avantgarde-Archiv bis zu den digitalen Plattformen. Hier könnte die gefährlich schillernde Originalausgabe von Pippi Langstrumpf möglicherweise irgendwann um einen Liebhaberpreis an einen geistesverwandten Renegaten verkauft werden.