Political CorrectnessWarum wir uns bevormundet fühlen

Ist das alltägliche Leben eine große Kinderbuchreform? In der Klage über Tugendterror zeigt sich auch das liberale, weiße Individuum, das um seine Kompetenzen fürchtet.

Vom gottesfürchtigen, folgsamen Knaben der viktorianischen Zeit bis zum rebellischen Mädchen der 68er-Pädagogik, das in einer feministischen Umschreibung des Froschkönigs auch ohne schönen Prinzen auskam: Stets folgen die Lektoren und Verleger den Bedürfnissen der Eltern, die für ihre Kleinen nur das Beste wollen. Und die sich nicht vor anderen Eltern am Spielplatz schämen wollen, wenn ihr Kleiner das bei der "Negerprinzessin" Pippi Langstrumpf aufgeschnappte Wort nachplappert: Ja, woher hat er das denn wohl?

Es existiert nicht nur ein moralischer, sondern auch ein ökonomischer Markt für diese Wunschvorstellung von einer wenn nicht schmutzigen Gedanken insgesamt, so doch zumindest sündigen Worten entsagenden Nachkommenschaft. Der kommerziell verwertbare Konsumentenwunsch nach neuen Kinderbuchversionen ist eine Folge der gut gemeinten, aber naiven Vorstellung, man könne Kindern fromme Gedanken pädagogisch wirksam einflößen wie Bachblütentropfen und damit den Krankheiten der Gesellschaft vorbeugen.

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Die Realität auf den Schulhöfen dürfte eine andere sein. Kaum sind die Kinder unter ihresgleichen, wird das mit Kreischen bedachte Tabu und das lustvoll artikulierte Verbotene unüberhörbar. Mühsam aus dem alphabetisierten Kinderzimmer verbannte Massenmedien melden sich mit unzensierten Botschaften zurück, die mit Bedacht zum Glimmen gebrachten, bildungsbürgerlich edierten Märchenfantasien verlieren an Reiz. Krasse Smartphonevideos und derbe Witze aus dem Unterschichtenfernsehen machen stattdessen die Runde. Das gesellschaftlich verdrängte Verletzende kehrt im kindlichen Sadismus wieder: "Du Opfer!" ist der Schlachtruf zur Distinktion der groben Unterschiede in der Hackordnung der Kleinen, "schwul" und "Schwuchtel" ist – Homosexuellenehe hin oder her – die Markierung für schwächliches Außenseitertum schlechthin.

Die Autoren

Matthias Dusini, geboren 1967 in Meran, ist Kunstkritiker bei der Zeitschrift Falter in Wien. Thomas Edlinger, geboren 1967 in Wien, wirkt dort als Radiomacher (unter anderem moderiert er das Kulturmagazin Im Sumpf auf FM4), freier Kulturjournalist und Kurator. Im Jahr 2012 erschien ihr Buch In Anführungszeichen: Glanz und Elend der Political Correctness in der edition suhrkamp.
 

Zu Hause gibt es dann eventuell Erklärungsbedarf und elterliche Schamesröte. Einerseits soll das Kind vor allen materiellen wie immateriellen Schadstoffen geschützt werden. Andererseits ist es die Projektionsfläche des erwachsenen Autonomieideals. Nichts soll das Kind, trotz aller (über-)vorsichtigen Sorge um die Gefahren da draußen, an seiner Entwicklung zu einem freien, selbstbewussten Menschen hindern.

In diesem rousseauistischen Humus kann der kindliche Narzissmus prächtig gedeihen. Stampfend und trommelnd markiert er seinen Herrschaftsanspruch, während willfährige Eltern mit Bestechungsschokolade vor dem Tyrannen knien, der das Überziehen des Winteranoraks für den Rodelausflug verweigert.  Wenn die Kleinen sich dann endlich gegenseitig mit Schneebällen bewerfen, wäre die Zeit gekommen, um über mögliche eigene narzisstische Kränkungen nachzudenken. Warum fühlen sich so viele Erwachsene von neu edierten Kinderbüchern bevormundet? Was empört sie, wenn einzelne Worte ausgetauscht werden?

Stolze Individualisten fühlen sich geknechtet

Offensichtlich hegen viele der selbsternannten Tugendterroropfer den Verdacht, political correctness sei nichts anderes als eine groß angelegte Kinderbuchreform. Ständig sagen einem Lehrer und andere Besserwisser, wie man sich zu verhalten und wie man schönzusprechen hat. Nie mehr Schule!, heißt ein Falco-Hit für Erwachsene, und den Refrain findet jeder gut, der sich schon lange nichts mehr sagen lassen will – weder von Gott, dem Gesangsverein oder dem Tugendstaat.

Unter der angeblich erbarmungslosen Knute fühlen sich stolze Individualisten geknechtet: Man darf nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, man muss (in Frankreich) eine Cola-Steuer auf zuckrige Getränke zahlen; sogar den Triumph, eines Tages aus eigener Willen mit dem Rauchen aufzuhören, versagt einem die sukzessive Entwöhnung durch immer strengere Antirauchergesetze. Ja, was darf man denn noch? Zum Beispiel Schnitzel essen, die eben nicht mehr Zigeunerschnitzel heißen, aber so schmecken; zum Beispiel dank der Erfindungen des Getränkemarkts soviel picksüße Limonade trinken wie noch nie; zum Beispiel – wie früher im Schulhof – draußen rauchen und sich damit zum Widerstandskämpfer stilisieren.

Leserkommentare
  1. Macht mit Wissen

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    • vonDü
    • 24.01.2013 um 18:14 Uhr

    Wissen mit Glauben

    • vonDü
    • 24.01.2013 um 18:14 Uhr

    Wissen mit Glauben

  2. 210. Jo, danke

    für die ehrliche Antwort.

    Ich denke, dass hier das Problem ans Grundsätzliche angedockt ist. Denn ich denke, es geht nicht wirklich um den 'Negerkönig', sondern was er im Kontext vermittelt. Würde Lindgren damit ein Antirassismuspamphlet veröffentlicht haben, an den entsprechenden Stellen, ich könnte mir vorstellen, auch die heutigen Schwarzen würden sich an dem Negerkönig hoch erfreuen.

    Doch nun stellt sich die Frage: Wenn der dem Text inhärente Rassismus damit überhaupt nicht durch Tilgung des Wortes und dessen Ersetzung obsolet geworden ist, warum will man den dann unbedingt lesen und unbedingt seinen Kindern vorlesen? Warum wollen das die Eltern, egal welchen Hauttyps?

    Antwort auf "Südseekönig"
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    • l_k_b
    • 24.01.2013 um 18:15 Uhr

    Meiner Meinuung nach sieht das so aus:
    Astrid Lindgren benutzt "Neger" und Kongolesen oder Kenianer (auf welches Land sie sich bezogen hat, weiß ich nicht mehr) um der geschichte etwas abenteuerliches zu verleihen, weit entfernt, unbekannt = Abenteuer, für Kinder super spannend. Das Problem ist hierder Begriff "Neger", der alle Schwarzen in einer Schublade einsortiert und immer wieder im Rahmen von Unterdrückung verwendet wurde. Daher ist er diskriminierend und sagt in Pippi m.E. nicht das aus,was ursprünglich gemeint war. Bei einem Kind kann dann der Eindruck entstehen, "Neger" sei ein harmloser Begriff und alles Schwarzen tanzen mit Baströckchen in der Südsee rum. Das kann nicht richtig sein.
    Ich denke daher, dass A. Lindgren nicht rassistisch ist, aber zeitgenössische Bilder benutzt, die heute nicht funktionieren und beleidigend sind und daher in Kinderbüchern tabu.

    es ist ein "ganz normales" sehr beliebtes, oft verfilmtes Kinderbuch. Die meisten Kinder kennen Pippi, und es schliesst ein Kind doch aus, wenn es sagen muss "ich darf das nicht lesen".
    Eigentlich müsste man als Eltern solche Kinderbücher erst selbst lesen, aber man kommt nicht immer drauf, weil es so unschuldig daherkommt.

    • l_k_b
    • 24.01.2013 um 18:15 Uhr

    Meiner Meinuung nach sieht das so aus:
    Astrid Lindgren benutzt "Neger" und Kongolesen oder Kenianer (auf welches Land sie sich bezogen hat, weiß ich nicht mehr) um der geschichte etwas abenteuerliches zu verleihen, weit entfernt, unbekannt = Abenteuer, für Kinder super spannend. Das Problem ist hierder Begriff "Neger", der alle Schwarzen in einer Schublade einsortiert und immer wieder im Rahmen von Unterdrückung verwendet wurde. Daher ist er diskriminierend und sagt in Pippi m.E. nicht das aus,was ursprünglich gemeint war. Bei einem Kind kann dann der Eindruck entstehen, "Neger" sei ein harmloser Begriff und alles Schwarzen tanzen mit Baströckchen in der Südsee rum. Das kann nicht richtig sein.
    Ich denke daher, dass A. Lindgren nicht rassistisch ist, aber zeitgenössische Bilder benutzt, die heute nicht funktionieren und beleidigend sind und daher in Kinderbüchern tabu.

    es ist ein "ganz normales" sehr beliebtes, oft verfilmtes Kinderbuch. Die meisten Kinder kennen Pippi, und es schliesst ein Kind doch aus, wenn es sagen muss "ich darf das nicht lesen".
    Eigentlich müsste man als Eltern solche Kinderbücher erst selbst lesen, aber man kommt nicht immer drauf, weil es so unschuldig daherkommt.

  3. an? Sind Sie nicht der, den ich ignoriere?

    Antwort auf "Woher wissen Sie das? "
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    Sie können mich ignorieren aber mir nicht verbieten, Ihnen Fragen zu stellen. Sind Ihnen meine Fragen zu unangebnehm? wo bleibt Ihre große Toleranz ? Ist Sie nur Ihrer Familie vorbehalten? ( Notwehr?) Alle anderen werden ignoriert?

    Sie können mich ignorieren aber mir nicht verbieten, Ihnen Fragen zu stellen. Sind Ihnen meine Fragen zu unangebnehm? wo bleibt Ihre große Toleranz ? Ist Sie nur Ihrer Familie vorbehalten? ( Notwehr?) Alle anderen werden ignoriert?

    • vonDü
    • 24.01.2013 um 18:14 Uhr

    Wissen mit Glauben

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sie verwechseln"
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    ich glaube also, wie es meinen Angehörigen und Freunden geht, ich glaube die Statuen wurden aus Machdünkeln weggesprengt. Was glauben sie? Den Taliban oder Islamisten waren die Bauen im Weg auf dem Weg zur Moschee, und ein Stein fiel runter und hat sie verletzt oder was.

    Das glauben Sie doch selber nicht.

    ich glaube also, wie es meinen Angehörigen und Freunden geht, ich glaube die Statuen wurden aus Machdünkeln weggesprengt. Was glauben sie? Den Taliban oder Islamisten waren die Bauen im Weg auf dem Weg zur Moschee, und ein Stein fiel runter und hat sie verletzt oder was.

    Das glauben Sie doch selber nicht.

    • l_k_b
    • 24.01.2013 um 18:15 Uhr

    Meiner Meinuung nach sieht das so aus:
    Astrid Lindgren benutzt "Neger" und Kongolesen oder Kenianer (auf welches Land sie sich bezogen hat, weiß ich nicht mehr) um der geschichte etwas abenteuerliches zu verleihen, weit entfernt, unbekannt = Abenteuer, für Kinder super spannend. Das Problem ist hierder Begriff "Neger", der alle Schwarzen in einer Schublade einsortiert und immer wieder im Rahmen von Unterdrückung verwendet wurde. Daher ist er diskriminierend und sagt in Pippi m.E. nicht das aus,was ursprünglich gemeint war. Bei einem Kind kann dann der Eindruck entstehen, "Neger" sei ein harmloser Begriff und alles Schwarzen tanzen mit Baströckchen in der Südsee rum. Das kann nicht richtig sein.
    Ich denke daher, dass A. Lindgren nicht rassistisch ist, aber zeitgenössische Bilder benutzt, die heute nicht funktionieren und beleidigend sind und daher in Kinderbüchern tabu.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Jo, danke"
  4. 214. [...]

    Entfernt. Kehren Sie sachlich zum konkreten Artikelthema zurück. Danke. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
  5. es ist ein "ganz normales" sehr beliebtes, oft verfilmtes Kinderbuch. Die meisten Kinder kennen Pippi, und es schliesst ein Kind doch aus, wenn es sagen muss "ich darf das nicht lesen".
    Eigentlich müsste man als Eltern solche Kinderbücher erst selbst lesen, aber man kommt nicht immer drauf, weil es so unschuldig daherkommt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Jo, danke"
  6. Was ist, wenn andere Väter von anderen Spezies sich beleidigt und diskrimiert fühlen. Sie gehen alle zu den Verlagen und beschwerden sich... Also muß der Verlag jedem gerecht werden?
    Was ist, wenn sich Muslime beschweren, dass in den Kinderbüchern keine Mädchen mit Kopftüchern vorkommen... ?
    Wenn man das weiterdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluß, dass sich in jedem Buch irgendjemand, irgendeine Bevölkerungsgruppe beleidigt fühlt... Wehret den Anfängen.. Es geht nicht, um das Recht zu beleidigen, sondern um den Respekt vor Texten und Autoren. Wer sich von einem Kinderbuch beleidgt fühlt, sollte es einfach ignorieren.

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