Political CorrectnessWarum wir uns bevormundet fühlen

Ist das alltägliche Leben eine große Kinderbuchreform? In der Klage über Tugendterror zeigt sich auch das liberale, weiße Individuum, das um seine Kompetenzen fürchtet. von Matthias Dusini und Thomas Edlinger

Vom gottesfürchtigen, folgsamen Knaben der viktorianischen Zeit bis zum rebellischen Mädchen der 68er-Pädagogik, das in einer feministischen Umschreibung des Froschkönigs auch ohne schönen Prinzen auskam: Stets folgen die Lektoren und Verleger den Bedürfnissen der Eltern, die für ihre Kleinen nur das Beste wollen. Und die sich nicht vor anderen Eltern am Spielplatz schämen wollen, wenn ihr Kleiner das bei der "Negerprinzessin" Pippi Langstrumpf aufgeschnappte Wort nachplappert: Ja, woher hat er das denn wohl?

Es existiert nicht nur ein moralischer, sondern auch ein ökonomischer Markt für diese Wunschvorstellung von einer wenn nicht schmutzigen Gedanken insgesamt, so doch zumindest sündigen Worten entsagenden Nachkommenschaft. Der kommerziell verwertbare Konsumentenwunsch nach neuen Kinderbuchversionen ist eine Folge der gut gemeinten, aber naiven Vorstellung, man könne Kindern fromme Gedanken pädagogisch wirksam einflößen wie Bachblütentropfen und damit den Krankheiten der Gesellschaft vorbeugen.

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Die Realität auf den Schulhöfen dürfte eine andere sein. Kaum sind die Kinder unter ihresgleichen, wird das mit Kreischen bedachte Tabu und das lustvoll artikulierte Verbotene unüberhörbar. Mühsam aus dem alphabetisierten Kinderzimmer verbannte Massenmedien melden sich mit unzensierten Botschaften zurück, die mit Bedacht zum Glimmen gebrachten, bildungsbürgerlich edierten Märchenfantasien verlieren an Reiz. Krasse Smartphonevideos und derbe Witze aus dem Unterschichtenfernsehen machen stattdessen die Runde. Das gesellschaftlich verdrängte Verletzende kehrt im kindlichen Sadismus wieder: "Du Opfer!" ist der Schlachtruf zur Distinktion der groben Unterschiede in der Hackordnung der Kleinen, "schwul" und "Schwuchtel" ist – Homosexuellenehe hin oder her – die Markierung für schwächliches Außenseitertum schlechthin.

Die Autoren

Matthias Dusini, geboren 1967 in Meran, ist Kunstkritiker bei der Zeitschrift Falter in Wien. Thomas Edlinger, geboren 1967 in Wien, wirkt dort als Radiomacher (unter anderem moderiert er das Kulturmagazin Im Sumpf auf FM4), freier Kulturjournalist und Kurator. Im Jahr 2012 erschien ihr Buch In Anführungszeichen: Glanz und Elend der Political Correctness in der edition suhrkamp.
 

Zu Hause gibt es dann eventuell Erklärungsbedarf und elterliche Schamesröte. Einerseits soll das Kind vor allen materiellen wie immateriellen Schadstoffen geschützt werden. Andererseits ist es die Projektionsfläche des erwachsenen Autonomieideals. Nichts soll das Kind, trotz aller (über-)vorsichtigen Sorge um die Gefahren da draußen, an seiner Entwicklung zu einem freien, selbstbewussten Menschen hindern.

In diesem rousseauistischen Humus kann der kindliche Narzissmus prächtig gedeihen. Stampfend und trommelnd markiert er seinen Herrschaftsanspruch, während willfährige Eltern mit Bestechungsschokolade vor dem Tyrannen knien, der das Überziehen des Winteranoraks für den Rodelausflug verweigert.  Wenn die Kleinen sich dann endlich gegenseitig mit Schneebällen bewerfen, wäre die Zeit gekommen, um über mögliche eigene narzisstische Kränkungen nachzudenken. Warum fühlen sich so viele Erwachsene von neu edierten Kinderbüchern bevormundet? Was empört sie, wenn einzelne Worte ausgetauscht werden?

Stolze Individualisten fühlen sich geknechtet

Offensichtlich hegen viele der selbsternannten Tugendterroropfer den Verdacht, political correctness sei nichts anderes als eine groß angelegte Kinderbuchreform. Ständig sagen einem Lehrer und andere Besserwisser, wie man sich zu verhalten und wie man schönzusprechen hat. Nie mehr Schule!, heißt ein Falco-Hit für Erwachsene, und den Refrain findet jeder gut, der sich schon lange nichts mehr sagen lassen will – weder von Gott, dem Gesangsverein oder dem Tugendstaat.

Unter der angeblich erbarmungslosen Knute fühlen sich stolze Individualisten geknechtet: Man darf nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, man muss (in Frankreich) eine Cola-Steuer auf zuckrige Getränke zahlen; sogar den Triumph, eines Tages aus eigener Willen mit dem Rauchen aufzuhören, versagt einem die sukzessive Entwöhnung durch immer strengere Antirauchergesetze. Ja, was darf man denn noch? Zum Beispiel Schnitzel essen, die eben nicht mehr Zigeunerschnitzel heißen, aber so schmecken; zum Beispiel dank der Erfindungen des Getränkemarkts soviel picksüße Limonade trinken wie noch nie; zum Beispiel – wie früher im Schulhof – draußen rauchen und sich damit zum Widerstandskämpfer stilisieren.

Leserkommentare
  1. "die relativierenden Artikel hier bei ZEIT Online"

    Relativierend halte ich zwar ohnehin für eine Abwertung, aber hier sogar für deutlich untertrieben. [...]

    Ich hoffe, daß mein Kommentar so stehen bleibt und nicht zensiert wird. Denn er drückt meine momentane sprachliche Ohnmacht aus. Mir fehlen schlicht die Worte - im Gegensatz zu den Autoren dieses Artikels.

    Dies insbesondere deshalb, weil ich dachte, heute morgen genug zum Artikel geschrieben zu haben, auf den die Autoren sich beziehen.

    Tatsächlich schüttelte ich grad den Kopf. Das war's für mich für heute zum Thema.

    Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
  2. "viele dieser Zeichen sind Hilfestellung für Mitbürger, die nicht so weit denken können und die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht abschätzen können." Kant geht es um die eigene Unmündigeit des Einzelnen. Die edlen Ziele dienen doch vor allem der Erhöhung des Selbstwertgefühls der Vorschriftenmacher.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hilfestellung"
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    "Die edlen Ziele dienen doch vor allem der Erhöhung des Selbstwertgefühls der Vorschriftenmacher."

    @M. Weber

    Können sie diese Behauptung auch irgendwie belegen?
    Genau dieser Vorwurf schwingt immer wieder mit und gerade bei der abwertenden Verwendung des Wortes Gutmensch geht es ja gerade darum.

    Gerade als Vegetarier habe ich diesen Vorwurf schon oft gehört, obwohl ich nie anderen vorschreiben möchte, kein Fleisch mehr zu essen, sondern nur meine Standpunkte erläutere.

    Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass sich da Menschen aus Prinzip angegriffen fühlen, da ihr Weltbild, ihre Moral in Zweifel gezogen wird.

    Es gibt Millionen Nichtraucher, die nicht als Gutmenschen abgewertet werden weil sie "ihre Standpunkte" nicht dauernd erläutern. Ich lasse Sie in Ruhe Ihren Salat essen solange Sie mich nicht mit ihren Standpunkten belästigen. Wenn Sie sich Fleischessern aus was für Gründen auch immer moralisch überlegen fühlen haben Sie den Beleg um den Sie gebeten haben. Ja, ich will ein selbstbestimmtes Leben führen und ja, jede Nanny empfinde ich als Zumutung. Ich will nicht mehr als nötig von anderen gelebt werden. Und über Vegetarismus z.B. informiere ich mich dann, wenn mein Interesse darauf fällt.
    Nur nehmen mir die diversen Nannies zu viel Zeit weg, aber die Hydra muss bekämpft werden.

  3. 35. [...]

    Bitte äußern Sie sich sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zeit für Zensur"
  4. 36. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie den konkreten Artikelinhalt. Fragen zu unserer Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zeit für Zensur"
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    "Die ZEIT zensiert doch andauernd. Wenn dem/der RedakteurIn was nicht passt, stehen da so schöne Sätze wie "Bleiben Sie sachlich", "Bleiben Sie beim Thema" o.ä. Jeder Versuch sich zu erklären endet im Nirvana der Zensur."

    @avatar654

    Ich gebe zu, das mich das auch immer wieder stört.
    Mir fällt aber auch auf, dass der Kommentarbereich hier einer der wenigen ist, in denen eine Diskussion noch möglich ist.
    Ich habe schon in so einigen Internetforen geschrieben und wenn es da zu lasche Moderatoren gab, liefen die Diskussionen oft völlig aus dem Ruder. Da reicht dann oft ein einziger Querulant damit ein Thread völlig vom Thema abweicht und in gegenseitigen Beleidigungen endet. Wenn jemanden so etwas Spaß macht, bitte von mir aus, aber konstruktiv ist so etwas nicht!
    Wenn da schnell ein Riegel vorgesetzt wird, merken die meisten dann, dass sie sich ein bisschen mehr Mühe beim Verfassen konstruktiver Beiträge machen müssen. Das finde ich persönlich nicht schlecht, denn ich verschwende schon genug Zeit mit sinnlosem Müll im Internet.

    Außerdem werden auch oft Beiträge gelöscht, die schlicht nichts mit dem Thema zu tun haben, genau genommen müsste dieser Beitrag hier auch gelöscht werden.
    Aber vielleicht lässt die Redaktion ihn ja doch stehen. ;-)
    Genau genommen passt er ja doch zum Thema.

    Entfernt. Bitte richten Sie Anregungen zur Moderation direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/jp

    • anyweb
    • 24. Januar 2013 14:45 Uhr
    37. genau

    zu viel schopenhauer, zu wenig nietzsche.

    Antwort auf "Seltsame Diskussion"
    • konne
    • 24. Januar 2013 14:45 Uhr

    Ich habe Jahrzehnte lang Kinder- und Jungendliteratur ins Spanische übersetzt. Acuh Filme habe ich übersetzt. Ich musste mich vorerst mit dem Autoren auseinandersetzen und sehen was er sagen wollte und wann er lebte um das richtige Vokabular zu finden. Diese Jahrzehnte lange Auseinandersetzungen, auch mit Filmen für das spanische Fernsehen haben mir vieles gezeigt. Jegliche Korrektur ist eine Verfälschung des Inhaltes. Vor etlichen Jahren sollten in Südamerika Schulbücher veröffentlicht werden mit eiern Poesie von Garcia Lorca. Das Problem war es kam das Wort "coger" vor was auf Spanisch "nehmen" aber in Südamerika "Geschlechtsverkehr treiben" bedeutet. DEr VErlag bat die Autoren das Wort "tomar" (ein Synonym) zu verwenden. Die Autoren weigerten sich da der Autor ein bestimmtes Wort verwendet hatte und dieses nicht ausgetauscht werden konnte. Der Verlag verzichtete dann auf die Veröffentlichung dieses Gedichtes denn er sah nicht ein dass eine Fussnote helfen könnte. Garcia Lorca war einer der grössten spanische Dichter. Diese Beispiel soll verdeutlichen wohin wir gehen können wenn wir einer Umbenennung nur im geringsten zustimmen würden. Später würden dann ganze Film ausgeschnitten (wie es schon in einigen Versionen vorkommt dass die Schauspieler in alten Filmen nicht mehr rauchen), und somit manipuliert werden. Mit der Literatur wäre es das Gleiche. Erich KÄstner, Brecht, Lessing, Goethe,etc....

    35 Leserempfehlungen
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    Jeder Schriftsteller schreibt in seiner Zeit. Würde man jedem selbsternannten Sprachreiniger erlauben, 'im Geiste der (späteren) Zeit' darin herumzupfuschen, bliebe am Ende nur noch Toilettenpapier übrig.
    Ihr g.e.lessig (Übersetzer)

    • Jastrau
    • 24. Januar 2013 14:46 Uhr

    Auch wieder offensichtlicher Sexismus("konservative alte Männer..").
    Auch ziemlich lustig wenn man bedenkt, dass die CDU im Besonderen bei älteren Frauen sehr stark ist, aber ich höre keinen Vorwurf an die konservativ alten Frauen, denn das passt ja nicht in das einfach gestrickte, sexistische, Weltbild.

    15 Leserempfehlungen
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    • grandma
    • 24. Januar 2013 15:27 Uhr

    hat das Problem mit den älteren Männern sehr gut beschrieben. Wenn z.B. etwas Antidikreminierungsarbeit hindert, sind es ältere weisse Männer in der Antidiskreminierungsarbeit.

    • omnibus
    • 24. Januar 2013 14:47 Uhr

    ob man sich gegenwärtig um eine politisch korrekte Sprache bemüht oder rückwirkend alles zensurieren möchte. Letzteres hat etwas Missionarisch-Jakobinisches, das ich erschreckend finde.
    Teilhabe und Sichtbarmachung haben auch nichts damit zu tun, historische Werke zu verfälschen. Es gibt sinnvolle Instrumente, um einen Diskurs über Darstellungskonventionen zu führen - im Bereich des Visuellen zB die Visual Studies.

    Überträgt man die Thesen der Autoren auf Bilder, stellt sich die Frage, ob nicht auch Werke der bildenden Kunst politisch korrekt übermalt werden müssten. Es wird sicher amüsant, wenn all die Nackten auf den Bildern alter Meister demnächst züchtig in Bikini und Badehose zu bewundern sind und alle sexistischen Gewaltdarstellungen (ZB das beliebte Sujet "Der Raub der Sambierinnen") ins Depot verbannt werden.

    Das Schlimmste an den Aposteln der Political Correctness ist ihre absolute Humorlosigkeit.

    26 Leserempfehlungen
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    • omnibus
    • 24. Januar 2013 14:58 Uhr

    für die Tippfehler. Gemeint sind natürlich die Sabinerinnen.

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