BriefeGlücklich ist, wer korrespondiert!

Die Faszination für literarische Briefwechsel scheint noch immer ungebrochen. Auch jahrelanges E-Mailen gibt keinen Anlass zum Kulturpessimismus. von 

"Subjektiv aber sind die Menschen, im Zeitalter des Zerfalls der Erfahrung, zum Briefschreiben nicht mehr aufgelegt. Einstweilen sieht es so aus, als entzöge die Technik den Briefen ihre Voraussetzung. Weil Briefe, angesichts der prompteren Möglichkeiten der Kommunikation, der Schrumpfung zeiträumlicher Distanzen, nicht mehr notwendig sind, zergeht auch ihre Substanz an sich."

Diese Zeilen stammen nicht aus einem kulturpessimistischen Pamphlet gegen die Segnungen des Internets. Sie sind bereits Mitte der sechziger Jahre verfasst worden, als vor allem das Telefon so manchen wohlformulierten Brief überflüssig machte. Theodor W. Adorno hat sie in einem Essay über den Briefschreiber Walter Benjamin notiert und im Grunde eine Zeitenwende markiert: Der komponierte, weitschweifige, nicht selten poetische Brief dürfte spätestens seit jenen Jahren im Verschwinden begriffen sein. Konnte Goethe noch aus ganzem Herzen bekennen, es sei "ein groses Glück, wenn man korrespondirt", sind manche Dichterbriefe aus den siebziger oder achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eher schnöde Mitteilungen.

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Im 18. und 19. Jahrhundert stand die gelehrte und poetische Briefkultur noch in voller Blüte. In der Romantik war der Brief nicht nur Beiwerk eines Autors, sondern selbst eine literarische Gattung, das "monologische Konstrukt eines Ichs", wie der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer es einmal formulierte. Um die Problematik, die daraus erwachsen konnte, wusste einer der bedeutendsten Ich-Dekonstrukteure des 20. Jahrhunderts: "Die leichte Möglichkeit des Briefschreibens muss – bloß theoretisch gesehen – eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben", schreibt Franz Kafka 1922 an Milena Jesenská. "Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern mit dem eigenen Gespenst. (…) Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! (…) Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten."

Vielleicht ist es diese Entblößung, die uns auch heute noch fasziniert, wenn wir Briefe von Dichtern und Philosophen lesen. Jedes Jahr werden neue Briefeditionen auf den Markt gebracht, aus den unterschiedlichsten Motiven – etwa, weil einer der Briefpartner oder beide berühmt sind und eine prägende Rolle in der Geistesgeschichte spielen. Oder weil Briefe nicht nur ein helleres Licht auf das eigentliche Werk und Wirken des Absenders werfen, sondern möglicherweise sogar ein wesentlicher Teil desselben sind. Briefeditionen sind auch für die Verlage nicht nur eine Luxusangelegenheit. Erstaunlicherweise verkaufen sie sich zuweilen genauso gut wie Romane.

Briefe, für Dritte geschrieben

Man denke nur an den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze oder an jenen von Thomas Bernhard mit seinem Verleger Siegfried Unseld. Herausgegeben wurde letzterer vom Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger. Er erklärt die Konjunktur von Briefeditionen mit einer Sehnsucht nach der Aura des Authentischen: "Objekte im Verschwinden", sagt Fellinger, "rufen eine gewisse Bewunderung hervor." Briefe gelten als ungeschützter Ausdruck des Intimen, "man erfährt Hintergründe, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit sollen". Auch Jan Bürger vom Deutschen Literaturarchiv Marbach sieht durchaus eine gewisse Hinwendung zu autobiografischen Dokumenten – gerade in einer Zeit, in der man glaubt, der Schriftkultur und Authentizität immer mehr verlustig zu gehen. "Man ist vielleicht auch einfach sensibler geworden, Briefe und andere autobiographische Schriften als Kunstform zu lesen, als improvisierte Prosa."

Sind wir also am ästhetischen Mehrwert von Briefwechseln interessiert? Oder ist die Generation Facebook besonders begierig nach dem ohnehin alltäglich gewordenen Schlüssellochblick in des Dichters psychische Abgründe, die dieser seinem Briefpartner anvertraut? Das würde bedeuten, dass wir beim Lesen von Briefwechseln tatsächlich unseren voyeuristischen Gelüsten nachgeben und etwas Verborgenes aufspüren wollten. Gerade aber die Briefe von bekannten Autoren – seit dem 18. Jahrhundert – sind nicht selten schon im Bewusstsein geschrieben worden, dass sie später das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Sie sind, auch wenn sie sich an einen bestimmten Empfänger richten, immer auch für Dritte geschrieben. Für einige begnadete Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts – für Paul Celan oder auch Rilke – ist die Briefform gar ein Surrogat für die Prosa, sagt Jan Bürger. "In dieser Leichtigkeit des Vorläufigen entwickelt man Fähigkeiten als Autor, die zur öffentlichen Rolle, die man sich erarbeitet hat, auf den ersten Blick manchmal gar nicht zu passen scheinen."

Freilich ist das nicht immer so. Und trotzdem werden Briefwechsel veröffentlicht. Briefe aus dem Nachlass werden genauso behandelt wie Werke, und die Autoren wie auch Nachlassverwalter müssen ihr Einverständnis für die Veröffentlichung erteilen. Selten erscheinen Briefwechsel von noch lebenden Schriftstellern. Eine Ausnahme ist der aus Anlass des 70. Geburtstages von Peter Handke und Siegfried Unselds zehnten Todestages herausgekommene Briefwechsel des Autors mit seinem Verleger – einer unter vielen in den vergangenen Jahren, aber durchaus ein besonderer. "Sehr geehrter Herr Handke, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen."

Leserkommentare
  1. Hier eine andere Art von Briefen:
    wp.me/pI5I6-10

    E.S.

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