Daniel OdijaStraße der Dichter und Säufer

Daniel Odijas Buch "Auf offener Straße" erzählt von der polnischen Provinz. In kleinen Episoden entfaltet sich ein Bild postkommunistischer Realität. von Fokke Joel

© Paul Zsolnay/Hanser

"Zu Allerseelen flackern die Toten mit Tausenden Flämmchen, und es hat den Anschein, als zögen sie in Richtung Zentrum. Wenn sie das wirklich wollten, kämen sie natürlich durch die Lange Straße." Sie würden auf Männer stoßen, die sich betrinken und Frauen, die ihre Männer davon abzuhalten versuchen oder sich prostituieren. Und sie würden an Kindern vorbeikommen, die zwischen Gewalt und Dreck aufwachsen. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus haben sich die Menschen einer polnischen Provinzstadt verändert: "Ein paar versuchten etwas zu tun und spielten auf der Harmonika oder Fiedel vor dem Standesamt. Andere bettelten oder stahlen. Die übrigen wanderten wegen Arbeitsmangels in andere Länder aus. Am Ende blieben nur ein paar zurück, und keiner wusste mehr, dass sie Zigeuner waren, so erbärmlich waren sie."

Eine richtige Handlung gibt es in Daniel Odijas Roman Auf offener Straße nicht, der im polnischen Original bereits 2001 erschien. Stattdessen hat der in der Kleinstadt Słupsk lebende Schriftsteller und Journalist in seinem Roman kurze Geschichten aneinander gefügt, manche nur einen Absatz lang. Trotzdem passiert ständig etwas in der ulica Długa, wie die Lange Straße auf Polnisch heißt. Und manche der Geschichten und Figuren werden später wieder aufgenommen. So zum Beispiel Pokora mit seiner Familie. Pokora, der seinen Rotweiler Sobaka sehr liebte. Der ihn aber eines Tages zähnefletschend vor seiner kleine Enkelin Helenka vorfand. Und gerade noch, im letzten Moment, mit einem Sprung und einem Messerstich davon abhalten kann, Helenka an die Gurgel zu gehen. "'Die Macht des Bösen gegen einen Einzelnen', wiederholte Pokora starrsinnig. Es wurde ihm immer schwerer ums Herz." Dann band er den halbtoten Hund eine Schlinge um den Hals und hängte ihn im Wald an einen Baum. Doch die Kinder der Straße bekamen Angst, weil Sobaka "angeblich die Schnauze aus der Schlinge gezogen hatte und jetzt herumstreunte, auf der Suche nach Rache." Bis Pokora den inzwischen halb verwesten Kadaver aus dem Wald holt und den Kindern zeigt.

Anzeige

Die Brutalität in Odijas fiktiver polnischer Provinzstadt mag zwar im Rahmen künstlerischer Freiheit verdichtet sein, übertrieben ist sie nicht. Das gilt vor allem für die osteuropäische Provinz, in der nach 1989 die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zusammengebrochen sind und nur noch wenige Menschen Arbeit hatten. Trotzdem fragt man sich, weshalb Odija diese Geschichten, die einen unwillkürlich in den Bann ziehen, erzählt? Aufgrund der Kürze und dem abrupten Ende mancher Kapitel hat man das Gefühl, sein Erzähler bringt sie nur unter innerem Widerstand hervor.

Der "Dichter", wie ihn in der Langen Straße vor allem die anderen Säufer nennen, gibt eine Antwort auf diese Frage. Bei einem Ausflug an die Ostsee, wo er sich mit billigem Apfelwein betrinkt, formt er mit Blick auf das Meer "einen Vers, und er wusste, dass er ihn mit den Worten beginnen musste: 'Die Schönheit dieses Ufers erfordert Opfer.' Er war nicht sicher, ob er das nicht irgendwo gelesen hatte, doch das war jetzt ohne Bedeutung." Als er sich kurz darauf vor Schmerzen auf dem Boden windet, weil ihn ein paar Jugendliche verprügelt haben, fällt ihm der Vers wieder ein. "Er wollte daran glauben, dass er etwas geschaffen hatte, was eine Bestätigung der Wirklichkeit war."

Es mag banal sein, aber Odija gibt in Auf offener Straße den Opfern von Elend und Gewalt einen Ausdruck. Der deutsche Titel des Buches deutet darauf hin, das niemand diese Folgen des Zusammenbruchs des Sozialismus sehen wollte, obwohl sie wie "auf offener Straße" stattfanden. Odija verliert nie die Sympathie für seine Figuren. Gleichzeitig berichtet sein Erzähler von der Langen Straße nüchtern und unsentimental, so, als lebte er selbst dort. Weil ihm nichts anderes übrig bleibt, nimmt er das Chaos und die Gewalt hin wie die Jahreszeiten, an denen er auch nichts ändern kann. Eine Haltung, ähnlich der der toten Seelen vom Anfang des Buches, von denen der Erzähler sagt: "Sie fühlen nicht viel."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • edgar
    • 28. Januar 2013 10:37 Uhr

    obwohl es "Eine richtige Handlung" gem. Besprechung gar nicht geben soll.
    Auch eine Leistung eines Rezensenten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Enkel | Gewalt | Jahreszeit | Roman | Sozialismus | Standesamt
Service