ZEIT ONLINE: Hanna Rosin, schönen Gruß von meinen Söhnen. Ich soll fragen, ob Sie glücklich sind, dass das "Ende der Männer" noch nicht da ist, sodass sie heute früh meinen Laptop reparieren konnten und wir jetzt Gelegenheit haben, über Skype miteinander zu plaudern.

Hanna Rosin: Also dieses spezifische Ereignis reicht noch nicht, um meine Meinung ins Wanken zu bringen. Skype könnte auch eine Tochter in Gang bringen. Ihre Söhne spielen vermutlich darauf an, dass auf der Liste der Berufe, die noch von Männern dominiert sind – übrigens nur Hausmeister und Programmierer –, allein die Computerbranche Frauen keine guten Chancen bietet. Es ist die Industrie, in der Männer reüssieren. Also: exzellenter Punkt für Ihre Söhne. Aber nicht, weil sie Skype in Gang gebracht haben. In Indien ist die Kluft zwischen Männern und Frauen in dieser Branche schon viel kleiner, in Bulgarien starten Frauen in der Computerindustrie gerade durch...

ZEIT ONLINE: Indien? Sie sehen in der ganzen Welt diesen unaufhaltsamen Fortschritt der Frauen. Aber in Indien werden Frauen im Bus von sechs Männern vergewaltigt und sterben, wie die junge Studentin neulich. In Bangalore traf ich eine nette Doktorandin, die über die Ernährung in den Trockenzonen promovierte; es war ein interessanter Abend und plötzlich nach 22 Uhr und sie wagte es nicht, alleine im Auto nach Hause zu fahren. Ich musste mein Bett mit ihr teilen, so viel Angst hatte sie, als Frau abends in den Straßen von Bangalore.

Rosin: Indien und der Mittlere Osten sind unglaublich interessante Beispiele. Man würde denken, nichts hätte sich für Frauen verändert, aber das stimmt nicht. Es ist nur so, dass jede Veränderung eine massive, beängstigende Gegenbewegung auslöst. Das Interessante ist, dass die Leute es nicht mehr hinnehmen, dass so etwas mit einer Medizinstudentin, einer offensichtlich ambitionierten jungen Frau, passiert. Im Iran hat sich die Lage so zugespitzt, dass man Frauen vorsichtshalber von einigen Fächern ausschloss. Im Iran wie auch in Saudi-Arabien ändert sich die Lage der Frauen, aber nicht immer in eine Richtung. Gerade hat mir eine Frau aus Gaza geschrieben, eine Näherin, die mein Buch im Rahmen eines Lesezirkels liest. Was sie schildert, hört sich an wie Kalifornien. Frauen bilden sich. Sie können tun, was sie wollen, auch einen Mann zurückweisen, den sie nicht wollen. Ich habe in meinem Buch Südkorea als Beispiel genannt. Korea ist unglaublich patriarchal und wird es noch bleiben, aber gerade haben sie eine Präsidentin gewählt, Park Geun Hye. Das ist unfassbar, weil man in Korea eigentlich nicht daran glaubt, dass Frauen auch Führung übernehmen können, nicht so wie in Pakistan, wo Benazir Bhutto an die Macht kommen konnte, weil sie zu einer mächtigen Familie gehörte.

ZEIT ONLINE: So traurig es ist, für Frauen war es unter Bedingungen feudaler Herrschaft manchmal einfacher als in Demokratien, nach oben zu kommen. Katharina die Große! Queen Victoria!

Rosin: Es gibt in vielen Ländern diese ruckartigen Bewegungen. Sie haben die Gesellschaft für Frauen vielleicht noch nicht ganz verändert, aber es gibt doch diese Nischen, in denen etwas passiert.

ZEIT ONLINE: Sie erwähnen in Ihrem Buch die Arabische Revolution, die auch von Frauen entzündet wurde – aber ist das jetzt nicht gerade ein trauriges Beispiel für diesen Ruck zurück? In Ägypten wurde gerade eine islamistische Verfassung abgesegnet.

Rosin: Das ist ein berechtigter Einwand. Wenn man ein Buch schreibt, kann es passieren, dass die Perspektive der Erzählung schmaler wird, als sie sein sollte. Ja, sie müsste sowohl umfassender sein wie auch erratischer.

ZEIT ONLINE: Ihr Blick auf Männer ist sehr schmal. Nur die harten Typen, die ihre Muskeljobs verloren haben und in Schockstarre verfallen!

Rosin: Ich würde heute eine größere Bandbreite von Männertypen darstellen und verschiedenartigere Reaktionen auf ihre Situation, denn ich habe tatsächlich gerade von Männern vielfältige Reaktionen gehört, vielfältiger als die von Frauen. Und zweitens würde ich eben betonen, dass Entwicklung nicht linear ist. Feministinnen halten mir übrigens vor, es sei für Frauen schrecklich und werde es bleiben, und ich frage mich, wie können sie so sicher sein. Es gibt keine böse Voldemort-Kraft, die dafür sorgt, dass Frauen auf immer das unterdrückte Geschlecht sein werden. Die Geschichte ist zwar nicht durchsichtig, aber es ist möglich, neue Muster zu erkennen.