Roman "Bruder Kemal"Von Borste zu Bratwurst

"Bruder Kemal" ist der letzte Roman des vergangene Woche gestorbenen Jakob Arjouni. Ein großartiges Porträt der Apfelwein-Metropole Frankfurt und ihrer Milieus von Gerrit Bartels

Ob Jakob Arjouni beim Schreiben dieses Romans an Raymond Chandlers späten Philip Marlowe gedacht hat? An den alten, kaputten und sowieso desillusionierten Marlowe, der sich am Ende von Chandlers letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman Playback in eine ehemalige superreiche Klientin verliebt? Und der sich in dem Fragment gebliebenen Poodle Springs als Gatte dieses Eight Million Dollar Girl unwahrscheinlich langweilt und unwohl fühlt?

Bruder Kemal heißt der letzte Roman, den der vergangene Woche im Alter von 48 Jahren an einer Krebserkrankung verstorbene Jakob Arjouni geschrieben hat, es ist der fünfte Fall seines Privatdetektivs Kemal Kayankaya, zehn Jahre, nachdem dieser in Kismet letztmals in Frankfurt am Main ermittelt hatte. Diese zehn Jahre sind an Kayankaya nicht spurlos vorüber gegangen. Wie seinerzeit Marlowe ist Kayankaya nun in festen Händen. Er wohnt mit seiner Freundin Deborah, einer ehemaligen Prostituierten, in einer großen, gepflegten Wohnung im bürgerlichen Westend, vor der Tür steht ein Opel, Deborah führt eine "Naturweinstube" mit "einfachem Essen und leichten frischen Weinen", und gerade hat sie ihm signalisiert, dass sie gern mit ihm Kinder haben würde.

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Anders als Marlowe kommt Kemal Kayankaya mit dieser Verbürgerlichung gut zurecht; und anders als der beim Schreiben von Playback und Poodle Springs ausgelaugt wirkende Chandler hat Jakob Arjouni mit Bruder Kemal einen seiner besten Romane geschrieben, nicht nur in der Kayankaya-Reihe. Bruder Kemal ist ein Frankfurt-Roman, wie er sicher auch einem Wilhelm Genazino gefällt – und gleichfalls ein kleiner Gesellschaftsroman aus dem Deutschland der Gegenwart, der verschiedenste Milieus in den Blick nimmt: das der Reichen oder Besserverdienenden, die in Bockenheim und im Westend wohnen; das des kleinbürgerlichen, provinziellen Frankfurts mit seinen Apfelweinkneipen und "Haxen-Herberts"; und natürlich das des Bahnhofsviertels und der Bordellszene, ein Milieu, das Kemal Kayankaya aufgrund seiner Arbeit als Privatdetektiv sehr nahe ist.

Und nicht nur ihm, sondern auch seinen Freunden und Bekannten. Neben Deborah sind das zum Beispiel der ehemalige Türsteher und Geldeintreiber Ernst Slibulsky. Oder der Polizist Octavian Tatarescu, der "trotz seines Namens und der rumänischen Herkunft wie Hans-Jörg aus Kleindings" aussieht. Bei Kaynakaya verhält sich das nicht so. Der geht auch von seinem Aussehen her als Türke durch. Trotz Geburtsorts Frankfurt und beindruckender hessischer Sprachkenntnisse muss er sich mehr denn je mit den Vorurteilen über seine Herkunft und vermeintliche Eigenschaften als Bruder Kemal auseinandersetzen, was der Stilist Arjouni in großartig witzigen Dialogen zu transportieren weiß. Denn Kayankaya hat in Bruder Kemal nicht nur den Auftrag, ein Bürgerstöchterchen aus den Fängen eines türkischen Beaus und Zuhälters zu befreien und nach Hause zurückzubringen, sondern er soll auf der Buchmesse auch als Leibwächter eines marokkanischen Schriftstellers arbeiten, der ein sexuell freizügiges Buch geschrieben hat und nun angeblich von islamistischen Gruppen bedroht wird.

Schon als er diesen Auftrag bekommt, muss Kayankaya die Frage nach seiner religiösen Einstellung beantworten:  "Keine Religion, keine Sternzeichen, keine warmen Steine oder Glückszahlen. Wenn ich Halt brauche, nehme ich mir ein Bier." Oder er sagt zu Rashid, dem bedrohten Erfolgsautor, als dieser sich mit ihm ganz kumpelhaft in ein Boot setzen will und Scherze über den ihnen auferzwungenen Schweinefleischverzicht macht: "Wir werden vermutlich einige Male miteinander im selben Restaurant, vielleicht am selben Tisch setzen. Falls es Sie stören sollte, wenn ich Bratwurst bestelle, sagen Sie das bitte."

Es ist wirklich ein Vergnügen, die Unterhaltungen Kayankayas mit seinen Auftraggebern und Gegenspielern zu verfolgen. Arjouni hat seinem Privatdetektiv eine Coolness und Schlagfertigkeit mitgegeben, die nie aufgesetzt oder gar peinlich wirkt. Und wie es sich für gelungene Kriminalliteratur gehört, ist es bald auch egal, wie Kayankayas Fall sich entwickelt und seine zwei Aufträge plötzlich zu einem werden. Denn allein die herrlich komischen Buchmessenbetrachtungen lohnen die Lektüre. Aber eben auch Arjounis Fähigkeit, mit allen möglichen religiösen Klischees und solchen der Herkunft herumzuspielen, ohne selbst in Klischeefallen zu tappen (was ihm bei seinen Non–Kayankaya-Romanen ja nicht immer so gut gelungen ist).

Da darf es schließlich auch ein geradezu kitschiges Happyend geben, was sich im Wissen um den frühen Tod von Jakob Arjouni umso trauriger liest. 

Erschienen im Tagesspiegel

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    • Schlagworte Roman | Jakob Arjouni | Westend | Frankfurt am Main
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