Das erste Mal begegnet sind wir uns in Paris, irgendwann Mitte der neunziger Jahre, im Marais in einer Brasserie an der Place de la Bastille, wo wir stundenlang über Dashiell Hammett und Rolf-Dieter Brinkmann und Anton Tschechow redeten und mehr Weißwein tranken, als uns bei der Hitze guttat, damals. Anschließend sind wir in seine nahe Wohnung gegangen und tranken auf der kleinen schattigen Hinterhofterrasse weiter, bis die einsetzende Dämmerung den engen Hof in ein wohliges Halbdunkel tauchte, und er vorschlug, Essen zu gehen.

Das letzte Mal trafen wir uns, es muss im Frühjahr 2011 gewesen sein, in Kreuzberg, wo er eine Zeit lang zu Hause gewesen war, aßen in einem winzigen Lokal, das er vorgeschlagen hatte, hausgemachte Nudeln und sprachen über seine Pläne, wieder zurück nach Berlin zu ziehen. Er war damals in der Stadt, weil er Ausschau nach einer Wohnung für sich und seine Familie hielt. Er war ernsthaft entschlossen gewesen, seiner Bleibe in Südfrankreich, wo er so lange gelebt und glücklich gewesen war, den Rücken zu kehren. Und ich witterte darin die Chance, ihn dadurch endlich häufiger sehen zu können.

Dazwischen liegen Mails und lange, unvergessliche Telefonate, in denen wir uns jeweils über die Arbeit des anderen auf den neuesten Stand brachten, Treffen ins Auge fassten, uns unserer Freundschaft versicherten. Und dann, im Winter 2011, schrieb er mir, nachdem ich lange nichts von ihm gehört­ und er auch meine Mails nicht mehr beantwortet hatte, von seiner Krankheit: Krebs. Es folgten Monate des Schweigens von seiner Seite, dann Hoffnung stiftende Mails, in denen er mir von der Verbesserung seines Gesundheitszustand schrieb. Und heute nun, wenige Monate nach unserem letzten Telefonat, das Unfassbare: sein Tod. Entgegen aller Erwartungen, entgegen aller Prognosen.

Früher, unbegreiflicher Tod

Wir hatten verschiedentlich über den frühen Krebstod des von uns beiden geschätzten Nicolas Born gesprochen, der nicht mal 43-jährig 1979 seiner Erkrankung erlag, und wollten, jeder auf seine Weise, nicht wahrhaben wollen, dass ein so früher Tod tatsächlich möglich ist. "Was hilft mir in meiner jetzigen Situation?", notierte Born wenige Wochen vor seinem Tod, "Ich sag ganz offen, gelegentliche Resignation. Dieser Fatalismus, diese Resignation, die oft nur minutenlang anhält, ist eine körperlich-seelische Schutzmaßnahme, ist ein Stück Natur, das hilfreich ist."

Nun hat ihn – entgegen aller Vorstellungen – ebenfalls ein solch früher, unbegreiflicher Tod ereilt. Ich will und werde mir nicht anmaßen, über seine letzten Gefühle und Gedanken zu spekulieren, die vielleicht ähnlich wie jene von Born oder auch ganz anders gewesen sein mögen, finde aber, wenn ich sie mir vorzustellen versuche, Trost in seinen Büchern, die ich erst spät entdeckt und an mich herangelassen habe.

Ich hatte mir seinen Erzählband Ein Freund 1999 in einer Bahnhofsbuchhandlung gekauft, obwohl sämtliche seiner bis dahin erschienenen Kayankaya-Krimis in meinem Buchregal standen, allerdings ungelesen. Und bereits die erste Geschichte hatte mich gepackt, hatte mir gezeigt, was mein bis dahin bestehendes Vorurteil gegen Krimischreiber aus Deutschland wert war: nichts. Denn begonnen hatte Jakob Arjouni, der mit bürgerlichem Namen Jakob Bothe hieß, als Krimiautor. Jedoch als einer, der all denen, die es nicht für möglich hielten, dass ein Hiesiger überdurchschnittlich Gutes in diesem Genre zu schreiben vermag, mit leichter Hand das Gegenteil bewies. Seine Frankfurt-Krimis um den deutsch-türkischen Detektiv Kemal Kayankaya deklinierten auf ihre klare, entschiedene Weise, was das zentrale Thema aller ernsthaften Kunst ist: Schuld und Sühne. Arjouni tat das auf jene illusionslos realistische, also menschliche, mitleidende, grausame und von Tränen und Gelächter geschüttelte Weise, die er bei seinem großen Vorbild Dashiell Hammett kennen und schätzen gelernt hatte, und in dessen Werken er bis zuletzt las wie ein Christ in der Bibel.

Ein Nachfolger Jörg Fausers

Arjouni hatte zu Recht Erfolg damit. Denn er brachte mit seinen Büchern nicht nur einen neuen, frischen Ton in den seit dem Ableben solcher Größen wie Jörg Fauser und Ulf Miehe siechenden deutschen Krimi, sondern schärfte darüber hinaus unseren Blick für die gesellschaftlichen Um- und Zustände, in denen seine Genrestücke wurzelten. Er hatte ein enorm filmisches Auge und ein szenisches Fingerspitzengefühl, das auf seine Weise einzigartig war. Immer wieder finden sich, insbesondere in seinen Frankfurt-Krimis, lange, eindrucksvolle Kamerafahrten durch die Stadt. Und seine Sprache war darin bis zu zuletzt getragen vom rauen, poetischen Realismus des Blues.

Sein Held Kayankaya eroberte später – von Doris Dörrie dorthin verpflanzt – überaus erfolgreich auch die Kinoleinwand. Und als sich Kayankaya, dieser unbeugsame Frankfurter Moralist und Sucher nach der verborgenen Wahrheit, zuletzt, im Frühling 2012, mit dem Roman Bruder Kemal nach elfjähriger Abstinenz auf der deutschen Krimibühne zurückmeldete, schien auch sein Verfasser wieder auf einem guten Weg zu sein. Er erzählte mir von Plänen, die er schmiedete, und was es ihm bedeute, Vater zu sein. Ihm, der im Oktober 1964 als Sohn des Dramatikers Hans Günter Michelsen in Frankfurt zur Welt und als Zehnjähriger im Odenwald aufs Internat kam, wo er erstmals Hammett las und von einem späteren Leben als Schriftsteller träumte.

Freundschaften in Distanz

Wer Jakob Arjouni, den immer freundlichen, einem stets zugewandten, offenen und am anderen interessierten Menschen und Autor solch wunderbar luftig-engagierter Bücher wie Magic Hoffmann (1996), Hausaufgaben (2004) oder Der heilige Eddy (2009), persönlich kannte, wird nicht verstehen, nicht begreifen können, weshalb er fortan nicht mehr unter den ihm bekannten Telefonnummern oder seiner Mail-Adresse zu erreichen sein soll. Dabei war er keiner, der sich rasch in Freundschaften verstrickte, sondern einer, der Distanz brauchte, um Nähe zulassen zu können. Das hat mir immer an ihm gefallen, ja imponiert, diese Fähigkeit zur Nähe aus der Ferne. Sie wird mir fehlen, seine Nähe. Und mehr noch denen, die ihn besser kannten als ich.

"Die Angst vor dem Tod ist nichts außer noch eine Weile am Leben bleiben zu wollen", schrieb Nicolas Born zuletzt. Möge Jakob Arjouni keine Angst mehr gehabt haben, da er wusste, dass sein Weg in Kürze zu Ende sein würde. Ich wünsche es ihm. Wir alle tun das.