Wenn man "Neger" ins iPhone eingibt, korrigiert das Sprachprogramm es zum englischen never, zu "niemals". Man kann das für einen lustigen Zufall halten. Man kann jedoch auch zwei Dinge daraus ableiten: dass der Neger aus unserem Sprachgebrauch weitgehend (und glücklicherweise) verschwunden ist. Oder dass dort, wenn nicht gleich eine Zensur, so zumindest eine Ermahnung stattfindet, das Wort niemals zu benutzen. Beide Deutungen spiegeln ganz gut die Gemütslagen, die derzeit in der Diskussion um mehrere Kinderbücher auftauchen: In Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpfund Otfried Preußlers Die kleine Hexe wurden unter anderem Variationen des Worts Neger durch ein anderes, zeitgemäßeres, ersetzt.

Eigentlich eine literaturhistorische Fußnote, eine editorische Lappalie, über die man gar nicht lange reden müsste. Wäre sie nicht seit einigen Tagen unter medialer Hitzezufuhr zum Skandal aufgeschäumt worden und firmierte sie inzwischen nicht auf manchen Nachrichtenseiten unter dem kuriosen Schlagwort "Neger-Debatte". Die hat jedenfalls eine ordentliche Schlagseite bekommen: Es ist eine Debatte, die mit Literatur nicht mehr viel zu tun hat. Es geht schon längst um etwas ganz anderes. Um das, was man nicht mehr sagen und lesen darf, aber gerne will und dass irgendwann auch mal Schluss sei. Mit der Political Correctness, mit dem notorisch angeführten Tugendterror und dem Gouvernantenstaat, der uns erst das Rauchen und Rasen vermiesen möchte und nun auch noch ein Wort.

Der Stammtisch wird mit dem Katheder vereinigt

Erstaunlich dabei ist nicht bloß die Vehemenz der anschwellenden Verteidigungsreden. Erstaunlich ist auch, wie sich hierbei ungewollt der Stammtisch mit dem Katheder vereinigt. Von den (man muss sagen: minimalen) Eingriffen in die Bücher fühlt man sich bevormundet oder intellektuell gekränkt: Die einen sehen eine linksliberale Hausordnung walten und eine "Euphemismus-Tretmühle" am Werk (zu der die Titanic alles Nötige gesagt hat). Die anderen geben sich vornehm und schmeißen mit geheiligten Vokabeln um sich wie "Werktreue" und "Originalcharakter" – als gäbe es keine Editionsgeschichten und keine modernisierten Übersetzungen und Übertragungen. Als läsen die Leute noch die Lutherbibel in ihrer Urfassung, was ja bekanntlich keiner tut außer ein paar arme Theologen.

Schon erscheinen in Zeitungen schlimme Worte wie Zensur und Sätze in der Tonlage von: "Alle Schwarzen, die ich kenne, finden das Wort nicht schlimm." Als sei damit irgendwas bewiesen.

Wollen Sie zwischendurch das Wort noch mal lesen: N-e-g-e-r. Nicht schön, oder?

Wenn man die Diskussion zum Ausgangspunkt zurückholen möchte, wäre die Frage, ob die Sprache der Literatur nicht auch etwas mit unserer unmittelbaren Gegenwart zu tun hat. Oder ob sie vielleicht enthoben von Raum und Zeit existiert, ganz gleich, ob sie noch dem moralischen Reflexionsniveau einer Gesellschaft standhält. Die Antwort macht es erst einmal nicht einfacher: Für Literatur gilt beides. Sie besitzt obendrein die Freiheit, dass in ihr Moral nicht existieren muss, dass sie das Abgründige beschreiben und ausfantasieren darf, und sich dabei der Wertung enthalten kann. Diese Freiheit ist schützenswert, in ihr unterscheidet sie sich zum realen Leben.

Es können in ihr die größten Verbrecher auftauchen und die schlimmsten Rassisten die abscheulichsten Taten begehen. Ödön von Horvath etwa darf selbstverständlich seine teutschen Würstchen so entsetzlich brutal reden lassen, wie sie reden. Jonathan Littell darf mehr als tausend Seiten mit der Innenansicht eines SS-Obersturmbannführers füllen und dafür Preise bekommen, ob man das nun mag oder nicht.

Entspringt das Wort, das uns irritiert, einer literarischen Intention?

Da können auch Wörter fallen, die man heute verdammt: In den USA wird seit Jahrzehnten gestritten, ob das Wort "Nigger" aus den Werken Mark Twains entfernt werden soll. Zu Twains Zeiten wurde das Wort andauernd verwendet, es gehörte zum Alltag, den er porträtierte. Eine Anpassung nach heutigen Maßstäben verfälschte damit den Charakter der Gesellschaft, den der Schriftsteller damit explizit zeigen wollte. Kurzum: Bei Twain hat dieses Wort also einen literarischen Zweck. Der Eingriff veränderte also ein Motiv des Textes und wäre ebenso töricht wie Apples automatische Tilgung des Begriffs Sperm Whale in Melvilles Moby Dick.

Aber da muss man schon genau bleiben: Es kann nämlich durchaus gefragt werden, ob das Wort, das uns politisch oder moralisch irritiert, tatsächlich einer erkennbaren literarischen Intention entspringt (Rollenprosa, Figurenrede, Protokoll etc.). Oder ob es bloß dem Autor unterlaufen ist und einer veralteten Sprachmode gehorcht, deren Blüten heute als verletzend oder rassistisch wahrgenommen werden.

Auch aus so einem Fall entsteht noch lange keine Regel, kein Imperativ, dass alle Bücher umgeschrieben werden müssen, um einem gesellschaftlichen Sprachkonsens zu entsprechen. Die aktuellen Kinderbücher sind in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Sie waren Fallentscheidungen, die keine äußere Instanz erzwungen hat. Von einer Zensur kann also keine Rede sein. Die Verlage haben sich in Übereinkunft mit dem Autor oder dessen Nachkommen zu einer Überarbeitung entschlossen.