Pussy RiotPunk ist unverkäuflich

Feministischer Protest oder Mädchenstreich? Dissidenz oder ein globaler Pop-Hype? Ein Sammelband nähert sich vielschichtig dem Phänomen Pussy Riot. von Hanno Pöppel

Mitglieder der Punkband Pussy Riot

Mitglieder der Punkband Pussy Riot  |  © Natalia Kolesnikova/AFP/GettyImages

Den Feminismus gibt es nicht. Es gibt viele Feminismen. Nur manche sind eben falsch. Das behauptet Laurie Penny. Für sie gehören Feminismus und linke Politik zusammen. Dass die Aktivistinnen von Pussy Riot da zur richtigen Sorte zählen, hat Penny jetzt klar gemacht. Im Sammelband Pussy Riot! Ein Punkgebet für Freiheit widmet sie der Gruppe ein kämpferisches Vorwort. "Was ist Freiheit?", fragt sie und antwortet zielsicher: Freiheit, dafür stehen die inhaftierten Mitglieder, zumindest geistig. Penny fordert: "Lasst Pussy Riot frei!"

Für den Fall, dass es jemand vergessen hat: Pussy Riot, das waren diese jungen Russinnen mit den Neonstrümpfen und den kuschligen Sturmmasken. Die hipste Revolte 2012, ein Spiegel für den Stand der Demokratie im postsowjetischen Russland. Im Februar kursierten bunte Fotos der Gruppe auf dem Moskauer Roten Patz und ein Youtube-Clip am Altar der Erlöserkathedrale. Punk als Protest gegen Klerus und Kälte.

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Der Band erzählt ihre Geschichte chronologisch anhand von Originaldokumenten wie dem Punkgebet-Text ("Jungfrau Maria, heilige Mutter Gottes, räum Putin aus dem Weg (…) werd' Feministin!"), Briefen, Gedichten, dem Prozessprotokoll. Es ist die Geschichte, wie drei junge Frauen – Nadeschda Tolokonnikova, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch (Nadja, Mascha und Katja) – festgenommen und zu Protagonisten eines mittelalterlichen Schauprozesses werden. Einem Muskelspiel der Allianz kirchlicher Orthodoxie mit Putins Patriarchen, das Nadja, wie nachzulesen ist, ein "repressives Theater" nennt. In ihrer Schlusserklärung sagt sie, Pussy Riot dienten dem Gericht lediglich der Dekoration, als "leblose Elemente, nur Körper."

Ein differenziertes Bild

Entsprechend anders die Kernbotschaft des Bandes: Inhalt vor Image. Die Überzeugungen der Pussy Riots werden hier umstandslos freigelegt. Ihre Texte sind ein Plädoyer gegen Konservatismus und für eine neue glasnost (Offenheit), also gegen ein Weltbild, "das nicht zu Werten passt wie Wahlfreiheit, Ausbildung einer politischen, geschlechtlichen oder sexuellen Identität, kritischem Denken". So lautet es schon zu Beginn des Buches. Dass der Band unbebildert bleibt, ist im Fall Pussy Riot erfrischend. Immerhin hatte die Macht der Bilder der hinter Plexiglas verschanzten Frauen ihre aktivistischen Anliegen um ein Haar zum frechen Mädchenstreich domestiziert.

Die Texte liefern da ein differenzierteres Schaubild. Sie sind voller Verweise von Debord über Dostojewski bis Sokrates. Man lernt: Pussy Riot steht nicht nur in einer politischen, sondern auch in einer intellektuellen Tradition. Dass die selbst vor Jesus Christus nicht Halt macht und vor allem Nadja im unkritischen Rückgriff zuweilen Saiten politischer Theologie anschlägt, wirkt etwas fahrlässig, ist aber nicht schlimm. Das Ziel, so die im Buch wiederholt aufleuchtende Pointe, ist die Verschmelzung philosophischer Fantasie und politischer Praxis.

Diese Vision wird zum ideellen Rettungsanker. Und der reicht bis ins Gefängnis. Im Brief aus der Untersuchungshaft schreibt Marija über eine Inhaftierte: "Wir unterhalten uns über Orwell, Kafka und die Regierungsstruktur. Wir verfluchen das Unrecht, aber trotz meiner aufmunternden Foucault-Zitate glaubt Nina nicht an Veränderung". Der Zwiespalt von Ironie und Resignation ist eine weitere tragende Säule der versammelten Texte und spiegelt eine der vielleicht wichtigsten Lektionen, die sich dem Band entnehmen lässt: Pussy Riots Durchhaltewille ist das Ergebnis hart erarbeiteter, politischer Selbstreflexion. "Meine Verhaftung macht mich nicht wütend", schreibt Nadja noch vor der Urteilsverkündung. "Wie auch immer das Urteil ausfällt, wir haben schon gewonnen."

Leserkommentare
  1. 1. [...]


    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen sachlichen Beitrag leisten möchten. Danke, die Redaktion/ls

    4 Leserempfehlungen
  2. , dass in diesem Artikel
    -wieder nichts von der Gruppensexorgie steht:
    "Nur Tage nach dem Gruppensex im Museum gebar Tolokonnikowa ihre Tochter Gera."

    -oder vom Suppenhuhn:
    "Im Juli 2010 entwendete eine Aktivistin von „Woina“ ein Suppenhuhn aus einem Petersburger Supermarkt. Mit einigen Männern und kleinen Kindern im Schlepptau wanderte sie im Markt umher, schließlich stopfte sie sich das Suppenhuhn so tief wie möglich in ihr Geschlechtsorgan und verließ den Laden."

    http://www.faz.net/aktuel...

    Prost Mahlzeit, wenn das Feminismus ist.

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    den man im Internet vorgeschrieben bekommt. Nur so als Tipp.

    der Schwangerschaft ist sehr gesund. Multipler Sex noch gesünder. Und das Suppenhuhn fantasievoll. Wir sollten das Leben weniger verklemmt angehen, geschätztes Schandmaul1987.

    • rosalix
    • 10. Januar 2013 19:49 Uhr

    Grundsatz von Woina:"Nicht anschaffen gehen ist das Lebensprinzip von Woina.(heisst bedingungsloses Grundeinkommen) Unsere Aktivisten sind keine Schlampen, sie verkaufen nichts und kaufen nichts.(heisst totaler Konsumverzicht) Sie leben, ohne Geld auszugeben, also ohne anschaffen zu gehen. Sie vögeln nach allen Regeln der Kunst (heisst: make Love, no War) die zuhälterische russische Wirtschaft(Werbung macht ja auch unlautere Versprechen und darf das auch) und das Regime(Meinungshohheit), das das Volk vernichtet. Alles, was Woina braucht, nimmt es sich umsonst. Lebe umsonst, stirb ohne anschaffen zu gehen. Nieder mit der Küchensklaverei, es lebe die russische Frau!“

  3. den man im Internet vorgeschrieben bekommt. Nur so als Tipp.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Interessant"
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    kursieren aber im Netz...

  4. kursieren aber im Netz...

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    • Xarx
    • 07. Januar 2013 12:23 Uhr

    Selbst wenn die Links tatsächlich stimmen sollten... warum sollte so etwas in dem Artikel (bei dem es schließlich um einen Sammelband geht) beschrieben werden? Und wen interessiert insbesondere der erste Punkt? Wenn sie drauf stehen sich von ihrer Freundin/ihrem Freund in Strapse und Latex auspeitschen zu lassen geht mir das auch sonst wo vorbei. Und uuuuuhhhh man kann von Sex auch wenn man Verhütungsmittel verwendet hat schwanger werden! Ja das ist doch mal ein Skandal ...

  5. entlarvt gnadenlos ein Russland, das immer noch viel Stalinismus in sich hat.

    Auf eigene Rechnung !!!
    Eine ist davon gekommen
    Zwei müssen bitter Zahlen.

    3 Leserempfehlungen
    • Xarx
    • 07. Januar 2013 12:23 Uhr

    Selbst wenn die Links tatsächlich stimmen sollten... warum sollte so etwas in dem Artikel (bei dem es schließlich um einen Sammelband geht) beschrieben werden? Und wen interessiert insbesondere der erste Punkt? Wenn sie drauf stehen sich von ihrer Freundin/ihrem Freund in Strapse und Latex auspeitschen zu lassen geht mir das auch sonst wo vorbei. Und uuuuuhhhh man kann von Sex auch wenn man Verhütungsmittel verwendet hat schwanger werden! Ja das ist doch mal ein Skandal ...

    3 Leserempfehlungen
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    Diese von mir angesprochen Videos wurden von dieser Gruppe selber produziert und veröffentlicht. Als deren Statement. Von Skandal habe ich nicht gesprochen. Es ist auch kein Skandal, es ist lediglich billige Selbstvermarktung! Dies ist auch ein Teil vom Gesamtbild "Pussy Riot" - ob Ihnen das nun gefällt oder nicht.

  6. Diese von mir angesprochen Videos wurden von dieser Gruppe selber produziert und veröffentlicht. Als deren Statement. Von Skandal habe ich nicht gesprochen. Es ist auch kein Skandal, es ist lediglich billige Selbstvermarktung! Dies ist auch ein Teil vom Gesamtbild "Pussy Riot" - ob Ihnen das nun gefällt oder nicht.

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    Antwort auf "Und interessiert wen?"
  7. "Für den Fall, dass es jemand vergessen hat: Pussy Riot, das waren diese jungen Russinnen..."

    Erklären Sie mir mal bitte wie man bei der Mediepräsenz Pussy Riot vergessen kann?
    Total überzogen und unnötig, es gibt mit 100%-er Sicherheit wichtigere Meldungen. Habe nur ich das Gefühl, dass das Ganze nur einem Zweck dienen soll, nämlich Putin als den oberfiesen Diktator aussehen zu lassen, der unschuldige, brave, junge Mädchen, die nur ein bisschen spielen wollten, in ein brutales, unmenschliches Arbeitslager steckt?

    Mann, die Mädels haben echten Bockmist gebaut und sind dafür nach russischem Recht und Gesetz bestraft worden. NA UND?

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    <<< Mann, die Mädels haben echten Bockmist gebaut und sind dafür nach russischem Recht und Gesetz bestraft worden. NA UND? <<<

    Vergessen Sie nicht die Mädels in Saudi Arabien, die unverschleiert durch die Gegend laufen und damit tiefreligiöse Männer auf furchtbare Art und Weise traumatisieren, gegen Sitten, Gebräuche und Gesetze verstoßen, also "echter Bockmist" und dafür dann, von ihnen bestimmt auch zurecht empfunden, eingeknastet werden...

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