Richard BlancoObamas Dichter

Richard Blanco wird das Gedicht zu Barack Obamas Vereidigung lesen. Seine Lyrik kreist um die Frage nach US-amerikanischer und kubanischer Identität. von 

Der Lyriker Richard Blanco bei einer Probe in Washington

Der Lyriker Richard Blanco bei einer Probe in Washington  |  © Justin Sullivan/Getty Images

In Song of Myself, dem wohl berühmtesten Gedicht des wohl berühmtesten amerikanischen Dichters, schreibt Walt Whitman: I am large. I contain multitudes. Diese sechs Wörter werden oft nicht nur als Behauptung eines Ichs gedeutet. Es erhebt sich in ihnen geradezu das Wesen eines ganzen Landes, mit all seinen Dramen, seiner Größe und Vielfalt. Whitmans Zeilen von 1855 gelten für viele als eine der stärksten poetischen Beschreibungen der USA und ihrer Idee.

Wenn nun Barack Obama erneut als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, dürften nicht wenige einen ähnlichen Anspruch an denjenigen stellen, der sein Gedicht während der Feier vortragen darf. Der Auftritt der Literatur soll in Washington nicht bloß zeremonielles Ornament eines historischen Tags sein, sondern der Gefühlswelt einer Nation bestenfalls einen lyrischen Atem verleihen. Obamas Wahl fiel dieses Mal auf Richard Blanco.

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Blanco, 44, ist ein Kind kubanischer Einwanderer, in Spanien geboren, in Miami groß geworden. Er hat bildende Kunst und kreatives Schreiben studiert, ehe er als Ingenieur arbeitete. Seinen Namen habe er angeblich wegen Richard Nixon bekommen, sagt Blanco, zumindest geht so die Familienlegende.

Zwischen zwei Welten

Er ist erst der fünfte amerikanische Vereidigungsdichter in der Geschichte der USA.  Eine, wenn überhaupt, Tradition der Demokraten. Im Jahr 1961 war es der berühmte Robert Frost, der für John F. Kennedy las. Dann, 32 Jahre später, lud Bill Clinton Maya Angelou ein, die daraufhin zu Weltruhm kam. Der New York Times sagte Blanco, wenn er über seine Familie schreibe, habe er auch das Gefühl, er schreibe über Obama. Er spüre zum Präsidenten eine tiefe "geistige Verbindung". Die Sprecherin von Obamas Festkomitee sagte, Blancos persönliche Gedichte zeigten, was es heißt, Amerikaner zu sein.

Vor allem in seinen ersten zwei Büchern unternimmt er den Versuch, amerikanische Gegenwart und Alltag mit der Herkunft seiner Eltern zu verknüpfen. Zentral in seinem dichterischen Werk, das bisher noch nicht auf Deutsch vorliegt, ist der kulturelle Übertritt seiner kubanischen Familie aus einem alten in ein neues Leben und ein neues Land. Blanco nähert sich seiner Familiengeschichte in intimen, oft streng komponierten Stücken. Lyrische Bestandsaufnahmen der Entwurzelung und des Heimatverlusts seiner Eltern. Er stellt leitmotivisch die Frage danach, was es heißt, ein Einwanderkind zu sein, zerrissen zwischen zwei Welten.

In El Malibú, einem hochrhythmisierten Versprosastück aus Blancos erstem Buch City of a Hundred Fires, heißt es: "Cruising our new country in our new car, through attractions and distractions, convinced we’d made it so many years since la Revolución— Papá held to his leather-wrapped steering wheel like a worn matador to red wine, denying loss, denying the scented hills remind him of his hills – his hands clean and manicured, free of blood"

Man spürt sie in vielen von Blancos Gedichten: die wehmütigen Versuche, sich die Geschichte seiner Ahnen anzueignen und sprachlich anzuverwandeln, um sie zu verstehen. Sie ist zwar ein Bestandteil seines Lebens, aber erscheint doch zuweilen seltsam fremd und vergangen. Zum Beispiel in Mother Picking Produce: "I see all the folklore of her childhood, the fields, the fruit she once picked from the very tree, the wiry roots she pulled out of the very ground". Für das Buch, 1997 bei der Pittsburgh University Press, erschienen, erhielt Blanco den Agnes Lynch Starrett Preis für ein lyrisches Debüt.

Oft sind es Bilder alltäglicher, aber nicht lieblicher Exotik, mit denen Blanco die Vergeblichkeit beschreibt, seine kubanischen Wurzeln zu greifen: eine karibische Mango wird zu "flüssigem Gold", das durch die "Finger rinnt". Am Beispiel eines Thanksgivingmahls erzählt Blanco im Gedicht America die Vereinbarkeit beider Welten: Am Ende, nach zähem Für und Wider, gibt es amerikanischen Truthahn und Schweinefleisch wie auf Kuba.

In diesem prosaischen Bild zeigt sich deutlich Blancos doppelter Blick auf die USA. Auf die Vielgestaltigkeit amerikanischer Identität, in der Begriffe wie Heimat und Herkunft untrennbar verknüpft sind und ständig miteinander ausgehandelt werden müssen. Seine Gedichte tragen einen Zwiespalt in sich: einerseits, die vorväterlichen Traditionen zu ehren (häufig anhand der abuela, der Großmutter), anderseits sich davon zu emanzipieren, ohne sie zu verletzten oder sich von ihnen bedrängt zu fühlen. Das kann das Gefühl von Trauer und Unbehaustheit bedeuten, aber auch das von großem Reichtum, und sie alle sind in Blancos Gedichten gleichsam eingeschrieben. In seinem neuesten Band allerdings lenkt er die poetische Introspektion auf ein weiteres Thema: seine eigene Homosexualität.

Bei aller Ehre, die ihm deswegen nun zuteil wird: Natürlich ist die Bühne in Washington auch ein Ort, an dem über den künftigen kommerziellen Erfolg des Lyrikers entschieden werden kann. Der war bisher nicht allen vergönnt: Miller Williams in Clintons zweiter Amtszeit nicht und auch nicht Elizabeth Alexander, die Obama zur ersten Amtseinführung gewählt hatte. Ihren poetischen Idealismus nannte der Dichter Durs Grünbein damals "wenig berauschend, kaum glorios", "ein braves Stück Alltagslyrik". Eine Sprecherin von Richard Blancos Verlag in Pittsburgh meldete jedenfalls schon ein größeres Leserinteresse. Aber ob das so bleibt, hinge auch davon ab, ob Blanco jetzt vor einem Millionenpublikum den richtigen Ton treffen werde.

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Leserkommentare
  1. und damit das Thema "Friedensnobelpreis" einbeziehen:

    Friedensnobelpreisträger Martin Luther King: "I have a dream".
    Friedensnobelpreisträger Barack Obama: "I have a drone".

    Eine Leserempfehlung
  2. zog sich durch Richard Blancos "Song"; man/frau konnte Carl Sandburg im Vordergrund h"oren!

  3. Das utopische Ziel, dass[!] wir alle eins sind ...

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  • Schlagworte Barack Obama | Richard Nixon | Mango | USA | Spanien | Miami
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