Richard BlancoObamas Dichter
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Die Vergeblichkeit, seine Wurzeln zu greifen

Man spürt sie in vielen von Blancos Gedichten: die wehmütigen Versuche, sich die Geschichte seiner Ahnen anzueignen und sprachlich anzuverwandeln, um sie zu verstehen. Sie ist zwar ein Bestandteil seines Lebens, aber erscheint doch zuweilen seltsam fremd und vergangen. Zum Beispiel in Mother Picking Produce: "I see all the folklore of her childhood, the fields, the fruit she once picked from the very tree, the wiry roots she pulled out of the very ground". Für das Buch, 1997 bei der Pittsburgh University Press, erschienen, erhielt Blanco den Agnes Lynch Starrett Preis für ein lyrisches Debüt.

Oft sind es Bilder alltäglicher, aber nicht lieblicher Exotik, mit denen Blanco die Vergeblichkeit beschreibt, seine kubanischen Wurzeln zu greifen: eine karibische Mango wird zu "flüssigem Gold", das durch die "Finger rinnt". Am Beispiel eines Thanksgivingmahls erzählt Blanco im Gedicht America die Vereinbarkeit beider Welten: Am Ende, nach zähem Für und Wider, gibt es amerikanischen Truthahn und Schweinefleisch wie auf Kuba.

In diesem prosaischen Bild zeigt sich deutlich Blancos doppelter Blick auf die USA. Auf die Vielgestaltigkeit amerikanischer Identität, in der Begriffe wie Heimat und Herkunft untrennbar verknüpft sind und ständig miteinander ausgehandelt werden müssen. Seine Gedichte tragen einen Zwiespalt in sich: einerseits, die vorväterlichen Traditionen zu ehren (häufig anhand der abuela, der Großmutter), anderseits sich davon zu emanzipieren, ohne sie zu verletzten oder sich von ihnen bedrängt zu fühlen. Das kann das Gefühl von Trauer und Unbehaustheit bedeuten, aber auch das von großem Reichtum, und sie alle sind in Blancos Gedichten gleichsam eingeschrieben. In seinem neuesten Band allerdings lenkt er die poetische Introspektion auf ein weiteres Thema: seine eigene Homosexualität.

Bei aller Ehre, die ihm deswegen nun zuteil wird: Natürlich ist die Bühne in Washington auch ein Ort, an dem über den künftigen kommerziellen Erfolg des Lyrikers entschieden werden kann. Der war bisher nicht allen vergönnt: Miller Williams in Clintons zweiter Amtszeit nicht und auch nicht Elizabeth Alexander, die Obama zur ersten Amtseinführung gewählt hatte. Ihren poetischen Idealismus nannte der Dichter Durs Grünbein damals "wenig berauschend, kaum glorios", "ein braves Stück Alltagslyrik". Eine Sprecherin von Richard Blancos Verlag in Pittsburgh meldete jedenfalls schon ein größeres Leserinteresse. Aber ob das so bleibt, hinge auch davon ab, ob Blanco jetzt vor einem Millionenpublikum den richtigen Ton treffen werde.

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Leserkommentare
  1. und damit das Thema "Friedensnobelpreis" einbeziehen:

    Friedensnobelpreisträger Martin Luther King: "I have a dream".
    Friedensnobelpreisträger Barack Obama: "I have a drone".

    Eine Leserempfehlung
  2. zog sich durch Richard Blancos "Song"; man/frau konnte Carl Sandburg im Vordergrund h"oren!

  3. Das utopische Ziel, dass[!] wir alle eins sind ...

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  • Schlagworte Barack Obama | Richard Nixon | Mango | USA | Spanien | Miami
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