Self-Publishing : Der YouTube-Literaturbetrieb

Abseits der Verlagslandschaft hat sich über die Jahre ein dynamischer und wilder Self-Publishing-Literaturbetrieb entwickelt. Das literarische Potenzial ist enorm

Feenkind. Three Night Stand. Schattenjuwel. Liebe, Sex und andere Katastrophen. Das klingt nicht nach großen Visionen und großen Plänen. Es klingt nicht nach Zukunft. Danach klingt Me at the Zoo auch nicht, trotzdem wäre keine Geschichte des Internets komplett ohne dieses erste Video auf YouTube. Es dauert nur 18 Sekunden und zeigt Jawed Karim, einen der Gründer von Youtube, der in einem Zoo über Elefanten redet. Es zeigt  alles, was YouTube kann: Die Spontanität. Diese Idee, dass jeder alles filmen und veröffentlichen kann.

Wenn man mit erfolgreichen selbstpublizierenden Autoren wie Jana Falkenberg – der Autorin von Liebe Sex und andere Katastrophen –  spricht, dann kommt der Vergleich mit YouTube oft. Das liegt nahe, denn es geht bei allen großen deutschen Self-Publishing-Diensten, BookRix, epubli und Kindle Desktop Publishing von Amazon, darum, es erst einmal verfügbar zu haben, und dann um die Community, ihre Bewertungen, ihre Kommentare, um die Klickzahlen, darum, wann und wie ein Roman viral wird.

Der Vergleich mit traditionellen Verlagen fällt nie. Darüber sind die Self-Publishing-Dienste und ihre Autoren längst hinaus. "Ich habe es bei einem Verlag und zwei Agenturen probiert. Wartezeiten von Monaten bis Jahren auf eine Absage oder eine unwahrscheinliche Zusage haben mich davon überzeugt, es nicht weiter zu probieren.", sagt beispielsweise Robin Black, die unter dem Künstlernamen Tajell Fantasy-Romane schreibt und mittlerweile 2.500 Exemplare ihrer beiden Romane verkaufen konnte. Diese Frustration kann symptomatisch stehen für viele erfolgreiche sich selbst publizierende Autoren. Autoren wie Falkenberg, deren Buch sich bis jetzt 22.000 Mal verkaufte. Oder Jonas Winners Romanreihe Berlin Gothic, von der mehr als 100.000 Exemplare abgesetzt wurden. Die Reihe wird derzeit ins Englische übersetzt und soll in den USA gedruckt erscheinen.

In den Feuilletons tauchen Rezensionen von selbstpublizierten Büchern nicht auf. Auch viele deutsche Blogger, die sich mit Rezensionen von Neuerscheinungen befassen, stehen solchen Büchern ablehnend gegenüber. "Traditionelle Verlage belächeln das Self-Publishing ja immer noch und werfen ihm vor, dass hier nur Schund veröffentlicht wird", sagt Falkenberg. Ihr eigenes Buch und Fälle wie Winner zeigen, dass die Verlage mit ihren vergleichsweise langsamen Produktionsprozessen oft der Dynamik und Schnelligkeit des Self-Publishing-Marktes hinterherhinken. Manchmal schätzen falsch ein, was bei den Lesern ankommt, oder sie sammeln am Ende nur ein, was längst Erfolg hatte.

Ermächtigung der Crowd

Selbstverständlich spielen auch die wirtschaftlichen Faktoren eine Rolle: Ein Verlag ist kein Wohltätigkeitsverein, sondern ein Unternehmen, das Kosten und Risiken kalkulieren muss. Bei selbstpublizierten Büchern gibt es diese Rechnung nicht: Es geht ums Veröffentlichen. Es kostet nichts, eine Datei hochzuladen. Es kostet nichts außer Zeit, in Foren und Blogs zum Selbstvermarkter zu werden. Ein Besteller kann vom Verlag kalkuliert oder zumindest durch Werbung und Streuung verbreitet werden. Aber wann ein selbst publiziertes Buch viral wird, lässt sich wie bei einem YouTube-Video kaum vorhersagen. Am wenigsten von den Autoren selbst, die oft von ihrem eigenen Erfolg überrascht werden.

Man kann den Vergleich mit YouTube noch weiter treiben: Ähnlich wie YouTube im Film verändert Self-Publishing die Literatur erst einmal nicht, es verändert nur die Bedingungen ihrer Produktion und vor allem ihrer Verbreitung. Im Moment gibt es noch eine Masse Fantasy-Romane und im Schlepptau des Self-Publishing-Erfolgs 50 Shades of Grey auch eine Menge Erotik und Sex. Aber alle Angebote im Netz verzeichnen steigende Publikationszahlen.

Zusammengedacht mit der immer größeren Beliebtheit von E-Books, entsteht eine spannende Möglichkeit: Die traditionellen Verlage verlieren nach und nach ihre Gatekeeper-Funktion, und die Feuilletons ihre Deutungshoheit an die Crowd. YouTube hat gezeigt, was passieren kann, wenn Crowd ermächtigt wird, und die Veröffentlichungsprozesse so einfach wie möglich gemacht werden: Eine Menge Schrott wird angespült, aber andererseits auch kreatives Potential angezapft, von dem man gar nicht wusste, dass es da war. YouTube hat mit einem Urlaubsvideo angefangen, einer traditionellen, im Grunde langweiligen Form.

Aber mit der Zeit hat sich dort eine eigene Sprache entwickelt. Es entstanden ganz eigene Formen und Versuche, die sonst vielleicht nirgends einen Raum gefunden hätten, und später im Guggenheim-Museum landeten. Möglich, dass das Self-Publishing solche Türen auch für die Literatur aufstößt. Jetzt muss nur noch die Arroganz gegenüber selbstpublizierten Büchern überwunden werden. Und dann muss jemand anfangen, nach den Schätzen zu tauchen.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Danke, Herr Meisheit...

...dass Sie hier Werbung für Ihr Buch machen. Es gab mir Gelegenheit, ein Kapitel zu lesen und Sätze wie "Während ich versuchte, in meinem Kopf wieder zurück zum großen Plan zu gelangen, machte ich einen Abstecher auf die Toilette des Studios." langweilten mich nicht nur, sondern ließen mich rätseln: Machen Sie allen Ernstes "Abstecher auf" ein Ziel hin? Oder nicht doch eher einen "Abstecher zu" einem bestimmten Ziel? Und wie gelangt man "zurück zum großen Plan"?
Aber der Plan ist nicht schlecht: man stellt das Selbstgeschriebene ins Netz und wenn die Leser auf die gröbsten Schnitzer hinweisen, hat man zumindest das Lektorat gespart.