Roman "Sound"Ein Emoticon-Inferno

Der Schriftsteller T. M. Wolf will in "Sound" ein Buch wie eine Schallplatte schreiben. Doch sein Roman bleibt nur eine graue Aussteigerfantasie. von Felix Stephan

© Berlin Verlag

Am Anfang sollte es nur eine kurze Auszeit sein. Anstatt sich auf das nächste Semester vorzubereiten, zieht Cince für einen Sommer zurück ins schmuddelige New Jersey, den Ort seiner Adoleszenz. Dort trifft er jene alten Schulfreunde wieder, die nach der Highschool nicht so richtig in Tritt gekommen sind und deshalb noch immer im selben Viertel wohnen, in dieselben Clubs gehen, in denselben Bands spielen. Bei einem dieser Kumpel quartiert sich Cince provisorisch ein. Die Wohnung ist verdreckt und chaotisch, die Teenager-Sorglosigkeit allerdings vorbei. Die Wohnung ist heute nicht mehr glamourös, sondern nur noch trist. Niemand altert so verlustreich wie erfolglose Rockstars.

Cince ist der Ich-Erzähler in Sound, dem Debütroman des amerikanischen Musikjournalisten und Yale-Juristen T. M. Wolf, und dieser Ausflug in die Vorstadt ist für ihn eine Pause vom Leben nach Plan. Den Sommer über wird er als Schichtleiter in einer kleinen Werft arbeiten, wo er Leuten vorsteht, die nie einen Plan gehabt haben: Sie rauchen bereits morgens massenhaft Marihuana, kommen gerade aus dem Knast oder hangeln sich ziellos von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob.

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Die Geschichte sei wie eine Schallplatte aufgebaut, hat T. M. Wolf in einem Interview gesagt: In der Mitte ein Loch und drumherum ganz viel Information. Dieses Loch soll die unerklärliche wochenlange Abwesenheit der angebeteten Vera sein, die den Protagonisten einfach nicht mehr anruft, und das, nachdem sie doch sogar schon geknutscht hatten und also in der Beziehungslogik des Erzählers über die Phase, in der man einfach unentschuldigt fehlen darf, längst hinaus waren.

Worin Veras Zauber allerdings genau besteht, erschließt sich nicht direkt, wir müssen dem Erzähler einfach glauben, dass sie wundervoll ist. Sie spricht nämlich nicht sehr viel – sie spricht sogar sehr wenig und wenn sie muss, hält sie sich angenehm kurz –, sie ist dafür bemüht, geheimnisvoll zu gestikulieren: Sie wendet das Gesicht ab, streicht sich "mit den Händen seitlich das Gesicht entlang", beißt sich auf die Unterlippe und senkt bei jeder Gelegenheit scheu den Blick. An einer Stelle spielt sie ausgelassen Fangen mit den Wellen des Atlantiks. Das kann man, so verfährt Vera ja schließlich auch mit unserem Erzähler, einfach mal so stehen lassen. Und als es schließlich nicht klappt mit der Vereinigung erklärt sich der Protagonist das tatsächlich so: "Sie ist nicht bereit für mich. Ich habe sie zu glücklich gemacht."

Diese stellenweise erbarmungswürdig pomadige Liebesgeschichte versteckt sich auf jeder Seite hinter einem Inferno aus Schrifttypen, Linien und Emoticons. Wie wenig der Autor seinem eigenen Text vertraut, zeigt sich auch daran, dass in Dialogsituationen oft kursiv daneben steht, was der Protagonist in Wirklichkeit denkt, damit auch ja kein Missverständnis aufkommt.

Ein zentraler Handlungsstrang der Geschichte ist Cince' Arbeit auf der Werft. Der Ton ist rauer hier als an Cinces altem Philosophie-Institut, allerdings geht die größere Gefahr nicht von den zwielichtigen Arbeitern aus, sondern von den Bezirkspolizisten: Diese observieren ständig die Werft, kontrollieren so willkürlich wie unsanft die Arbeiter und reagieren dann auch noch einsilbig auf die Beschwerde, die Cince deswegen im Präsidium einreicht.

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    • Schlagworte Roman | Belletristik | Gegenwartsliteratur
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