Jean Genet war ein Dieb und saß eine Weile im Gefängnis. Eine Beschäftigung, die zu romantischen Vorstellungen von Dichtertum passt. Céline war ein großartiger Schriftsteller und ein Antisemit, das macht noch heute vielen Mühe. Ernst Jünger, damit verglichen ein Waisenknabe, hatte ebenfalls seine Schwierigkeiten. Bei Vladimir Jabotinsky liegt der Fall wieder anders.

Doch warum taucht der bislang in Deutschland kaum bekannte Führer des rechten Zionismus, 1880 in Odessa geboren, 1940 im amerikanischen Exil an Herzinfarkt gestorben, als er ein Jugendcamp der paramilitärischen Organisation Betar besuchte, in dieser illustren Reihe auf? In der Anderen Bibliothek, einst durch Hans Magnus Enzensberger begründet, ist von Jabotinsky jetzt der Roman Die Fünf erschienen. Vom Autor wird beinahe nichts erzählt. Das ist schade. Die Fünf ist zwar auch ohne Jabotinskys schillernden Lebenslauf ein Ereignis, aber seine Kenntnis vertieft das Leseerlebnis beträchtlich.

Ort der Handlung ist Odessa, eine Stadt im Zarenreich, doch sie ist von den erst italienischen, dann griechischen und schließlich jüdischen Kaufleuten geprägt, die sich in ihr niederließen. Da der Handel blüht, geht es um 1900 vielen gut, die Jungen widmen sich der Kunst. Im Stadttheater entdeckt der Ich-Erzähler, ein junger Journalist, ein spezielles Mädchen mit Namen Marussja. Mit roter Mähne im Pelz und respektablem Dekolleté, sieht die "kleine Jüdin" aus wie ein "Kätzchen im Muff". In der Pause gibt das Kätzchen den Ton an. Als ein Verehrer meint: "immer sagen Sie etwas, wofür ich sie küssen möchte", erwidert sie lässig: "Ph, als ob das etwas Besonderes wäre." Auf der Deribassowka, Odessas Promenade, gebe es kaum einen Studenten, der es nicht schon durfte.

Elegant beiläufig erzählt

Jabotinskys Roman ist ein schwärmerischer Rückblick auf die Zeit, in der sich in Odessa alle Nationen und Religionen mischten. Es ist auch die Geschichte des Niedergangs von Marussjas Familie, mit der den Erzähler eine nie vollzogene Liebesgeschichte verbindet. Die launische Marussja hat eine Schwester und drei Brüder: eine humorlose Fanatikerin, einen begabten Taugenichts, einen skurrilen Verrückten und einen beispielhaften Vernunftmenschen. Vier der fünf sind am Ende verschollen oder tot. Nur Torik, der Vernunftmensch, lebt noch in Odessa, und plant, die ergrauten Eltern zu schockieren: Er wird Christ.

© Andere Bibliothek

Es gehört zum besten, was im vergangenen Jahr zu lesen war: Die Selbstverständlichkeit mit der Jabotinskys elegant-beiläufiges Erzählen Atmosphäre schafft und den Leser damit den schleichenden Übergang von der Heiterkeit der ersten Jahre bis zur tristen Dekadenz der liberalen Familie Milgrom miterleben lässt – in einer geschmeidigen Übersetzung. Indem der Erzähler an jedem der Geschwister Anteil nimmt, ihm die Milgroms durch die Kreuzung der persönlichen Schicksale mit den geschichtlichen Ereignissen aber immer wieder abhanden kommen, ergibt sich wie nebenher eine tiefgehende Spannung.

Im Hintergrund wandelt sich Odessa, bis der Aufstand, den Eisenstein in Panzerkreuzer Potemkin verewigt hat, das Ende der alten Zeit anzeigt. Früher, sagt der Ich-Erzähler, der selbst emigriert ist, konnte er hier das "schönste Lied der Menschheit hören": "hundert Sprachen", und er hat gelernt, dass das eigene Heiligtum so wenig oder viel wert ist wie das der anderen. "Alles Gute, das es auf der Welt gibt", resümiert er, "ist Zärtlichkeit."