Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke © Sibylle Baier

Ein herzloses Buch. Ein Buch wie eine Versuchsanordnung, darüber, ob es so etwas gibt wie die Besserungsfähigkeit des Menschen. Ob in unserem spätmodernen Kapitalismus noch Worte gelten wie Mitgefühl, Verantwortung oder Nächstenliebe. Oder ob ökonomische Bedrängnis uns die letzte Wärme ausgetrieben hat und wir nur als aufgeblasene Ichs durch die Welt treiben, die nicht nach rechts und links gucken. Was die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke in ihrem neuen Roman vorführt, ist mit so einer grandiosen Unbarmherzigkeit geschrieben, dass man das Buch allein dafür schon bewundern kann. Rechnung offen liest sich wie ein Bericht aus der gesellschaftlichen Ausnüchterungszelle.

Sein Schauplatz ist Berlin, ein Mietshaus im Stadtteil Neukölln. Dort, auf wenigen Etagen, existieren Mahlkes Anschauungsobjekte nebeneinanderher: die Rentnerin Elsa, die Alleinerziehende Manuela mit ihrem Sohn Lucas, im Erdgeschoss leben afrikanische Drogendealer ohne Heizung, manchmal kommt die übergewichtige Ebba von oben und kauft ein Päckchen Marihuana. Sie ist die Tochter des Eigentümers, dem Psychologen Claas. Auch der wird bald in dieses Haus einziehen, nachdem seine Frau ihn aus der Charlottenburger Nobelwohnung hinausgeschmissen hat.

Claas ist kaufsüchtig, wöchentlich bekommt er Pakete: Drucke, Porzellanfigürchen, nutzloser teurer Nippes aus Internetauktionen. Der Gerichtsvollzieher hat sich schon angemeldet wegen 500.000 Euro Schulden. Das ist Claas' Katastrophe, die er vor seiner Umwelt verbergen möchte, so wie alle Bewohner des Hauses unter ihrer Katastrophe leiden, die sie vor der Welt verbergen möchten, um noch einen Rest Kontrolle zu behalten.

Der Zufall im Hausflur

Das Prekäre lebt hier Tür an Tür wie auf Isolierstationen, von denen die 1977 geborene Inger-Maria Mahlke episodisch erzählt. Die Rentnerin Elsa hat sich in ihrer Demenz verloren, lebt in den verblassten Resten aus der Nachkriegszeit und ihrer Arbeit in einer Seidenblumenfabrik. An jeden Faden kann sie sich erinnern, aber der eigene ist ihr längst abhanden gekommen. Ihrem Enkel Nicolai steckt sie jedes Mal Geld zu, obwohl sie ihn gar nicht erkennt. Er kommt sowieso nur deswegen. Nebenan verlebt die Vermieterstochter ihre Wohnung und ihre Zukunft. Wenn sie nicht kifft und die Zimmer vermüllt, schaut sie aus dem Fenster und hasst ihre Eltern inmitten unausgepackter Kartons. Sie glaubt, sie sei "nur vorübergehend hier, zufällig, die anderen dazu verdammt".

Wie Manuela, die von einer Aushilfskraft in einer Bäckerei zur gummimaskierten Domina im SM-Studio umschult, während ihr Sohn sich allein zu Hause nichts sehnlicher wünscht als eine Spielkonsole. Für so eine Verdichtung von Tragödien ist dieses Haus natürlich ein trefflicher Erzählort. Einerseits wegen seiner wohlsortierten Topografie, in der sich die Wege der Bewohner zufällig kreuzen, anhand der beiläufigen Aleatorik, die so eine Zwangsgemeinschaft mit sich bringt. Flüchtige Begegnungen am Briefkasten, ein dumpfes Klopfen aus der Nachbarswohnung, Beigeräusche von Leben, ohne Nähe, womit keinem geholfen ist und alle weiter verinselt und apathisch durchs Leben treiben wie bisher.

Das morsche Haus erscheint andererseits gewissermaßen als Metapher aufs Seelenleben seiner Bewohner: Es ist genauso kernsanierungsbedürftig wie sie. Mehr psychologische Ausgestaltung erfahren Mahlkes Figuren nicht. Die Autorin will sich nicht einfühlen, ihre Figuren verstehen oder irgendwas erklären. Ein "dachte sie" ist das Maximum an Innenleben und Reflexion, das sie ihren Protagonisten gestattet. Sie konzentriert sich mit großer Souveränität auf Details, auf das Abtasten von Oberflächen, aufs Sichtbare, das sie in großer Fülle, Wohnzimmer für Wohnzimmer notiert wie ein Beobachter in Halbdistanz, in einer von modischen Berlintrunkenheiten und anderen Angestrengtheiten abstinenter Sprache. Am deutlichsten tritt dieses Stilmerkmal in den Episoden über die Domina Manuela ans Licht.