Joachim MeyerhoffJedes Kapitel ein Bühnenstück für sich

Joachim Meyerhoff besitzt eine geniale Doppelbegabung: In seinem neuen Roman schreibt er hemmungslos unterhaltsam von der Sorgloszeit der BRD, zugleich mit großem Ernst und Klarheit. von 

Die Weihnachtsfeste in Josses Kindheit waren ein Gang durch die Stationen: A-Unten, J-Mitte, B-Oben. Überall gab es Torte und Cola, immer wieder. "Eigentlich", so schreibt Joachim Meyerhoff, "habe ich jedes Weihnachten gekotzt und dann die ganze Nacht von der Cola aufgeputscht mit bummerndem Herzen bis in die Morgenstunden manisch Legosteine zusammengebaut." 

An einem dieser Weihnachtsabende kommt es dann auch einmal kurzzeitig zu einer Eskalation, die die Wahrheit für einen Moment aufblitzen lässt: Der Vater schenkt der Mutter ein elektrisches Küchenmesser. Die Mutter demonstriert ihre Verachtung für das Geschenk (und den Schenker), indem sie damit die rohen Pansen für den Hund zu zerkleinern beginnt. Den Vater wiederum bringt das, ganz gegen seine Natur, derart in Rage, dass er mit der Klinge seine Adalbert-Stifter-Gesamtausgabe zu zersägen beginnt. Und der kleine, begeisterte Josse denkt sich, dass nun endlich einer einmal das zu tun wagt, wovon er selbst immer schon geträumt hat. Die Welt ist ein Irrenhaus.

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Und für Joachim Meyerhoffs furiosen zweiten Roman, den er nun einem nicht weniger furiosen ersten hat folgen lassen, gilt das in besonderem Maße, denn Joachim alias Josse, der Ich-Erzähler, wächst auf dem Gelände der Jugendpsychiatrie von Schleswig auf. Der Vater ist der Direktor; das Wohnhaus der Familie steht im Zentrum des Anstaltsgeländes. Und die Stationen, die Josse am Weihnachtsabend Jahr für Jahr durchläuft, sind die Stationen, auf denen die psychisch Kranken leben.

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff, Jahrgang 1967, begann im Jahr 2007 am Wiener Burgtheater unter dem Titel Alle Toten fliegen hoch, dem Publikum sein Leben zu erzählen, mit überwältigendem Erfolg. Vor zwei Jahren erschien der erste Teil, in dem Meyerhoff von seinem einjährigen Aufenthalt als Austauschschüler in den USA berichtete, in Buchform. Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war ist nun die Fortsetzung, die allerdings einen weitaus größeren Zeitraum umfasst.

Meyerhoffs geniale Doppelbegabung

Das Buch setzt in der Kindheit der siebziger Jahre ein und endet, mit einem Zeitsprung, in den Neunzigern mit dem Tod des Vaters. Meyerhoff ist ein begnadeter Fabulierer; er hat ein Gespür für das Szenische, für die Pointe. Jedes Kapitel ist ein kleines Bühnenstück für sich. Das Frappierende, ja das geradezu Geniale an Meyerhoff ist seine Doppelbegabung: Auf der einen Seite schreibt er hemmungslos unterhaltsam, komisch, süffig, selbstironisch. Von den großen und kleinen Kalamitäten des Aufwachsens, von Familienstrukturen und Jugendpartys auf dem norddeutschen Land. Vom ökonomisch sorglosen Aufwachsen einer gehobenen bundesrepublikanischen Mittelstandsexistenz.

Auf der anderen Seite wird schnell deutlich, dass hier nichts naiv heruntererzählt wird. Das Anekdotische als Bauprinzip wird bereits im ersten Kapitel eingeführt und zugleich karikiert in Person eines Schuldirektors, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit von den Schrecken des Russlandfeldzuges und den Heldentaten der Deutschen berichtet. "Dieser Mann", so heißt es, "war mir zutiefst suspekt."

Meyerhoff hat keinen Krieg, an den es sich zu erinnern gilt, und schon gar keine Heldengeschichten, im Gegenteil – er macht sich an die Dekonstruktion einer vermeintlich heilen Welt, auch wenn die mitten in der Psychiatrie angesiedelt war. Und er beharrt auf der Gattungsbezeichnung "Roman"; eine Überzeugung, die getragen ist von der Erkenntnis: "Erfinden heißt Erinnern."

Leserkommentare
    • harryw1
    • 15. Februar 2013 21:35 Uhr

    ich wohl mal lesen.

    Habe ihn mal als Hamlet gesehen. Wow!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bestattung | Cola | Lernschwäche | Schenker | USA
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