Samuel BeckettPost vom Dramatiker des Absurden

Nicht nur literarisch ein Genuss: Die Briefe von Samuel Beckett zeigen den Schriftsteller als brillianten, überraschend offenen Menschen. von Fokke Joel

In einer Welt, in der Zukunftsvisionen entweder aus Ökobiedermeier- oder Untergangsfantasien bestehen und alles andere von medialen Sinnsurrogaten des Hier und Jetzt verdrängt wird, hat es das Absurde schwer. Die existentialistische These von der Sinnlosigkeit des Daseins ist heute fast gänzlich aus der Mode gekommen und ein Autor wie der irische Nobelpreisträger Samuel Beckett wird nur noch selten gelesen und nur wenig öfter gespielt.

Vielleicht wird sich das auch bald wieder ändern und bei einer solchen Beckett-Renaissance könnten dann seine Briefe eine wichtige Rolle spielen. Der erste Band der bei Cambridge University Press erschienenen vierbändigen Auswahl liegt jetzt auf Deutsch vor. Die Lektüre dieser zwischen 1929 und 1940 entstandenen Briefe ist nicht nur ein Genuss, weil Beckett hier auf hohem literarischen Niveau mit spielerischer Freiheit mal bissig, mal ironisch schreibt. Sie sind auch immer wieder mit Hinweisen auf sein Verständnis von Malerei, Literatur und Musik versehen.

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Besonders großen Raum nehmen dabei seine Berichte von Besuchen in Galerien und Museen ein. Oft ist das, was ihm an den Bildern gefiel, auch das, was dann in seinen Texten wichtig wird. Seinem damaligen besten Freund und wichtigsten Briefpartner, Thomas McGreevy, schreibt er zum Beispiel über den Maler Jack Butler Yeats, den Bruder des Dichters: "Was er nach meinem Gefühl so gut hinbekommt, auf leidenschaftslose, nicht auf tragische Weise wie Watteau, ist die Heterogenität der Natur & ihrer menschlichen Bewohner, die unabänderliche Fremdheit der 2 Phänomene."

"Die Einsamkeit ist bitterer als zuvor"

Aber die Briefe sind nicht nur eine Einführung in das Werk des "Meisters des absurden Theaters". Es sind vor allem Fragmente eines "Porträts des Künstlers als junger Mann". Nach seinem Romanistik-Studium am Trinity College in Dublin in den zwanziger Jahren schien Beckett auf eine Unikarriere zuzusteuern. In Paris, wo er sich im Oktober 1937 endgültig niederlässt, unterrichtet er an der École Nationale Supérieure eine Zeit lang Englisch. Doch die Arbeit als Hochschullehrer gefällt ihm nicht. Über weite Strecken zeigen die Briefe einen jungen Mann, der nicht weiß, was er will.

Mitte der dreißiger Jahre hat er zwar drei Bücher veröffentlicht, eine Studie über Proust, einen Band mit Erzählungen und einen mit Lyrik, doch für sein nächstes Buch, der Roman Murphy, findet er erst nach 42 Absagen einen Verleger. Er bewirbt sich bei Eisenstein in Moskau als Filmassistent, bekommt keine Antwort und denkt dann darüber nach, Pilot zu werden. "Ich glaube, die nächste kleine Verlockung ist das Fliegen", schreibt er am 26. Juli 1936 an McGreevy. "Hoffentlich bin ich nicht zu alt, um es ernsthaft zu betreiben oder zu dumm für die Maschinen, um mich als kommerzieller Pilot zu qualifizieren. Ich habe keine Lust, für den Rest meines Lebens Bücher zu schreiben, die keiner liest. Es ist ja nicht so, dass ich sie unbedingt schreiben will."

Wichtig für diese Zeit und ein Grund, Irland endgültig zu verlassen, ist sein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter. In einer Psychoanalyse bei Wilfred Bion in London versucht Beckett das Verhältnis zu ihr sowie seine Panik-Attacken und Depressionen in den Griff zu bekommen. Zunächst voller Hoffnung, ist er am Ende frustriert. Zurückgekehrt nach Dublin schreibt er am 16. Januar 1936 an McGreevy: "Die Einsamkeit hier noch bitterer vielleicht als vorher. Ich sehe wirklich nicht, was die Analyse gebracht hat. Der Umgang mit M. [Mutter] schwierig wie immer und die Nächte nicht besser."

Leserkommentare
    • hairy
    • 05. Februar 2013 12:29 Uhr

    "doch für sein nächstes Buch, der Roman Murphy, findet er erst nach 42 Absagen einen Verleger."

    Klassisches Beispiel fuer die auch in der Verlegerkaste verbreitete Inkompetenz. Der Unterschied zu heutigen Verhaeltnissen ist wahrscheinlich nur, dass viele Verleger heute bei Manuskripteinsendungen nichtmal mehr eine Absage schicken.

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    Klar, die Verleger sind schuld. Alles Idioten, damals wie heute. Beckett mochte später seinen ersten Roman übrigens selbst nicht mehr.

  1. Klar, die Verleger sind schuld. Alles Idioten, damals wie heute. Beckett mochte später seinen ersten Roman übrigens selbst nicht mehr.

    Antwort auf "Schon bezeichnend"
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    • hairy
    • 05. Februar 2013 13:59 Uhr

    "Alles Idioten" habe ich nicht behauptet. Murphy und Watt sind m. E. die beiden besten Romane von Beckett.

    • hairy
    • 05. Februar 2013 13:59 Uhr
    3. Alles?

    "Alles Idioten" habe ich nicht behauptet. Murphy und Watt sind m. E. die beiden besten Romane von Beckett.

    Antwort auf "Inkompetenz und so."
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    Tatsächlich mag ich Murphy auch ganz gern. Watt dagegen habe ich nicht zu Ende gelesen. Muss ich vielleicht noch mal versuchen.

    • Zooey
    • 05. Februar 2013 15:15 Uhr

    Wie üblich werden die Briefe einen kleinen Hype entfesseln und Becketts Werke endlich ohne die Nachkriegs-Konnotation rezipiert werden. Da können dann fröhlich dicke Schichten von Humor und augenzwinkernder Weltsicht freigelegt werden: eine nachchristliche Renaissance vom absurden Okkasionalismus Geulincx' . Ich freu' mich drauf. Haben wollen.

  2. Tatsächlich mag ich Murphy auch ganz gern. Watt dagegen habe ich nicht zu Ende gelesen. Muss ich vielleicht noch mal versuchen.

    Antwort auf "Alles?"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Samuel Beckett | Post | Literatur | Band | Besatzung | Brief
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