ArbeitsbedingungenEin Amazon-Boykott wird nicht helfen

Seit über die Arbeitsumstände bei Amazon berichtet wurde, regt sich Widerstand bei Verlegern und Kunden. Viel tun können sie gegen den Monopolisten nicht. von Maximilian Probst

Ein Amazon-Logistikzentrum in Graben bei Augsburg

Ein Amazon-Logistikzentrum in Graben bei Augsburg  |  © Michael Dalder/Reuters

Ach, hätte dieser Jeff Bezos doch Amazon nie gegründet. In der Buchbranche ist diese Klage schon seit Längerem zu vernehmen. Weil um den US-amerikanischen Online-Händler weder Verleger noch Buchhändler mehr herum kommen, hat der angefangen, seine Konditionen zu diktieren. Und wie das mit Diktaten so ist, sie erfreuen meist nur eine Seite.

Hätte es doch Amazon nie gegeben! Dann wäre das Unternehmen unzweifelhaft in Deutschland erfunden worden. Tatsächlich liebt man in Deutschland Amazon wie fast nirgendwo sonst. Aus einer Mitteilung an die amerikanische Börsenaufsicht SEC ging jüngst hervor, dass 2012 der deutsche Amazon-Shop 6,5 Milliarden Dollar einspielte – 14 Prozent des weltweiten Amazon-Umsatzes.

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Und es ist auch klar, warum die Deutschen Amazon so lieben: aus Bequemlichkeit und Sparsamkeit. So wie man früher bei Thalia oder Hugendubel am bequemsten einkaufen konnte, weil sie an jeder Ecke stehen: So klickt man sich heute durch den Internet-Disounter Amazon.

 Nun wurde in einer ARD-Sendung berichtet, dass Amazon in seinen Lagerhallen Angestellte aufs Übelste ausbeute, beziehungsweise gar nicht erst anstelle, sondern ein Heer von Leiharbeitern in eine modernisierte Form der Sklaverei einspanne. Das hätte man im Land der Billigheimer zwar auch ohne die ARD ahnen können, aber wie auch immer: Die Empörung ist groß.

Den Kunstbuch-Verleger Christopher Schroer hat dieser Bericht veranlasst, sich mit einem offenen Brief an Jeff Bezos zu richten und seine Kontrakte mit dem Teufel Amazon zu kündigen. Das ist ohne Zweifel ein zu begrüßender Schritt, überaus ehrenwert – Schroer kann ihn sich aber auch leisten. Wirtschaftlich habe sich das Geschäftsmodell Amazon für ihn nie gelohnt, schreibt er. Die Abkehr kostet ihn also nichts.

Für jeden Verlag, der mehr als nur ein handverlesenes Publikum bedient, dürfte Schroers Schritt schwieriger werden. Rund 20 Prozent des Buchhandels bestimmt Amazon jüngsten Schätzungen des buchreports zufolge. Darauf zu verzichten, brächte viele Verlage an den Rande des Ruins. Als Ausweg bleibt da nur: von Amazon lernen und mit Amazon konkurrieren.

Sollten wir Konsumenten Amazon boykottieren?

Die Verlage und Buchhändler müssten gemeinsam eine Online-Plattform aufbauen, die im Service Amazon nicht nachsteht. Oder besser noch: eine Plattform, die dank der geballten Expertise von Verlagen und Buchhandel den Käufern mehr zu bieten hat als Amazon. Einen ersten, noch unbeholfenen Versuch in dieser Richtung hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels schon vor einigen Jahren mit libreka gewagt. Darauf ließe sich jetzt aufbauen.

Und wir, die Konsumenten? Wenn schon nicht die Verlage nach dem Vorbild Christopher Schroers Amazon boykottieren können: Sollten wir es nicht tun? Sollten wir nicht endlich unsere Sparsamkeit und Bequemlichkeit zum Teufel jagen und zu kritischen Konsumenten werden?

Diese von vielen erhobene Forderung ist aber einfacher aufgestellt als umgesetzt. Es gibt ja gute Gründe für Bequemlichkeit und Sparsamkeit. Vor allem verfehlt der Aufruf zum Boykott mit seinem moralisierenden Unterton die politische Dimension des Problems. Der Einzelne soll wieder richten, was die Politik verbockt.

Da wäre es doch besser, über ein verschärftes Wettbewerbsrecht nachzudenken. Auch in einer freien Marktwirtschaft sollten sich die Regeln so gestalten lassen, dass im Netz ein Quasi-Monopolist wie Amazon gar nicht erst entstehen kann. Oder eben nachträglich zerschlagen werden muss.

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Leserkommentare
    • AndreD
    • 18. Februar 2013 17:38 Uhr

    Dann her mit den Namen der Firmen!!!

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    Lokale Buchläden mit Online-Service (findet man z.B. über buylocal), JPC, Alternate, Conrad Electronic und so weiter.

    Statt alles aus einer Hand zu beziehen, verteilt man sich eben auf mehrere Anbieter. Ist jetzt auch kein großes Ungemach.

    ... dann kann Ihnen eine konkrete Alternative unterbreitet werden!

    Ich kann nicht garantieren, dass das bei allen Produkten klappt, aber bei einigen Produkten geht das sicherlich.

    • AndreD
    • 18. Februar 2013 17:41 Uhr

    Was sie da für einen Schluss aus dem Zusammenstellen von Fakten ziehen, ist ja sehr interessant...

    Dem Deutschen ist es doch öko genug, wenn in der Werbung das SUV von BMW durch eine einsame Furt in dem grün achso grünen Alpen hämmert.

    Antwort auf "Plakativ"
    • wawerka
    • 18. Februar 2013 17:42 Uhr

    "- Keine oder teure Parkplätze und damit einhergehende lange Wege"
    Das ist richtig, aber auch nur deswegen, weil durch die Lohndrückerei sowohl bei den Mitarbeitern in den Großhandelslagern als auch bei den Lieferfirmen der Preisvorteil des Großhändlers mit riesigen Lagerhallen auf der grünen Wiese trotzdem nicht aufgefressen wird. Nur deswegen ist es immer noch günstiger als als "Selbstabholer"

    "- wenig Auswahl: das Produkt, was man im Internet recherchiert hat, ist sowieso nicht vorrätig"
    Das stimmt, je nach Stadtgröße, nur sehr begrenzt. Selbst in meiner "kleinen Großstadt" (150.000 Einw.) bekomme ich so gut wie alles, was ich möchte)

    "- Produkte sind bedeutend teurer als im Internet"
    Das ist schlichtweg falsch, jedenfalls wenn man seriösen Onlinehändlern bestellt.

    "- Verkäufer haben keine Ahnung, richtige Beratung gibt es seltenst"
    Im Internet gibt es eigentlich GAR keine Beratung. Sie, oder vielmehr Online-Plattformen wie Amazon, profitieren von den zig Rezensionen die Kunden UNENTGELTLICH zur Verfügung stellen.

    4 Leserempfehlungen
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    "'- Keine oder teure Parkplätze und damit einhergehende lange Wege'
    Das ist richtig, aber auch nur deswegen, weil durch die Lohndrückerei sowohl bei den Mitarbeitern in den Großhandelslagern als auch bei den Lieferfirmen der Preisvorteil des Großhändlers mit riesigen Lagerhallen auf der grünen Wiese trotzdem nicht aufgefressen wird. Nur deswegen ist es immer noch günstiger als als "Selbstabholer"

    Sorry, aber der normale Menschenverstand sagt einem doch schon, dass die Güterverteilung mittels Lager und Paketdienst viel effizienter funktioniert: Der Lagerist ist zu 100 % ausgelastet, während der Verkäufer rumsteht oder ohne garantierten Verkaufserfolg "berät". Ebenso ist es doch besser, wenn der bzw. die Paketdienste in die bewohnte Straße befahren und für viele etwas mitbringen als dass jeder selbst in die Stadt fährt. Gerade unsere grünen Freunde wollen doch immer den Verkehr reduzieren?!

    "'- wenig Auswahl[...], gewünschtes Produkt im Einzelhandel nicht vorrätig[...]'
    Das stimmt, je nach Stadtgröße, nur sehr begrenzt. Selbst in meiner "kleinen Großstadt" (150.000 Einw.) bekomme ich so gut wie alles, was ich möchte)"

    Sorry, aber das ist eben die "städtische Arroganz". Der größte Teil der Bevölkerung lebt in viel kleineren Ortschaften. Und die Erfahrung, dass das gewünschte Produkt nicht vorrätig ist, können Sie weder mir noch vielen anderen absprechen.

    "'Produkte sind bedeutend teurer als im Internet"
    Das ist schlichtweg falsch, jedenfalls wenn man seriösen Onlinehändlern bestellt.'"

    Aha. Millionen Onlinekunden sind also blöd? Warum mache ich nur immer andere Erfahrungen als Sie? Selbst ich komme noch ab und zu in die Geschäfte und muss dort immer wieder staunen, wie frech manche Preise eigentlich sind, wenn ich die mit den Onlinepreisen vergleiche.

    Und es gibt sicherlich genug seriöse und gar zertifizierte Händler. Auch Amazon wäre sicherlich nicht so erfolgreich, wenn sie zumindest aus Kundensicht (Kulanz, Umgang mit Reklamationen etc.) nicht ordentlich arbeiten würden. Die sozialen Mißstände sind zum Teil ein ganz anderes Thema.

    Und für manche günstige Sachen wie ein USB-Kabel benötige ich auch keinen seriösen Händler. Ich bin aber auch nicht bereit, im Geschäft den zehnfachen Preis zu bezahlen. Gerade dann, wenn man die Einzelhändler einmal braucht - also bei ganz kurzfristigen Sachen - zocken die richtig ab; eben v.a. mit so Kleinkram wie USB-Kabel etc.

    "'- Verkäufer haben keine Ahnung, richtige Beratung gibt es seltenst'
    Im Internet gibt es eigentlich GAR keine Beratung. Sie, oder vielmehr Online-Plattformen wie Amazon, profitieren von den zig Rezensionen die Kunden UNENTGELTLICH zur Verfügung stellen"

    Es gibt Tests, Foren und eben die genannten Rezessionen. Jeder, der sich im Vorfeld selbst über ein Produkt informiert, merkt im Geschäft, dass der Verkäufer eigentlich gar keine Ahnung vom anvisierten Produkt hat.

    • Ortrun
    • 19. Februar 2013 8:22 Uhr

    "Selbst in meiner "kleinen Großstadt" bekomme ich so gut wie alles, was ich möchte"

    Tja, natürlich. Wenn man die aktuellen Bestseller lesen will, sowieso nur 10-12 Bücher im Jahr liest, in der Stadt wohnt und tagsüber Zeit hat ist das alles kein Problem.

    Der Schlüsselbegriff ist "alles, was ich möchte" - das kann nämlich sehr, sehr unterschiedlich sein.

    Wenn man auf dem Land wohnt, nur Samstags in die Buchhandlung kommt (weil über Mittag zu und ab 18 Uhr Ladenschluss) und wenn man ausgefallenere Genres oder ältere Bände aus einer Serie haben will: dann hat man ein Problem, denn dann inverstiert man für sein Buch zwei Samstage und eine Woche Wartezeit.

    Ob man unbedingt bei Amazon kaufen muss sei dahingestellt. Der lokale Buchladen ist für mich aber keine Alternative, allerhöchstens noch der Megabuchladen in der nächsten Großstadt. Ob das besser ist? In jedem Falle halte ich einen Boykott für Aktionismus, der niemanden weiterbringt sondern höchstens das Gewissen beruhigt. Wer's mag...

    • skeptik
    • 18. Februar 2013 17:42 Uhr

    ist mein Buch sofern nicht Vorrätig meist am nächsten oder übernächsten Tag da.
    Und das tollste ist: ich kann reinschauen und falls es mir nicht gefallen sollte einfach dort lassen.
    Bei Amazon bestell ich daher meist nur gebrauchte Bücher.

    Übrigens kann ein Buchhändler, zumindestens die in den klassischen kleinen Läden unmengen von Büchern querlesen und tut dies auch. Warum wohl? Weil manche Buchkunden tatsächlich beraten werden wollen dazu muss ein Buchhändler seine Ware kennen. Bekomm ich das bei Amazon?

    In universitätsnähe geht die Beratung sogar so weit, dass die Buchhändler bei wichtigen Büchern teilweise sogar unterschiede zwischen den Auflagen kennen. Und natürlich welche Bücher oft gekauft werden und welche empfehlenswert sind. Das bekommt man bei Amazon auch nicht.

    Kleidung über das Internet verteiben ist bis auf Universalgrößen nicht sinnvoll. Und funktioniert nur durch hohe Rücklaufraten.
    Wenn die Arbeitsbedingungen bei Zalando Amazon und co durch Zwang verbessert werden wird derren Umsatz bei den Textilien sinken. So einfach ist das. Für 1 gekauftes Kleidungsstück 3 herumschicken rechnet sich nur aufgrund billiger Manpower.

    Geringe Löhne bedeutet allerdings auch geringe Kaufkraft.
    Was der Binnenwirtschaft schadet.

    4 Leserempfehlungen
    • aalfred
    • 18. Februar 2013 17:46 Uhr

    mehr kann ich als einzelner nicht tun...

    4 Leserempfehlungen
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    Das Crowdfunding von Fairnopoly, einem alternativen genossenschaftlich organisierten Online-Marktplatz, der auf Nachhaltigkeit und fairen Handel setzt, steht ganz nah vor seinem Ziel, 100.000 Euro zu sammeln. Allein in den letzten drei Tagen verzeichnete die Kampagne einen Zuwachs von über 20.000 Euro.
    Dieser Marktplatz wird vollständig in der Hand der Nutzer*innen sein!

    Alle, die mitmachen wollen, können dort Anteile zeichnen, spenden oder sich ideell beteiligen!

    • Ortrun
    • 19. Februar 2013 9:17 Uhr

    "mein account ist gelöscht...
    mehr kann ich als einzelner nicht tun..."

    Und genau das ist das Problem an diesem Aktionismus! Schön, dass Sie und alle Ihre Mitstreiter jetzt ein gute Gewissen haben. Jetzt lehnen Sie sich schön zurück und legen die Hände in den Schoß - denn immerhin haben Sie ja, im Gegensatzu zu mir, WAS GETAN.

    • bvdl
    • 20. Februar 2013 0:35 Uhr

    ...dann tun Sie mir echt leid. Viel Spass im Einzelhandel!

  1. hat alle zu Feinden, die aus dem Alten Nutzen ziehen. (Niccolò Machiavelli)
    Und noch ein Sprichwort: Die Ungeduld verlangt das Unmögliche, nämlich die Erreichung des Ziels ohne die Mittel. (Friedrich Hegel)

    • Buria
    • 18. Februar 2013 17:50 Uhr

    Das gejammere ist doch lächerlich. Der Markt wird auch insbesondere durch den Service bestimmt. Da ist Amazon einfach ungeschlagen. Wer die Macht bei Amazon kritisiert, sollte auch die Konkurenten kritisieren, wenn die besser werden, geht auch der Marktanteil bei Amazon zurück.
    Sozialromantik ist in der Tat unangebracht, Leistung lohnt sich.
    Aber selbstverständlich geht eine Sicherheitsfirma überhaupt nicht, die MA drangsaliert. Aber hier hat Amazon ja reagiert.

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    Service? Das was Amazon an Service bietet ist doch in allen online-Shops längst Standard. Amazon mag im Punkt Service eine Vorreiterrolle gespielt haben, aber die Mitbewerber haben da doch längst gleichgezogen. Jetzt ist Amazon vor allem eine Datenkrake.

    • greuel
    • 18. Februar 2013 17:50 Uhr

    Dass sich die Politik jetzt so empört, empfinde ich als Hohn. Die Arbeitsbedingungen bei solchen Unternehmen und auch bei den angegliederten Paketdienstleistern sind seit Jahren bekannt.

    Es ist die Aufgabe der Politik, hier Rahmenbedingungen zu schaffen. Gerade der Mindestlohn wird hier immer gefordert, aber von der Koalition abgelehnt.

    Man muss sich nicht wundern, wenn es solche Unternehmen wie Amazon gibt, die diese Bedingungen ausschöpfen.

    Der Skandal betrifft nicht Amazon, und nicht Amazon sollte die Lizenz entzogen werden, sondern der Regierung, die es nicht schafft, solche Praktiken zu verbieten. Amazons Aufgabe ist es Geld zu verdienen (das scheinen sie gut zu können). Die Aufgabe der Regierung ist es, uns zu schützen vor Ausbeutung. Wenn Frau von der Leyen jetzt Krokodilstränen weint, dann zeigt sie nur ihre Inkompetenz und dass sie nicht in dieses Amt gehört.

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    • Supi
    • 18. Februar 2013 20:05 Uhr

    "Der Skandal betrifft nicht Amazon, und nicht Amazon sollte die Lizenz entzogen werden, sondern der Regierung, die es nicht schafft, solche Praktiken zu verbieten"

    Ähm, die Politik will diese Praktiken nicht verbieten. Sie will sie fördern und fördert sie.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte ARD | Amazon | Jeff Bezos | Börsenaufsicht | SEC | Verlag
Service