"Unwahrscheinlich, dass sich das Gefühl ihrer frisch gesprossenen, streichholzkopfkurzen Haarspitzen unter meiner Handfläche nach mehr als 24 Jahren noch wiedererwecken lässt...", so fängt Lisa Kränzlers Roman an, die Geschichte einer seltsamen Beziehung zweier Mädchen. Nachhinein erzählt von einer Kindheit, in der es nicht nur Spaß, sondern auch Langeweile gibt, und in der Spiel und Ernst nie ganz zu trennen sind. 

Eine Mädchenfreundschaft vom Kindergarten bis in die Anfänge der Pubertät: Die Protagonistinnen heißen "vielleicht Lotta, vielleicht Luisa, vielleicht Luzia" und "Jasmin oder Celine oder Justine". Sie tragen austauschbare Namen, die auf austauschbare Kindheiten verweisen, auf Akademiker- und Arbeiterkind, Holz- und Plastikspielzeug, Gymnasialempfehlung und Sitzenbleiben in der Grundschule.

Mit einem Auszug aus Nachhinein trat die in Freiburg lebende Autorin im vergangenen Sommer beim Ingeborg-Bachmann-Preis an und gewann den in diesem Rahmen vergebenen 3Sat-Preis. Mittlerweile ist der Roman, Kränzlers zweiter, auch für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Erzählt wird zum größten Teil aus der Sicht von LottaLuisaLuzia, die, obwohl sie anderthalb Jahre jünger ist als ihre Freundin, die Spiele der beiden dominiert und ihnen immer wieder sexuelle oder gewalttätige Wendungen verleiht. Spiel, Sex und Gewalt bleiben auch im weiteren Verlauf die großen Konstanten der Erzählung, verlieren jedoch zunehmend an Harmlosigkeit, insbesondere als JasminCelineJustine wiederholt vom eigenen Vater vergewaltigt wird. Doch nicht der Missbrauch, sondern ein Unfall, durch den sich LottaLuisaLuzia schwer verletzt, verändert das Verhältnis der beiden Mädchen schließlich grundlegend.

Sexualisierte Kindheiten

Der Verlust der Kindheit scheint im Roman untrennbar mit Sexualität verbunden zu sein. JasminCelineJustines Kindheit findet durch die Übergriffe ihres Vaters ein unwiderrufliches Ende. Auch LottaLuisaLuzias Kindheit ist längst vorbei und nie wieder zugänglich. Ihre Ausführungen sind voll von drastischen Formulierungen und nachträglichen Interpretationen. Der naiv-kindliche Blick auf die Welt kann höchstens simuliert, nie aber zurückgeholt werden. Kein Spiel, das nur Spiel sein darf: Hinter jeder Kinderhandlung wird ein nachträgliches Motiv gefunden, das fast immer sexueller Natur ist. Der Vater sexualisiert seine minderjährige Tochter, die Erzählerin ihr kindliches Ich.

Die 1983 geborene Lisa Kränzler ist studierte Malerin, was man Nachhinein durchaus anmerkt. Wörter setzt sie so präzise wie Pinselstriche und evoziert dadurch detailreiche Bilder. Ihr Hang zu Adjektiven und das häufige Auslassen der Verben erzeugen punktgenaue Schilderungen einzelner Szenarien, lassen die Erzählung jedoch oft auf der Stelle treten.

"Beide Buchstabenkombinationen erzählen von großen Durchbrüchen, vom Austreten von Blut-, Gehirn-, Gleit- und Samenflüssigkeiten, von klaffenden und glitschigen Spalten, vom Eindringen und Aufnehmen, Biegen und Brechen, Leben und Tod, vom frontalen Aufprallen und von horizontalen Stößen, vom Bums, vom Krachen und Quietschen, vom Risiko, Hinfallen und Zufällen, vom Erwachsenwerden, von hart auf weich und hart auf hart und von der Allmacht der physikalischen und chemischen Gesetze, denen unser Menschsein von Anfang an unterworfen war, ist und sein wird."