Otfried PreußlerDer unbeirrbare Fantast

Otfried Preußler war ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Mit seinen Büchern setzte er der unbeschwerten Kindheit viele kleine Denkmale. von 

Für einen Moment stehen sie alle wieder da: der Kasper, der Seppel, Hexe, Gespenst und Wassermann, die Großmutter mit ihrer Kaffeemühle und Wachtmeister Dimpfelmoser auf dem Fahrrad, der verwarzte Petrosilius Zwackelmann, der düstere Müller und die Krähen und hinterdrein, mit dröhnendem Lachen, auch der struppige Räuber Hotzenplotz, seine Pfefferpistole im Anschlag. Plötzlich sind sie an diesem Tag erschienen, in den Erinnerungen all jener, die mit ihnen groß geworden sind, Buch für Buch, Kapitel für Kapitel, vorm Zubettgehen und darüber hinaus. Nur der Schöpfer dieser Gestalten ist jetzt fort. Otfried Preußler ist tot. Der unbeirrbare Fantast, der große Verzauberer, das "Einmanntheater vor lebendigem Publikum", wie er sich selbst manchmal nannte. Der die Autonomie der Kindheit verteidigte, der Kinder zum Lachen bringen wollte und auch ihre Eltern.

Preußler, geboren 1923 im böhmischen Reichenberg, Sohn einer Lehrerfamilie, selbst aufgewachsen mit den Märchen seiner Eltern. Der Krieg kam, und Preußler geriet in sowjetische Gefangenschaft, das war 1944. Nur durch einen Zufall fand er seine Familie wieder, die aus Böhmen vertrieben worden war. Fünf Jahre später. In Oberbayern, wo Preußler seither nahe Rosenheim, zuletzt sehr zurückgezogen bis zu seinem Tode lebte.

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Es war sein Beruf, der ihn zum Geschichtenerzähler machte: Schulmeister. Sein Rektor riet ihm, auf der Geige zu spielen, wenn die Schüler ihm zu wild wurden. Weil Preußler das nicht konnte, fand er zurück zu den Märchen, durchwirkt von jenen, die sein Vater ihm schon erzählte, von den, wie er sagte, "großen Wäldern, die tausend und abertausend Geschichten, die sie umschließen". Bald, 1956, erschien Der kleine Wassermann, Preußlers erstes Buch, mitten in der Nachkriegszeit, in der Märchen wenig Beachtung fanden. Der abenteuerlustige kleine Wassermann, den es immer wieder wegzieht vom Weiher zu den Menschen dort am Ufer, was bei Regen nicht so schlimm ist. Der das Spiegelbild des alles versilbernden Monds einfangen will, damit es nicht davonfließt.

Geprägt von Böhmen

Preußlers Geschichte zwischen Muscheln und Fischen, einer Art Gegenwelt zur menschlichen, entsprang der Erinnerung an seine eigene Kindheit. Einer Sprache, geprägt von seiner böhmischen Herkunft, in der es heiter zuging und manchmal derb und knorrig. Preußler schrieb Bücher, aus denen ihre direkte Mündlichkeit trat. Er erdachte seine Geschichten auf langen Spaziergängen, nahm sie auf dem Diktiergerät auf und überarbeitete sie – die Kinder würden ihm schon sagen, ob's passt. Und es waren die Kinder, die es sich in Preußlers Fantasie häuslich machten, es sich einrichteten in seinem lebendigen Sprachreichtum. Bis heute sind Preußlers Bücher weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkauft.

Während die Kinder in seine Gedanken eintauchten, wurden die Literaturkritiker zuweilen grimmig. Sie führten Wörter wie Spießbürgerlichkeit und Kindertümelei gegen Preußlers Literatur im Munde. Seine Bücher seien vereinzelnd und anachronistisch. Nicht nur Preußlers Wassermann, auch die Kleine Hexe und der Räuber Hotzenplotz passten nicht in die Vorstellung von Nützlichkeit, wie sie die Pädagogik forderte und auch nicht in die einer antiautoritären, politischen Literatur.

Pflaumenkuchen mit Schlagsahne

In den Augen vieler waren es verantwortungslose Kinderbücher, sie begriffen im Falle des Hotzenplotz Kriminalität nicht als soziales Problem. Ja, es war ein Idyll, in das Hotzenplotz einbrach und die Kaffeemühle von der Großmutter stahl, die daraufhin in Ohnmacht fiel. Eine Welt, in der es Bratwurst und Sauerkraut gibt, Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. Der Polizist ist ein Trottel, ein bayerischer Dimpfel, der schon in seinem Namen steckt. Und die Kinder Kasper und Seppel müssen am Ende alles wieder in Ordnung bringen.

Die Welt war in Preußlers Vorstellung nicht heil. Sie war aber heilbar. Daran glaubte er, er war ein optimistischer Autor. Und im Vorwurf der Weltfremde lag ein kurioses Missverständnis von fantastischer Literatur, das auch Preußlers Zeitgenossen traf: Max Kruse, den Erfinder von Urmel, gleichermaßen wie Michael Ende.

Leserkommentare
  1. Das muß doch körperlich weh tun, so etwas zumal in diesem zusammenhang niederzuschreiben.

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    Redaktion

    Sehr geehrter Sir john Falstaff,

    danke für den Hinweis. Wir haben die Stelle geändert.

    Mit bestem Gruß,
    D. Hugendick

  2. Redaktion

    Sehr geehrter Sir john Falstaff,

    danke für den Hinweis. Wir haben die Stelle geändert.

    Mit bestem Gruß,
    D. Hugendick

  3. Otfried Preußler wurde in "Reichenberg/Liberec" in Böhmen geboren und nicht in "Reichenbach". Das befindet sich in der Oberlausitz.

    Er wird sicher vielen fehlen, die mit seinen Büchern aufgewachsen sind.

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    Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis.

    Mit besten Gruß,
    D. Hugendick

    • FranL.
    • 20. Februar 2013 20:04 Uhr

    Es gibt auch ein Reichenbach im Vogtland.

  4. "Seine Bücher seien vereinzelnd und anachronistisch. Nicht nur Preußlers Wassermann, auch die Kleine Hexe und der Räuber Hotzenplotz passten nicht in die Vorstellung von Nützlichkeit, wie sie die Pädagogik forderte und auch nicht in die einer antiautoritären, politischen Literatur."

    Ja, gewiss, die Kritiker haben recht. Denn Otfried Preußler war Dichter von etwas und nicht Dichter für etwas - wie alle großen Dichter.

    5 Leserempfehlungen
  5. Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis.

    Mit besten Gruß,
    D. Hugendick

    Antwort auf "Korrekturhinweis"
    • Cl4TR0N
    • 20. Februar 2013 17:07 Uhr

    Einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts ist gegangen.
    Ein Lebenswerk der Erhellung, nicht nur von Kindergesichtern und -Herzen.
    Sehr traurig und schade.
    Mein Lichtblick bleibt die Gewissheit, dass seine Werke zukünftigen Generationen erhalten bleiben werden.
    An Herrn Hugendick ist zu sagen:
    Ein sehr schöner und würdiger Artikel.

    3 Leserempfehlungen
    • sinta
    • 20. Februar 2013 17:09 Uhr
    7. Krabat

    "Mit seinen Büchern setzte er der unbeschwerten Kindheit viele kleine Denkmale."

    Bei diesem Satz musste ich gerade ein wenig schmunzeln. Vor circa 3 Jahren, mein Sohn damals 11 Jahre, fängt an den Krabat zu lesen. Nach einer Weile kommt er sehr empört, mit Tränen in den Augen, zu mir und sagt: Der ist ja gestorben (Tonda) und knallt das Buch auf den Tisch und geht wieder in sein Zimmer und hat für den Rest des Abends nicht mehr mit mir gesprochen. Am nächsten Tag nimmt er sich das Buch wieder und liest weiter. Und wieder kommt er nach einer Weile und sagte zu mir: Wenn Krabat auch stirbt, sag mir es gleich, sonst werde ich nie wieder ein Buch lesen.
    Tja, und heute? Heute liest er die 'Dresden-Files' auf Englisch. :)

    3 Leserempfehlungen
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    das zu sagen: ich habe den "Krabat" als 10-jährige gehasst. Es war eklig uber zermahlene Knochen zu lesen und schwarze Vögel in die man mal eben verwandelt werden konnte. Gut, wenn Hr. Preussler das als Aufarbeitung seiner Gefangenschaft begriffen hat, hat zumindest er davon profitiert. Ich habe danach nie wieder ein Buch von ihm gelesen..

    Requiescat in pacem.

    • Kometa
    • 20. Februar 2013 17:10 Uhr

    Max Kruse und Michael Ende sind für ihre Art der literarischen Phantastik und kindlichen Ästhetik nicht gescholten worden.
    Da hätten Sie mal recherchieren sollen und hier ihre verquere Gleichsetzung mit Quellen belegen (können).

    Bei Leserkommentaren im SPIEGEL z.B. wird dem Leser klar und ist belegt, wie die Bildung sich in Schwarz/Weiß-Bläh-Urteilen und -Bildern ausprägt bei Totzenplotz, äh: Hotzenplotz-Dummheiten á la Preußler-Phantasien von Gut und Böse.

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    @Kometa: Was möchte Sie mit Ihrem Kommentar sagen?

    Und diesmal in zusammenhängenden Sätzen und in halbwegs korrektem Deutsch. Sie wollen doch Ihre Meinung kundtun, dann müssen Sie das auch so tun, dass man eine solche erkennen kann.

    Sind wohl Lehrerin bzw. Lehrer? Oder, mindestens verkappt?
    Ansonsten: Lassen Sie einen Nachruf einen Nachruf sein. Auf einen großen Mann, der mehr als für ein Leben erlebt hatte und Kinder - und Erwachsene - phantasievoll und heiter prägen wollte. Die Größe sollten Sie haben, ihm dieselbe zuzugestehen.

    ... und nett wäre es auch, wenn Sie etwas genauer wären hinsichtlich der Leserkommentare bei Spiegel Online. Ich hab sie jedenfalls nicht gefunden.

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