Literaturnobelpreisträger : Zweifel an der Todesursache von Pablo Neruda

Die Leiche des Schriftstellers Pablo Neruda soll exhumiert werden. Die Kommunistische Partei Chiles vermutet, der Literaturnobelpreisträger sei umgebracht worden.

Es ist nur eine Meldung unter vielen, gegen die Berlinale-Topnachrichten hat sie kaum eine Chance. Doch sie ist immerhin bezeichnend für die schwierige Vergangenheitsbewältigung in Chile. Am Freitag hat die chilenische Justiz angeordnet, die sterblichen Überreste des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda zu exhumieren. Der Grund: Es gibt Zweifel, dass Neruda am 23. September 1973, knapp zwei Wochen nach dem Sturz von Salvador Allende, tatsächlich an den Folgen seiner Prostatakrebs-Erkrankung gestorben ist. Womöglich ist er von Pinochets Schergen umgebracht worden. Das zumindest glaubt Chiles Kommunistische Partei, die die Exhumierung 2011 beantragt hatte. Und insbesondere Nerudas Sekretär und Fahrer Manuel Araya, der den Dichter kurz vor dessen Tod in eine Klinik in Santiago de Chile gebracht hatte. Dort sei ihm, so Araya eine "mysteriöse Spritze" gegeben worden.

Bezeichnend an der Meldung ist zudem, dass sie überhaupt den weiten Weg nach Europa geschafft hat. Man hört sonst nicht gerade viel aus dem langgestreckten, schmalen Land im Westen Südamerikas, selbst wenn Isabel Allende glaubt, man brauche dort "nur einen Stein anzuheben, und statt einer Eidechse kriecht ein Dichter oder Liedermacher darunter hervor". Hier ein Erdbeben, dort verschüttete Bergleute – ansonsten scheint sich alles, was in Chile passiert und dann hierzulande vermeldet wird, um die 16 Jahre währende Militärdiktatur von 1973 bis 1989 zu drehen. Da mag es eine boomende Filmindustrie geben und eine Jugend, die vor allem Reggaeton hört und sich betont unpolitisch gibt; da mag mit Michelle Bachelet vier Jahre lang eine Frau erfolgreich die Geschicke des Landes geführt haben. Und da mag es ein phänomenales Wirtschaftswunder geben, das selbst in abgelegensten Wüstenorten zu erleben ist: Die Pinochet-Vergangenheit schafft es am ehesten in die Nachrichtenagenturen; sie macht die zeitgenössische chilenische Literatur, so sie sich mit dem Putsch und den Folgen beschäftigt, sofort attraktiver. Und sie ist aber auch in Chile selbst enorm präsent: Das Land ist weiterhin in zwei große Lager geteilt. Das eine ist fest überzeugt, dass der Wirtschaftsboom nicht zuletzt Pinochet und seiner Diktatur zu verdanken ist, weshalb es an der Aufklärung der Pinochet-Verbrechen nur vages Interesse hat. Das andere Lager tut genau für diese Aufklärung alles, die Exhumierung des Dichters passt da ins Bild.

Vermutlich aber geht es dem toten Neruda wie dem toten Allende, der im Mai 2011 ebenfalls exhumiert worden war, weil man seinen Selbstmord anzweifelte, nur um ihn danach zu bestätigen: Pablo Neruda wird in seiner letzten Ruhe aufgescheucht, Hinweise für eine Ermordung aber werden nicht gefunden.

Erschienen im Tagesspiegel

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