Roberto BolañoLeben im ganz bezaubernden Wartezustand

Roberto Bolaños letzter Roman "Die Nöte des wahren Polizisten" ist respektlos, voller poetischer Kraft und Komplexität. Er ist ein Meisterwerk. von Leonie Meyer-Krentler

Einige Jahre nach seinem Tod wurde Roberto Bolaños Jahrhundertroman 2666 veröffentlicht. Seitdem gibt es den Bolaño-Effekt: Kein Buch, das nicht gefeiert wird, allein weil es vom Schreibtisch des 2003 gestorbenen Chilenen stammt. Nach Das Geheimnis des Bösen und Das Dritte Reich, beides bemerkenswerte, aber nicht überwältigende Texte aus früheren Schaffensperioden des Autors, ist nun Bolaños letzter Roman aus dem Nachlass ins Deutsche übersetzt worden: tatsächlich ein Meisterwerk!

Bolaño hatte an diesem Roman seit den 1980er Jahren bis zu seinem Todesjahr gearbeitet, und vielleicht macht gerade das diesen Text so besonders: Dass er die poetische Erzählkraft, den Humor, die Liebe zu jungen, mittellosen Dichterfiguren des jungen Bolaño mit der erzählerischen Komplexität und Erfahrung des älteren Schriftstellers vereint. Obwohl Bolaño die Arbeit an diesem Text nicht abgeschlossen hatte, bevor er im Alter von 50 Jahren an einer Leberkrankheit starb, wirkt der Roman nicht unfertig. Das Fragmentarische hat Bolaño schon in anderen Texten zur Vollendung geführt, indem er seine Romane aus sehr vielen Episoden und Figurenberichten montierte, ohne dabei den Spannungsbogen zu verlieren.

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So ist es auch hier: Bolaño erzählt, wie der Literaturprofessor Amalfitano nach der Affäre mit einem Studenten in Barcelona von der Universität verwiesen wird, und nur ein einziges neues Stellenangebot bekommt: aus Santa Teresa im Norden Mexikos, eine marginale Universitätsstadt, die eher durch zahllose Frauenmorde bekannt geworden ist als durch wissenschaftliche Erfolge. Amalfitano beginnt mit seiner Tochter Rosa ein neues Leben in Mexiko, findet in dem Kunstfälscher Castillo einen neuen Liebhaber und wechselt Briefe mit seinem Geliebten, dem aidskranken Dichter und Exstudenten Padilla in Barcelona. Bald zieht Amalfitano die Aufmerksamkeit der örtlichen Polizei in Santa Teresa auf sich, deren Verwicklungen in Drogen- und Mordgeschäfte Bolaño mit dem ihm eigenen schwarzen Humor in Szene setzt.

Insbesondere aber entfaltet Bolaño in diesem Roman seine Visionen von Literatur und literarischem Leben. "Unterm Strich spiegelte das Panorama der Poesie im Grunde den (unterschwelligen) Kampf zwischen schwulen Dichtern und Dichterschwuchteln um die Vorherrschaft über das Wort wider", zitiert Bolaño seinen Roman Die wilden Detektive, in dem eine Gruppe junger Poeten in Mexiko Stadt literarische und sexuelle Initiationsjahre erlebt. Die lateinamerikanische Literaturlandschaft wird einmal mehr diesem Kampf zugeordnet, Vallejo und Martín Adán erscheinen als "echte Schwule", Huidobro als "Schwuchtel", dann gibt es da noch "Trinen à la Alfonos Cortés", "warme Brüder vom Schlage eines León Greiff" und unzählige Varianten mehr.

Auch den spanischen Literaturbetrieb kommentierte Bolaño im echten Leben gern mit Metaphern männlicher Sexualität: eine einzige Orgie der Selbstbefriedigung, die Bolaño hier respektlos, aber durchaus zugeneigt inszeniert und dabei die seltene Kunst beherrscht, ohne Schwulst oder allzu viel Zynismus ausgiebig über das sexuelle Leben seiner Figuren zu berichten. Seinen von Beginn an als Außenseiter agierenden Professor lässt er einen alternativen Literaturunterricht erteilen: Er widmet sich dem Werk marginalisierter Autoren wie Rodolfo Wilcock und Osman Lins, lehrt nicht den Kanon, sondern die vergessene Literatur.

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    • Schlagworte Drogen | Humor | Mexiko | Barcelona | Mexiko-Stadt
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