Comicmagazin "Orang"Sag zum Abschied leise Metal

Das Indie-Comic-Magazin "Orang" war jahrelang eine Institution in der aufstrebenden deutschen Zeichnerszene. Jetzt mit der zehnten Ausgabe verabschiedet es sich. Wie schade. von Frank Schäfer

© Reprodukt

Die praktizierenden Heavy Metal-Fans haben es immer gewusst, aber jetzt hat man es endlich schwarz auf weiß, zumindest in einem Comic: "Intensives Headbangen hat viele positive Auswirkungen auf Geist und Seele. Vor allem werden Aggressionen und andere negative Energien abgeleitet. Sie entweichen durch das Sakralchakra am Ende des Kopfes. Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit kennzeichnen den regelmäßig Übenden", sagt der Seminarleiter von Kursus 666, Einführung in die ganzheitliche Praxis des Headbangens. Und man sieht daneben in einer Gedankenblase die Friedlichen oder doch eher Fertigen, wie sie nach entschiedenem Drogengebrauch in den Seilen hängen resp. in der eigenen Kotze liegen.

Metal-Parodien sind meistens wohlfeil und bleiben oft auch merkwürdig stumpf. Kein Wunder, das Parodistische gehört so unmittelbar zu diesem Genre, dass die intendierte komische Verzerrung als eine bloße Verdopplung erscheinen muss. Insofern ist die beste Karikatur des Heavy Metal der Heavy Metal selbst. Seine größten Apologeten wissen das auch und lassen sich den Spaß nicht verderben.

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Dass Marijpols Comic-Satire Kursus 666 dennoch funktioniert, liegt an ihrer guten Kenntnis der Gemeinplätze sowohl aus der Bild- als auch der Gedankenwelt des Metal. Diese einigermaßen dubiose Mischung aus halbverdauten kulturkonservativen Ideologemen, purem Hedonismus und heidnisch-martialischer Symbolik hat sie ziemlich gut getroffen. Und da sie das alles noch schön vermischt mit dem gängigen, nach wissenschaftlicher Anerkennung heischenden Esoterik-Jargon, hat man durchaus seinen Spaß.

Das Comic Magazin Orang widmet seine zehnte und letzte Ausgabe dem weiten Feld des Heavy Metal. Warum ausgerechnet Metal? Das sei schon für einige Zeit sein Wunschthema gewesen, sagt der Herausgeber Sascha Hommer. In den zurückliegenden Ausgaben hätten sich aber in der Redaktion immer andere Themen durchgesetzt, "Das Ende der Welt" etwa oder "Unendliche Geschichten" und zuletzt "Atlas".

Der Riesentintenfisch "Fender Mom"

Orang hat sich in den Jahren seines Bestehens von einer Spielwiese für Zeichner zu einer Institution in der Indie-Comic-Szene entwickelt, nicht zuletzt seitdem sich der Verlag Reprodukt um seine Belange kümmert. Zunächst war es eine Plattform für Arbeiten aus dem Hamburger Studentenmilieu. Neben Hommer gehörten die befreundeten, mittlerweile ebenfalls längst namhaften Künstler Arne Bellstorf, Line Hoven und Till D. Thomas zum engeren Mitarbeiterstab. Hommer sagt, in Orang konnten sie gemeinsam "die professionelle Produktion von Büchern erlernen und Verlage auf junge Zeichner und Zeichnerinnen aufmerksam machen". Später sahen sie es als ihre Aufgabe an, die deutschen Künstler in einen internationalen Kontext zu stellen. "Und auch dies haben wir über einige Ausgaben erfolgreich bewerkstelligt", sagt Hommer.

Jetzt hat das Projekt offenbar seinen Zweck erfüllt. Eine Publikation wie Orang, sagt Sascha Hommer, werde immer ein Nischenprodukt bleiben. Hauptsächlich für Fachpublikum. Angesichts der Qualität des Heavy Metal-Bandes darf man allerdings bedauern, dass nun Schluss ist.

Die eingeladenen Künstler umspielen das Thema recht frei. Neben Marijpol beziehen sich nur Anna Haifisch und Martina Lenzin auf die Musik im engeren Sinne. Haifischs formal eher rüder Funny-Comic Fender Mom nimmt die notorische Anthropomorphisierung der Gitarre im Rock’n’Roll wörtlich und dichtet der bekanntesten, der Fender Stratocaster, eine groteske Sozialisationsgeschichte an. Vom Riesentintenfisch Fender Mom geboren, von Riesenfledermäusen aufgezogen, gefüttert mit "Gräupchen und Blut", in den Schlaf gesungen von Judas Priests Breaking the Law – wer "solch eine Gitarre" spielen will, muss sich ihr erst einmal würdig erweisen. Die beiden Protagonisten in der Geschichte gehen zwangsläufig leer aus, sie sind "zu jung“, können "noch keine Verantwortung übernehmen". "Fender Mom hat heute schlechte Laune", sagt der Verkäufer am Ende, kein geringerer als der Tod in Person.

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    • Schlagworte Heavy Metal | Graphic Novel | Comic | Zeitschrift | Literatur
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