Stéphane HesselÄsthetik der Empörung

Stéphane Hessel gab der Politik Würde. Seine geistreiche Fröhlichkeit brachte Jung und Alt dazu, über ihre Eigenverantwortung nachzudenken. von 

Stéphane Hessel im Januar 2012

Stéphane Hessel im Januar 2012  |  © AFP/Patrick Kovarik/Getty Images

Stéphane Hessel, in der Nacht zum Mittwoch gestorben, war die Widerlegung des Vorurteils, Politik sei grau und klein, zynisch, unschön und außerdem die Sache der anderen. Das Unglück, im Europa des 20. Jahrhunderts zu leben, schmiedete er in politisches Engagement um, und das dauerte bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Als Hessel vor zweieinhalb Jahren seinen Aufsatz Empört euch! schrieb, traf er den Nerv vieler Bürger, die sich genau diese Frage stellten: Können, sollen wir uns engagieren, und welchen Sinn hat es?

In seiner Broschüre antwortete der temperamentvolle Greis, was er in öffentlichen Auftritten lächelnd, mit entwaffnender Fröhlichkeit und sprühendem Elan in einer Weise vertrat, dass ihn Jung und Alt anhimmelten: Nämlich dass keine Macht und kein Gott dem Individuum die Verantwortung abnehmen kann, sich zu engagieren. Hessel bezog sich auf Sartre, den er 1939 in Paris kennen gelernt hatte: Jeder ist, als Einzelner, verantwortlich. Und erst im Engagement schafft sich das Individuum selbst. Hessel schrieb: "Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen 'ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch'. Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören und das Engagement, das daraus folgt."

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Er wird in Berlin geboren, am 20. Oktober 1917, also im Krieg, und kurz vor dem Sturm auf das Winterpalais in Sankt Petersburg. Sein Vater, der Schriftsteller Franz Hessel, ist ein protestantisch getaufter Jude. Mit Stéphane Hessels Mutter Helen und dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché unterhält Franz Hessel zeitweilig eine Dreiecksbeziehung, die in dem Roman und dem Film Jules et Jim verewigt wurde.

Erst Kriegsgefangenschaft, dann Buchenwald

Um Henri-Pierre näher zu sein, und weil Helen eine passende Arbeit gefunden hat, zieht die Mutter 1925 von Berlin nach Paris, der Vater pendelt. Stéphane bleibt bei der Mutter, geht zur Schule, studiert und lernt in Paris bedeutende Intellektuelle und Künstler kennen. Er wird französischer Staatsbürger.

Im Herbst 1939 wird er eingezogen, gerät in Kriegsgefangenschaft, flieht und schließt sich dem Widerstand an, bis die Deutschen ihn inhaftieren. Sie foltern ihn, deportieren ihn nach Buchenwald. Dort gelingt es Hessel, die Identität eines sterbenden Mitgefangenen anzunehmen, er wird noch einige Male deportiert und wegen mehrerer Fluchtversuche beinahe gehängt. Schließlich entkommt er auf dem Weg in das Lager Bergen-Belsen und schließt sich den amerikanischen Truppen an, mit denen er später in Paris einmarschiert. Für das neue Frankreich wird Stéphane Hessel UN-Diplomat, ist Mitverfasser der Charta der Menschenrechte und bleibt diesem Thema von nun an jahrzehntelang treu.

Bewegung der Empörten

Der europäischen Öffentlichkeit rief er sich durch die eingangs erwähnte Broschüre ins Gedächtnis, die Ende 2010 eine Millionenauflage erreichte. Die Bewegung der Empörten, die damals in einigen europäischen Hauptstädten aufflackerte, berief sich auf ihn; viel gelesen wurde er auch in Frankreich, wo die Mobilisierung allerdings schwach blieb. Zu einem neuen 1968 kam es nicht.

In Empört Euch! verrannte Hessel sich in Positionen, die auch in der Linken, zu der er gehörte, auf scharfe Kritik stießen. Hessel, erklärter Gegner der Politik Israels, schrieb darin: "Ich weiß, dass die Hamas, die die jüngsten Wahlen gewonnen hat, nicht vermeiden konnte, dass als Antwort auf die Situation der Blockade und Isolierung, in der sich die Gazabewohner befinden, Raketen auf israelische Städte abgeschossen wurden."

Leserkommentare
  1. Ich habe Hessels Manifest gelesen obwohl ich alles andere als ein engagierten "Indignado" bin.Hessels Haltung ist eine gesunde Haltung protestantischer Prägung geblieben.Diese Haltung fordert von jedem einzelnen sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen und sich nicht der Gleichgültigkeit hinzugeben.(Herzensträgheit ist eine Todsünde bei den Christen).

    Aber Hessel hatte einen "einfacheren" Kampf.Seine Feinde hatten Uniformen,Gesichter und eine andere Sprache,seine Feinde waren klar definiert.

    Hessels Aufruf fand wenige Gefolgschaft,weil der Kampf der "Empörten" ein diffusser Kampf gegen ein System ist und zwar ein System,zu welchen die "Empörten" unbedingt gehören wollen,die "Indignados" wollen Arbeit,Ausbildung,Zukunft wie die Zukunft ihrer Eltern und Grosseltern ein Mal war.Die "Empörten" wollen nicht aus dem Staat Gurkensalat machen (wie die Zürcher Jugendbewegung in den 80'er),sie wollen einen Staat,der ihnen die Versprechungen des Kapitalismus erfüllt.(was berechtigt ist).

    Die "Empörten" wollen die Globalisierungsparty nicht sprengen.Sie wollen daran teilnehmen,was aber von der Schuldenkrise nicht möglich ist.

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    insbesondere der jungen Generation möchten sich auch gar nicht empören sondern - wie man diese Woche erneut anlässlich einer Fernsehdiskussion feststellen musste - lieber über den Mann lachen gegen den Monsieur Hessel Widerstand geleistet hat.

  2. insbesondere der jungen Generation möchten sich auch gar nicht empören sondern - wie man diese Woche erneut anlässlich einer Fernsehdiskussion feststellen musste - lieber über den Mann lachen gegen den Monsieur Hessel Widerstand geleistet hat.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Adieu,Monsieur Hessel."
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    • Ziyou54
    • 27. Februar 2013 14:53 Uhr

    wofür er diesen Kampf geführt hat? Bestimmt nicht für eine Finanzdiktatur.
    Ist es nicht seltsam, dass jenes wogegen Verbrecher wie Hitler, Stalin und Ulbricht-Honecker gekämpft haben, sich jetzt immer mehr abzeichnet. Die Wahl in Italien zeigt, die Demokratie ist schon lange kollabiert da korrumpiert.
    Ähnlich wie Ölkonzerne (Die Macht der 7 Schwestern) Präsidenten stellten (selbst am Geschäft beteiligt) und Kriege und Umstürze in ihrem Interesse führten, so läuft das jetzt mit den Finanzkonzernen, die ebenfalls an jedem Krieg mitverdient haben.
    Die Demokratie ist im Westen zu einer Hollywood Show verkommen. Geschichtsfälschungen werden von der First Lady persönlich mit Oscar prämiert und die Zuschauer schlucken es. Hätten die Hollywood Größen Charakter würden sie eine Doku drehen über die Gräuel und das Elend, die der Westen Afrika und dem Orient/Naher Osten angetan hat.

    im Sinne einer Zukunft ohne radikale Strömung müssen wir sogar über Hitler lachen. Denn nur wenn solche Demagogen systematisch lächerlich gemacht werden, wenn ihr Stumpfsinn offen aufgezeigt wird und wenn wir allen zeigen, was von ihnen, entkleidet ihres Charismas übrig bleibt, nur dann können wir sie entzaubern und ihnen ihr Kapital, ihre Anhänger rauben... Es sollte eine kultur des Lachens in diesem Zusammenhang aufkommen.

    WIr sollten nicht mit dem Finger auf Neonazis zeigen, und sagen wie kann man nur... gegen solche Reaktionen können sie sich mit ihrer Verachtung wehren... gegen Lachen nicht.

    Wir sollten also alle lachen und sagen UI ein Neonazi, wie putzig... (gleichsam sollte man übrigens auch mit den Linksradikalen verfahren... die sind nicht viel besser.)

    Das ist der beste weg um mit dem Phänomen Radikalismus klar zu kommen... gegen Humor und Lachen gibt es keinen Schutz.

    • Ziyou54
    • 27. Februar 2013 14:53 Uhr

    wofür er diesen Kampf geführt hat? Bestimmt nicht für eine Finanzdiktatur.
    Ist es nicht seltsam, dass jenes wogegen Verbrecher wie Hitler, Stalin und Ulbricht-Honecker gekämpft haben, sich jetzt immer mehr abzeichnet. Die Wahl in Italien zeigt, die Demokratie ist schon lange kollabiert da korrumpiert.
    Ähnlich wie Ölkonzerne (Die Macht der 7 Schwestern) Präsidenten stellten (selbst am Geschäft beteiligt) und Kriege und Umstürze in ihrem Interesse führten, so läuft das jetzt mit den Finanzkonzernen, die ebenfalls an jedem Krieg mitverdient haben.
    Die Demokratie ist im Westen zu einer Hollywood Show verkommen. Geschichtsfälschungen werden von der First Lady persönlich mit Oscar prämiert und die Zuschauer schlucken es. Hätten die Hollywood Größen Charakter würden sie eine Doku drehen über die Gräuel und das Elend, die der Westen Afrika und dem Orient/Naher Osten angetan hat.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Viele "
    • Ziyou54
    • 27. Februar 2013 15:11 Uhr

    trotz allem was ihm widerfahren war, zeigte er keinen Hass oder Unversöhnlichkeit.
    Er hätte nie gesagt...Zitat Giordano: "Diese Verbrechen können nie gesühnt werden." Ob es an den Genen seiner protestantischen Mutter lag?

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    • Kometa
    • 27. Februar 2013 15:33 Uhr

    Auch für eine EmpörungsÄshetik muss man, äh: der Verbraucher, zahlen. Ob mit Geld, ob mit Geltung, ob mit Geschreib, ob mit Gelust. (Gelust ist übrigens ein 'untergeganges Wort'.)

  3. im Sinne einer Zukunft ohne radikale Strömung müssen wir sogar über Hitler lachen. Denn nur wenn solche Demagogen systematisch lächerlich gemacht werden, wenn ihr Stumpfsinn offen aufgezeigt wird und wenn wir allen zeigen, was von ihnen, entkleidet ihres Charismas übrig bleibt, nur dann können wir sie entzaubern und ihnen ihr Kapital, ihre Anhänger rauben... Es sollte eine kultur des Lachens in diesem Zusammenhang aufkommen.

    WIr sollten nicht mit dem Finger auf Neonazis zeigen, und sagen wie kann man nur... gegen solche Reaktionen können sie sich mit ihrer Verachtung wehren... gegen Lachen nicht.

    Wir sollten also alle lachen und sagen UI ein Neonazi, wie putzig... (gleichsam sollte man übrigens auch mit den Linksradikalen verfahren... die sind nicht viel besser.)

    Das ist der beste weg um mit dem Phänomen Radikalismus klar zu kommen... gegen Humor und Lachen gibt es keinen Schutz.

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    Antwort auf "Viele "
  4. Es ist eine verzwickte Dialektik : Eine Protestbewegung braucht charismatische Anführer, wie St. Hessel es war, jedoch darf es dabei nicht um Personengehen. "Indignez vous" ist ein Aufschrei gegen die Welt der Ungerechtigkeit, in der wir leben müssen. Darum geht es, um diesen Aufschrei. Wer daraus ein Medienereignis gemacht hat, ist letzlich egal Trotzdem : A bientôt, Monsieur Hessel !

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    • dubie
    • 28. Februar 2013 9:05 Uhr

    „protestantisch getaufter Jude" meines Wissens wird man durch die Taufe Christ. Wenn man durch die Herkunftsfamilie zum Judentum gehörte und sich später taufen lässt konvertiert man also zum Christentum. Man ist jedoch kein getaufter Jude.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hamas | Ästhetik | Buchenwald | Frankreich | Raub | Israel
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