250 Jahre Jean Paul : Ein bilderseliger, metaphernsüchtiger Autor

Jean Paul war ein strategischer Trinker und spielte sich gern als Gottvater auf, sagt sein Biograf Helmut Pfotenhauer. Heute ist er aktueller denn je.

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Jean Paul, sind Herausgeber seiner Werke und seines Nachlasses. Konnte Sie beim Schreiben der Paul-Biografie überhaupt noch etwas überraschen?

Helmut Pfotenhauer: Ich habe viel Neues entdeckt, und das hätte ich niemals für möglich gehalten. Beim Schreiben einer Biografie erkennt man erst, was in einem Dichterleben alles gleichzeitig passiert und entsteht – das war das eigentlich Verblüffende. Als Wissenschaftler beschäftigt man sich meist mit einem einzelnen Werk. Beim Betrachten der gleichzeitig stattfindenden Ereignisse lässt sich plötzlich auch der Produktionsprozess besser verstehen.

ZEIT ONLINE: Wie darf man sich diesen Produktionsprozess vorstellen?

Pfotenhauer: Jean Paul hat sich eine richtige Schreibwerkstatt, eine Textwerkstatt eingerichtet. Mit dem Exzerpieren von theologischen, philosophischen und anderen Werken beginnt er schon als 15-Jähriger. Die Exzerpte sind bis zum Ende seines Lebens auf über 12.000 Seiten angewachsen – wir haben dieses Konvolut transkribiert und ins Internet gestellt.

ZEIT ONLINE: Warum sind die Exzerpte von Interesse?

Pfotenhauer: Mit den Exzerpten hat er immer wieder gearbeitet, er hat sie sich durch Register und durch Register der Register verfügbar gemacht. Daraus entsteht dieser oft bizarre Witz bei Jean Paul; die ständigen Vergleiche, die ihm so wichtig sind, stammen zu einem großen Teil aus diesen Exzerpten. Dann gibt es noch eine Reihe von anderen Sammlungen: zum Beispiel Einfälle, Bausteine für künftige Werke, Erfindungen, diverse Keimzellen künftiger Texte also, die er ständig bei sich haben muss. Deshalb reist er nur ungern. Und wenn er verreist, hinterlässt er seiner Familie, sich als Gottvater aufspielend, "zehn Gebote".

ZEIT ONLINE: Was besagen die?

Pfotenhauer: An erster Stelle steht da, dass bei einem Feuer zunächst seine Exzerpte und die anderen Bände der Einfälle gerettet werden müssten. Nicht die Familie soll sich zuerst retten, sondern diese Texte müssen in Sicherheit gebracht werden.

ZEIT ONLINE: Kurios ist, dass dieser Gelehrte und Dichter keine große Bibliothek hat.

Pfotenhauer: Das hat Besucher Jean Pauls frappiert. Selbst seine von ihm geschriebenen Bücher hat er oft nicht parat gehabt. Das hängt damit zusammen, dass für Jean Paul das fertige Werk eigentlich eher uninteressant ist. Ihm geht es um das dauernde Schreiben, um das dauernde Weiterschreiben. Er hat, kaum war er mit einem Buch fertig, sofort eine Neuauflage ins Auge gefasst. Da konnte er neue Vorwörter, neue Nachwörter und dergleichen anbringen. Jean Pauls Werk ist Work in Progress, ein unabschließbarer Schreibprozess.

ZEIT ONLINE: Er scheint mit diesem Work in Progress verzweifelt und heiter zugleich gegen den Tod anzuschreiben. Wenn etwas nicht abgeschlossen ist, ist auch das Leben nicht zu Ende.

Pfotenhauer: Genau so ist es. Das ist ein ganz wichtiges Element bei Jean Paul. Je älter er wird, desto deutlicher sieht man das. Sein Spätwerk, er nennt es selber "Papierdrache", zusammengeleimt aus Textfetzen, soll ein Sammelsurium von Texten sein, die man immer wieder neu kombinieren kann, die niemals fertig sind, sodass eigentlich andere auch über seinen Tod hinaus seine Werke weiterschreiben könnten. Das ist eine erschriebene Unendlichkeit oder Unsterblichkeit. Gegen den Tod anzuschreiben ist ohnehin das Grundmotiv der Literatur. Aber es gibt wenige Autoren, bei denen es so obsessiv betrieben wird wie bei ihm.

ZEIT ONLINE: Jean Paul weiß nicht nur sehr früh, dass er Schriftsteller werden will. Sondern auch, dass sich sein Leben selbst im Schreiben abspielen würde. "Schriftabsolutismus" nennen Sie das.

Pfotenhauer: Er sagt immer wieder, dass sein Leben eigentlich nichts wert sei gegen das, was er schreibt. Sein Leben ist sein Schreiben. Alles dient der Schrift, sowohl seine Freunde als auch seine Familie werden dem untergeordnet. Die Familie ist nebenbei eine Schreibwerkstatt: Die Kinder müssen Manuskripte abschreiben und Tinte produzieren. Alles dreht sich um Schrift. Schrift ist das Absolute in Jean Pauls Leben.

ZEIT ONLINE: Und die Schrift soll auch das zukünftige Leben vorwegnehmen.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt

Kreativität und weltlicher Erfolg allein haben selten dazu geführt dass ihr Subjekt glücklicher geworden wäre. Und seien sie noch so innovativ, gekonnt präsentiert und ausgearbeitet. Im Gegenteil: man kann häufig beobachten dass genau die wichtigste körperliche oder seelische Voraussetzung für den kreativen Prozess immer mehr nachlässt je weiter der Künstler mit deinem Werk voran schreitet. Hesse zum Beispiel war ja auch fast blind und bekam starke Kopfschmerzen vom Lesen. Trotzdem hat er geschrieben wie ein Wilder und bis zum Schluss auch hunderte neu erschienen Bücher rezipiert und besprochen. Aber das trifft nicht nur auf die Stars der Schriftsteller zu. Jawlensky zum Beispiel hat mit zunehmendem Alter unter Rheuma und Arthritis gelitten die ihm das Malen zur Qual machten. Der kreative Prozess kann eine Befreiung sein. Aber man muss den Absprung kriegen. So wie Marcel Duchamps: "Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt"

Dumme Frage

In dem Artikel geht's die ganze Zeit über Schrift, meine dumme Frage betrifft die Aussprache: Heißt Jean Paul (der sich dieses Pseudonym ja in Verehrung für den frankophonen JP Rousseau gegeben hat) eigentlich Schang Pol (Paul französisch ausgesprochen) oder Schang Paul (Paul deutsch ausgesprochen)?